Rom hatte Mahnung mit Blick auf Synodalen Weg veröffentlicht

Reaktionen auf Vatikan-Erklärung: Zwischen "Misstrauensvotum" und Lob

Aktualisiert am 22.07.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Die Erklärung des Vatikan zum Synodalen Weg der Kirche in Deutschland hat Zustimmung und Kritik hervorgerufen: Während der Augsburger Bischof Bertram Meier die Mahnung aus Rom lobte, kritisierte der Schweizer Beobachter Daniel Kosch den kurzen Text als "Stimmungsmache kurz vor der Sommerpause".

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Der Augsburger Bischof Bertram Meier hat die neuesten Aussagen des Vatikan zum Reformprojekt Synodaler Weg in Deutschland begrüßt: "Ich finde es gut, dass der Heilige Stuhl sich zu dieser Erklärung entschlossen hat", betonte er in einer ersten Reaktion. "Das zeigt zunächst, dass man sich in Rom sehr dafür interessiert, was in Deutschland geschieht. Das Einheitsrisiko ist virulent."

Schließlich sage der Vatikan deutlich, dass man die Wege der einzelnen Länder und Bistümer in den weltweiten synodalen Prozess einbinden müsse: "Das kann ich als Weltkirchen-Bewegter und auch als Weltkirchenbischof nur begrüßen." Meier ergänzte, der Vatikan bremse nicht den Synodalen Weg, "aber er versucht, ihn zu kanalisieren und von der Weltkirche anreichern zu lassen".

In einer am Donnerstag veröffentlichten Erklärung hatte der Vatikan die Katholiken in Deutschland vor Alleingängen bei Kirchenreformen gewarnt. Der von den Bischöfen und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) angestoßene Synodale Weg sei "nicht befugt, die Bischöfe und die Gläubigen zur Annahme neuer Formen der Leitung und neuer Ausrichtungen der Lehre und der Moral zu verpflichten."

Bätzing und Stetter-Karp: "Kein deutscher Sonderweg"

Das Präsidium des Synodalen Weges wies die Kritik zurück. "Wir werden nicht müde zu betonen, dass die Kirche in Deutschland keinen 'deutschen Sonderweg' gehen wird", heißt es in einem gemeinsamen Statement des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, und der ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp. Das bringe auch die Satzung des Synodalen Weges zum Ausdruck.

"Dennoch sehen wir es als unsere Pflicht an, klar zu benennen, wo aus unserer Sicht Änderungen notwendig sind. Dabei spüren wir bereits jetzt, dass die von uns benannten Probleme und Fragen weltweit ähnlich sind", so die beiden Präsidenten des seit 2019 laufenden Reformprozesses zur Zukunft der Kirche in Deutschland.

Der Vatikan erklärte, es sei "wünschenswert", dass die Vorschläge des Synodalen Weges "in den synodalen Prozess, auf dem die Universalkirche unterwegs ist, einfließen". Wer als Urheber des Papiers gelten kann, ist bislang unklar. Für viele Beobachter kam die Veröffentlichung überraschend; inhaltlich beruft sie sich auf frühere Äußerungen von Papst Franziskus.

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Die Vatikan-Erklärung könne "inhaltlich nicht überraschen", sagte der Tübinger Kirchenrechtler Bernhard Anuth. Das Papier stelle nur klar, was in der Satzung des Synodalen Weges stehe: Bei Themen, die die Kirche weltweit angehe, könne "jeder Beschluss nur eine Bitte an den Papst" sein. Anuth sagte der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Freitag wörtlich: "Allerdings konnten zahlreiche Äußerungen prominenter Vertreter des Synodalen Wegs so verstanden werden und wurden es wohl auch, als gehe es in Deutschland aktuell doch um konkrete Strukturreformen und Änderungen kirchlicher Lehre."

Die römische Erklärung "dürfte all jene Katholiken weltweit beruhigen, die mit Sorge auf den Synodalen Weg schauen, während bei den reformhoffnungserfüllten Deutschen die erwartbare Ent-Täuschung nur etwas früher eintritt", so Anuth.

Der Kirchenrechtler Thomas Schüller sieht im Schreiben aus dem Vatikan eine politische Drohkulisse für den Synodalen Weg. "Rom pocht auf seinen alleinigen Anspruch, über Bewahrung und Veränderung der Lehre zu entscheiden", sagte Schüller am Freitag dem Evangelischen Pressedienst (epd). Konservativen Kräften in der römischen Kurie und dem deutschen Episkopat sei es augenscheinlich gelungen, bei den Entscheidungsträgern in Rom den Eindruck zu vermitteln, die deutsche Kirche würde sich auf einen nationalkirchlichen Sonderweg hin bewegen, so der Münsteraner Kanonist. Er verstehe die römischen Sorgen nicht, der Synodale Weg sei ein "rechtliches Nullum". Die kirchenpolitische Intervention werde jedoch ihre Wirkung auf "die unentschlossenen, wankelmütigen Bischöfe im deutschen Episkopat" nicht verfehlen.

Schweizer Beobachter hält Klarstellung nicht für nötig

Der Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ), Daniel Kosch, kritisierte die Vatikan-Erklärung. Der Theologe nimmt als Schweizer Beobachter am Synodalen Weg teil. In einem Gastbeitrag für das Schweizer Portal kath.ch (Freitag) schreibt Kosch: "Entgegen der Behauptung der Erklärung des Heiligen Stuhls erachte ich diese keineswegs als 'notwendige' Klarstellung, sondern als unnötige Stimmungsmache kurz vor der Sommerpause."

