Lisanne Richter kreidet verbale sexuelle Belästigung an

Catcalling-Aktivistin: Mein Engagement ist eine Form von Nächstenliebe

Aktualisiert am 18.08.2022  –  Lesedauer: 
Catcalling-Aktivistin Lisanne Richter
Bild: © Susanne Haupt

Hannover ‐ Drei von vier Frauen kennen verbale sexuelle Belästigung. Das sogenannte Catcalling ist hierzulande kein Randphänomen, sondern trauriger Alltag. Die junge Katholikin Lisanne Richter setzt sich gegen Catcalls ein. Im katholisch.de-Interview spricht sie darüber, was das mit ihrem Glauben zu tun hat.

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Lisanne Richter lebt in Hannover, ist 25 Jahre alt, studiert Englisch und Geschichte auf Lehramt – und ist Aktivistin. Die gläubige Katholikin engagiert sich in der Gruppe "Catcalls of Hannover" gegen verbale sexuelle Belästigung. An sie können sich Betroffene von Catcalling wenden und von ihren Erfahrungen erzählen. Richter und ihre Mitstreiterinnen versuchen durch ihre Aktionen, den Tatort für die Betroffenen wiederzuerobern. Im Interview spricht die junge Frau darüber, was das Ankreiden von Catcalling mit ihrem Glauben zu tun hat.

Frage: Frau Richter, Sie engagieren sich gegen Catcalling. Was ist das überhaupt?

Richter: Unter Catcalling versteht man verbale sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum. Also zum Beispiel Hinterherrufen, Hinterherpfeifen oder Anstarren. Entsprechende Sprüche können sexualisierend, rassistisch oder auch homophob sein. Der Begriff Catcall kommt aus dem Englischen und es ist nicht genau geklärt, wie er entstanden ist. Ursprünglich waren es wohl Buh-Rufe im Theater. Mit der Zeit wurde der Begriff für verbale Belästigungen überwiegend gegenüber Frauen verwendet. Im deutschsprachigen Raum hat er sich schließlich auch durchgesetzt, weil wir auf Deutsch keinen griffigen Ausdruck dafür haben. 

Frage: Ist Catcalling weit verbreitet?

Richter: Auf jeden Fall. Es gibt mittlerweile mehrere Studien zum Catcalling, die das bestätigen. Es wurden vor allem internationale Untersuchungen dazu durchgeführt, eine der größten im Auftrag der Kosmetik-Firma L'Oreal. Aber auch in Deutschland gibt es entsprechende Studien, etwa vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Das Ergebnis einer internationalen Studie war, dass 78 Prozent der Frauen schon einmal Catcalling erlebt haben, andere Befragungen lieferten ähnliche Ergebnisse. Dabei kam auch heraus, dass sexuelle verbale Belästigung meist schon sehr früh erlebt wird: Das Durchschnittsalter beim Erleben des ersten Catcalls ist demnach 13,4 Jahre. 

Frage: Wo liegt die Grenze zwischen einem legitimen Kommentar oder Flirten und übergriffigem Verhalten?

Richter: Flirten hat meiner Auffassung nach zum Ziel, den anderen Menschen kennenzulernen und dem Gegenüber ein gutes Gefühl zu vermitteln. Deshalb macht man auch Komplimente. Beim Catcalling ist es den Tätern jedoch egal, wie sich ihre Opfer fühlen. Oft gehen sie einfach weg, wenn sie ihren Spruch rausgeschrien haben. Wenn sich die Betroffene dann doch äußert und sagt, dass sie sich unwohl fühlt, wird sie ausgelacht und das schlechte Gefühl meist negiert. Generell ist es im Umgang miteinander wichtig, dass es die Zustimmung zur Kommunikation gibt. Aber wenn jemand etwas über die Straße brüllt, das womöglich noch auf den Körper bezogen ist, ist das nicht möglich. Deshalb ist mein "Flirt-Tipp", das Gegenüber ruhig anzusprechen und zu fragen, ob die Störung in Ordnung ist. So kann man eine gemeinsame Basis aufbauen, die Kommunikation auf Augenhöhe ermöglicht. 

