Trotz aktuell noch hoher Einnahmen sehen die Prognosen düster aus

Kirchensteuer: Das Ende der Goldenen Jahre ist in Sicht

Aktualisiert am 30.07.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ 6,73 Milliarden Euro: Die katholische Kirche hat vergangenes Jahr die zweithöchste Summe an Kirchensteuern eingenommen. Dennoch sehen Experten schwierige Zeiten für die Finanzkraft der Bistümer und Gemeinden kommen.

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Die Zahlen sehen hervorragend aus. Trotz Missbrauchsskandals, Mitgliederverlust und Corona-Pandemie bleiben die Kirchensteuereinnahmen der katholischen Kirche in Deutschland auf hohem Niveau.

Die Einnahmen der 27 Diözesen kletterten mit rund 6,73 Milliarden Euro auf den zweithöchsten jemals gemessenen Wert, wie die Deutsche Bischofskonferenz am Donnerstag in Bonn mitteilte. 2020 waren die Einnahmen zwischenzeitlich auf 6,45 Milliarden Euro gesunken. Im Vor-Pandemie-Jahr 2019 hatte die Kirche die Rekordsumme von 6,76 Milliarden Euro aus Kirchensteuern verzeichnet.

Kurz- und langfristige Belastungen

Ein zweiter Blick zeigt allerdings, dass sich der Horizont verfinstert. Kurzfristig dürften die steigende Inflation, höhere Personal- und Energiekosten sowie Sanierungskosten bei kirchlichen Gebäuden die kirchlichen Haushalte belasten.

Aber auch langfristig dürfte sich die finanzielle Situation zuspitzen. Bereits im Mai hatte der Freiburger Ökonomieprofessor Lars Feld auf dem Katholikentag prognostiziert, dass das deutsche Kirchensteuersystem in wenigen Jahren unter großen Druck geraten wird. Weil ab 2025 die geburtenstarken Jahrgänge das Rentenalter erreichen, sei absehbar, dass die Einnahmen stark zurückgehen würden, sagte Feld. Sie richten sich nach der Lohn- und Einkommenssteuer.

Nun müssten rasch die "Effizienzreserven" beim kirchlichen Vermögen und beim Personal mobilisiert werden, so der Wirtschaftsexperte. Allerdings nehme er wahr, dass die Bereitschaft zu Veränderungen noch gering sei, weil die Einnahmen seit 2009 regelmäßig gestiegen seien. Man habe lange in "goldenen Jahren" gelebt.

Pater Manfred Kollig aus Münster wurde von Erzbischof Heiner Koch zum neuen Generalvikar in Berlin berufen.
Bild: ©Bistum Münster (Archivbild)

Auf dem Katholikentag in Stuttgart verteidigte der Berliner Generalvikar Manfred Kollig die Kirchensteuer: Sie gebe der Kirche Planungssicherheit und sei solidarisch organisiert.

Feld verteidigte gleichwohl das bestehende Kirchensteuersystem. Es sei relativ effizient und wegen der eingebauten Progression für Besserverdienende auch gerecht. "Um dieses System ändern zu wollen, bräuchte man sehr gute Argumente, die sehe ich nicht", betonte Feld, der auch als Berater von Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) tätig ist. Auch zwinge die Kirchensteuer die Kirchen zu einer gewissen Transparenz, nicht zuletzt gegenüber dem Staat.

2019 hatte auch der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen in einer Studie zur Zukunft der Kirche prognostiziert, dass bis 2060 sowohl die Mitgliederzahlen als auch das Kirchensteueraufkommen auf etwa die Hälfte sinken wird.

Auch kirchenintern Kritik

Nicht nur von Kirchenkritikern, auch kirchenintern wird deshalb immer wieder über ein Ende des geltenden Kirchensteuersystems nachgedacht. Der Trend allerdings ist eindeutig: Auf dem Katholikentag verteidigte der Berliner Generalvikar Manfred Kollig die Kirchensteuer, weil sie der Kirche Planungssicherheit gebe und weil sie solidarisch organisiert sei. Die von Kritikern des deutschen Systems vorgeschlagene Übernahme des italienischen Systems der Kirchenfinanzierung erteilte Kollig eine Absage. "Wenn wir das italienische System übernähmen, hätte die katholische Kirche nicht mehr sechs Milliarden Euro im Jahr zur Verfügung, sondern nur noch eine Milliarde. Das hätte Konsequenzen." In Italien müssen alle Steuerzahler 0,8 Prozent ihrer Einkommenssteuer einem guten Zweck widmen, die meisten wählen als Empfänger die katholische Kirche.

Statt für einen Systemwechsel plädierte Kollig für mehr Transparenz und mehr Mitbestimmung bei der Verwendung der Kirchensteuer. Die Gläubigen ermunterte er, auch bei den Bischöfen mehr Druck in diese Richtung zu machen. Die Erwartung, dass ein Rückgang der Kirchensteuern durch massenhafte Austritte zu schnelleren Reformen in der katholischen Kirche führen werde, teile er jedoch nicht.

Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie und Laien-Vertreterin im Verwaltungsrat des Verbands der Diözesen Deutschlands (VDD), wandte sich ebenfalls gegen die Abschaffung des Kirchensteuersystems. Wenn es wegfiele, käme nicht gleich eine Spendentradition wie etwa in den USA zustande. Sie kritisierte, dass die Kirche im Finanzbereich nicht immer ihre eigenen moralischen Ansprüche erfülle. "Es gibt immer noch Bischöfe, die sich den heutigen Standards von Corporate Governance und Compliance verweigern. Sie treiben damit die Kirche in eine immer tiefere Legitimationskrise", kritisierte Müller.

Von Christoph Arens (KNA)