Kosch kritisierte, der Text aus Rom lasse "in keiner Weise erkennen, dass seine Verfasser sich bemüht hätten, sorgfältig darauf zu hören, was die katholische Kirche in Deutschland auf dem Synodalen Weg beschäftigt und was sie motiviert, diesen anstrengenden Prozess zu gehen - in Glaube, Hoffnung und Liebe zur Kirche, aber auch in berechtigter Sorge um die Glaubwürdigkeitskrise der Kirche, die durch solche Erklärungen unnötig verstärkt wird".

Der Theologe nannte die Erklärung zudem "ein ungeheuerliches Misstrauensvotum" und kritisierte, dass sie auch keinen konkreten Absender habe: "Kein Dikasterium, erst recht kein Vertreter des Heiligen Stuhls übernimmt dafür persönlich Verantwortung. Diese Anonymität verunmöglicht den Dialog und ist mit der Synodalität der Kirche unvereinbar."

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Der Berufsverband der Pastoralreferent*innen teilt die Kritik am Vorgehen des Vatikan. Die Einschätzung, dass die Beschlüsse des Synodalen Wegs die Einheit der Kirche gefährden könnten, sei falsch, heißt es in einem Statement der Delegierten des Berufsverbands beim Synodalen Weg. Kirchliche Reformen in Deutschland seien jedoch nötig. "Eine Ortskirche, weder eine Diözese noch die Gesamtkirche in Deutschland, ist keine Filiale Roms, die lediglich Weisungen entgegen nimmt, sondern echte Teilkirche." Sie könne und müsse ihre eigenen Prozesse führen und ihre Zukunft selbstbewusst gestalten. Gleichzeitig würdigten die Theologen, "dass die römische Kurie die Entwicklungen in Deutschland ernst nimmt".

Die konservative Katholikinnen-Initiative "Maria 1.0" begrüßte hingegen die Vatikan-Erklärung. "Der knapp gehaltene Text lässt keinen Raum für Interpretationen und macht unmissverständlich klar, dass Papst Franziskus von der 'deutschen Synodalität' à la 'Marke Eigenbau' nicht viel halte", so die Leiterin von "Maria 1.0", Clara Steinbrecher. Sie begrüßte, dass der Vatikan mit seiner Erklärung die Synodalen zur Ordnung rufe. "Die Hierarchie der Kirche, ihre Lehre und ihre Moral sind eben nicht beliebig, auch wenn die Unternehmung 'Synodaler Weg' dies suggeriert."

Schwester Anna Mirijam Kaschner warf die Frage auf, ob der Synodale Weg ein Kommunikationsproblem habe. Es sei "offensichtlich der Eindruck entstanden, der Synodale Weg wolle eben doch die Lehre der Kirche verändern, oder eben doch einen Sonderweg gehen", obwohl stets vom Synodalpräsidium beteuert werde, dass man diese Ziele nicht verfolge, heißt es in einer Mitteilung der Generalsekretärin der Nordischen Bischofskonferenz vom Freitag. Kaschner kritisierte zudem, dass Stetter-Karp die flächendeckende Durchführung von Abtreibungen in Deutschland gefordert habe.

Söding: Änderungen sind überfällig

Die Erfurter Theologin Julia Knop dagegen sagte der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), die Sorgen des Vatikan seien unbegründet: Niemand sehe sich befugt, "nationalkirchliche Alleingänge in Fragen zu gehen, die universalkirchlicher Abstimmung bedürfen".

Auch ZdK-Vizepräsident Thomas Söding sieht keinen Anlass, den Synodalen Weg zu beenden. Dieser beanspruche ohnehin "kein Mandat für Veränderungen in der Lehre", sagte er dem "Kölner Stadt-Anzeiger" (Freitag): "Aber dort, wo es klemmt, zum Beispiel in der Sexualethik, gibt es Voten, die weltkirchlich zu beraten und zu entscheiden sind." Er hoffe darauf, dass sie gehört würden. Änderungen seien überfällig. "Rom will mehr Beteiligung der Ortskirchen - dann muss die Zentrale die Initiativen vor Ort auch zulassen", ergänzte Söding. Sämtliche Vorschläge für Reformen der Kirchenleitung stimmten voll mit dem Kirchenrecht überein.

Positiv auf die Einlassungen aus Rom reagierte der Bonner Stadtdechant Wolfgang Picken: "Es war notwendig, dem Synodalen Weg in Deutschland Grenzen aufzuweisen und dem Selbstverständnis mancher Synodaler zu widersprechen." Knop, Söding und Picken sind Mitglieder der Synodalversammlung. Sie ist das oberste Organ des Synodalen Wegs. Bei der Initiative beraten Bischöfe und Laienvertreter vor allem über die Themen Macht, Priestertum und Sexualmoral sowie die Rolle der Frauen in der Kirche. Auslöser ist die durch den Missbrauchsskandal ausgelöste Vertrauens- und Glaubwürdigkeitskrise der Kirche. (rom/KNA/epd)

Ergänzt um die Äußerungen Schüllers und Kaschners.