Catcalling-Aktivistin Lisanne Richter
Bild: ©Susanne Haupt

Die Studentin Lisanne Richter ist 25 Jahre alt und engagiert sich gegen Catcalling genannte verbale sexualisierte Gewalt.

Frage: Welche Sprüche werden beim Catcalling gemacht? Wie groß ist die Bandbreite?

Richter: Was ich sehr häufig in Berichten von Catcalling-Betroffenen lese ist der Zuruf "Geiler Arsch". Das ist relativ alltäglich. Ich habe aber auch schon folgendes gehört: "So wie sie daliegt, könnten wir sie jetzt locker ficken." Oder: "Willst Du Schlampe mich nicht mal küssen?" Und auch: "Hey Süße, Bock auf 'nen Quicky?" In diesem Bereich spielt sich das typischerweise ab. Manchmal bleibt es aber nicht bei der verbalen Belästigung und der Hintern oder die Brust werden "zufällig" gestreift oder angefasst. Sogar von Exhibitionismus im Zusammenhang mit Catcalling habe ich schon gehört.

Frage: Ich habe nun diese Sprüche gehört und frage mich, warum die Täter das überhaupt sagen. Das wirkt doch wohl auf niemanden besonders freundlich.

Richter: Man weiß nicht sehr viel über die Beweggründe der Täter, weil Erhebungen meist mit den Betroffenen gemacht werden. Es sind tatsächlich hauptsächlich Männer, die Catcalling machen, aber in seltenen Fällen hören wir auch davon, dass Frauen die Täterinnen sind. Auch Männer werden Opfer von Catcalling, aber dann sind die Täter meistens auch männlich. Den Tätern geht es wohl darum, die eigene Macht auszuüben, wie ich einmal von einer Psychologin gehört habe. Oder man möchte sich vor Freunden als besonders "männlich" profilieren. Das wird begünstigt vom patriarchalen Denken, das Frauen primär zu Lustobjekten degradiert. Diese Ansicht herrscht auch in Deutschland immer noch vor. Gesellschaftlich fehlt leider noch viel Respekt gegenüber Frauen, der vom Catcalling abhalten würde.

Frage: Was lösen Catcalls bei den Betroffenen aus?

Richter: Scham, Wut und Angst sind die vorherrschenden Reaktionen der Opfer. Außerdem vermeiden viele Betroffene bewusst, allein an Orte zu gehen, an denen Catcalling droht – was bedeutet, dass man etwa an den Hauptbahnhof nur noch mit Freunden geht. Studien belegen auch, dass Vorfälle verbaler Gewalt depressive Phasen bei den Betroffenen auslösen können, weil das Selbstwertgefühl dadurch in den Keller geht oder man sich sehr schämt. 

Frage: Sie engagieren sich in Hannover mit einer Gruppe gegen Catcalling. Wie sieht Ihr Aktivismus aus?

Richter: Wir gehören zu einer internationalen Organisation, die auch einen Verein in Deutschland hat, der aus verschiedenen Ortsgruppen besteht. Die einzelnen Gruppen haben einen Instagram-Account, der "catcallsof…" heißt – in unserem Fall also "catcallsofhannover". Wenn man Betroffener von Catcalling geworden ist, kann man uns eine Nachricht mit den Informationen schicken, was passiert ist. Vorzugsweise mit einer Ortsangabe und einem Zitat der Belästigung. Und wir kreiden das dann im wahrsten Sinne des Wortes an: Wir nehmen Kreide, gehen an den Tatort und schreiben den Text des Catcalls dorthin. Immer auch mit dem Hashtag #stopptBelästigung, damit man das einordnen kann, wenn man es liest. Davon machen wir ein Foto und posten es bei Instagram. Der Gedanke dahinter ist, dass durch das Ankreiden der Ort für die betroffene Person zurückerobert wird, weil es genau dort gemacht wird, wo es passiert ist. Gleichzeitig werden die Menschen, die daran vorbeilaufen darauf aufmerksam gemacht, dass sexualisierte Belästigung leider immer noch alltäglich ist. 

Catcalling-Aktivistin Lisanne Richter kreidet verbale sexualisierte Gewalt an
Bild: ©Susanne Haupt

Lisanne Richter kreidet Catcalling an: Die Aktivistin gegen verbale sexualisierte Gewalt macht die leidvollen Erfahrungen von Betroffenen im öffentlichen Raum sichtbar. Das gefällt nicht jedem.

Frage: Geht Ihre Arbeit auch darüber hinaus?

Richter: Wir klären in Vorträgen über Catcalling auf, etwa bei Jugendorganisationen von Parteien, in Schulklassen oder bei Fortbildungen für Lehrkräfte. Dabei geht es um die praktischen Aspekte der Vermeidung von Catcalls, also etwa der Frage, was ein gutes Kompliment ausmacht und wo übergriffiges verbales Verhalten beginnt. Es geht aber auch darum, Hilfestellungen zu geben, wenn man selbst einmal von Catcalling betroffen sein sollte: An wen wende ich mich und wie kann ich darauf antworten? 

Frage: Welche Reaktionen erleben Sie, wenn das Thema Catcalling angesprochen wird?

Richter: In Hannover sind wir mittlerweile sehr bekannt und erhalten oft positive Rückmeldungen auf unser Engagement, auch von Menschen, die auf der Straße an uns vorbeikommen, wenn wir Catcalls ankreiden. Manchmal müssen wir aber auch erklären, was wir tun und damit erreichen wollen. Was ich immer sehr berührend finde ist, wenn Seniorinnen stehen bleiben und wir ins Gespräch kommen. Denn dann berichten sie oft von ihren Catcalling-Erfahrungen als junge Mädchen. Sie kennen den englischen Begriff meist nicht, aber die verbale Belästigung ist nichts Neues für sie. Viele ärgern sich darüber, dass das auch heute noch passiert, und bestärken uns in unserem Aktivismus. 

Frage: Gibt es auch negative Reaktionen?

Richter: Manchmal sprechen uns Menschen an, die sich gar nicht vorstellen können, dass die Sprüche wirklich gesagt wurden, die wir auf die Straße schreiben. Sie sind dann bestürzt, dass so etwas überhaupt passiert. Und natürlich gibt es auch Reaktionen von Passanten, denen unsere Arbeit nicht gefällt und die dann sagen, wir sollten uns mal nicht so anstellen. Catcalls seien doch Komplimente und früher hätten den Frauen solche Sprüche gefallen. Andere sorgen sich darum, dass Kinder sich die Belästigung merken und sie wiederholen würden. Wieder andere Passanten halten das Ankreiden für Sachbeschädigung oder sind darüber verärgert, dass es das Stadtbild stört.

Frage: Wie sollte man Ihrer Meinung nach angemessen auf Catcalling reagieren?

Richter: Da gibt es kein richtig oder falsch, denn jeder Mensch reagiert auf Belästigung anders. Wenn man in diese Situation kommt, geschieht das plötzlich und unvorbereitet. Wenn man also erst einmal geschockt ist und keine Antwort parat hat, ist das vollkommen ok. Ich sage das, weil ich sehr oft lese, dass sich Menschen schämen, weil sie keine schlagfertige Erwiderung parat haben. Wenn die Situation sicher ist, darf man natürlich laut werden und dem Catcalling widersprechen. Fühlt man sich aber nicht sicher, sollte man den Ort schnell verlassen oder Passanten um Hilfe bitten. Bei unmittelbarer Gefahr sollte man natürlich die Polizei rufen. Ich lese manchmal in unseren Mitteilungen, dass junge Frauen teilweise durch die ganze Stadt bis nach Hause verfolgt werden. Das ist dann ein Fall, um die 110 anzurufen. 

Ein Beispiel für Catcalling
Bild: ©picture alliance/dpa | Paul Zinken

Gemeinsam mit dem Hashtag #stopptBelästigung schreiben die Aktivistinnen gegen Catcalling die meist schockierenden Belästigungen auf Straßen und Bürgersteige. Auch bei Instagram sind die Aktionen gegen Catcalls zu finden.

Frage: Wie kann man helfen, wenn man bemerkt, dass eine andere Person belästigt wird?

Richter: Wenn man ein Catcalling als Passant mitbekommt, kann man die betroffene Person ansprechen und seine Hilfe anbieten. Damit baut man eine Barriere zwischen Täter und Betroffener auf. Man kann auch andere Menschen ansprechen oder der Betroffenen dabei helfen, den Ort zu verlassen. Ich rate davon ab, gegenüber dem Täter verbal zu eskalieren, weil dieser sich dann in seiner Ehre gekränkt fühlen und gewalttätig werden könnte. Das sollte man auf jeden Fall vermeiden. 

Frage: Sie sind gläubige Katholikin. Ist Ihr Glaube eine Motivation, sich gegen Catcalling zu engagieren?

Richter: Auf jeden Fall. Mein Glaube begleitet mich immer, egal was ich tue. Ich ziehe daraus sehr viel Kraft. Unser Engagement gegen Catcalls ist in meinen Augen eine Form von Nächstenliebe, auch wenn in unserer Gruppe in Hannover nicht überwiegend Christen sind. Wir versuchen den Betroffenen zu helfen oder sie an professionell ausgebildete Menschen weiterzuleiten. Oft sind wir die ersten Menschen, denen sie überhaupt von ihren Catcalling-Erfahrungen erzählen. Sie fühlen sich dann meist bestärkt und danken uns, dass wir ihnen zuhören. Ich hoffe sehr, dass unser Einsatz vielen Menschen hilft.

Frage: Viele Menschen werfen der Kirche vor, dass sie Frauen diskriminiert, weil sie keinen Zugang zu allen Weiheämtern haben. Teilen Sie als Aktivistin, die sich hauptsächlich für Frauen einsetzt, diese Ansicht?

Richter: Ich will vorausschicken, dass ich unfassbar gerne katholisch bin und nie aus dieser Kirche austreten würde – eines der wenigen Dinge im Leben, die ich mit Sicherheit ausschließen kann. Ich finde den christlichen Glauben und die katholische Tradition sowie die Liturgie sehr wichtig und bereichernd. Ich bin außerdem Katechetin für die Erstkommunion- und Firmvorbereitung in meiner Kirchengemeinde. Weil ich die Kirche so sehr liebe, ist es wichtig, ihre Missstände anzusprechen und zu kritisieren. Ich sehe ganz klar, dass ich als Frau in der Kirche nur sehr schwer in eine verantwortliche Position gelangen kann. Ich glaube auch nicht, dass sich da in der nächsten Zeit etwas ändern wird. Ich finde das so schade, denn Frauen und diversgeschlechtliche Personen – die in der Kirche überhaupt nicht vorkommen – hätten so viel in die Kirche einzubringen. Frauen engagieren sich weitaus mehr als Männer in der Kirche und dennoch können sie keine höhere berufliche Stellung als etwa Chefin der Caritas erlangen. Das ist ein wichtiger Posten, aber in die wirklich verantwortungsvollen Positionen kommt man als Frau nicht, denn die sind mit dem Weiheamt verbunden. Auf institutioneller Ebene sind wir Frauen in dieser Kirche immer Menschen zweiter Klasse. Auf individueller Ebene ist das anders: Ich kenne viele Priester oder andere Männer in der Kirche, die Frauen sehr wertschätzen. Mich bringt diese Diskriminierung auf institutioneller Ebene immer in einen großen Zwiespalt, denn ich fühle mich in der Kirche eigentlich so wohl. Ich würde mir sehr wünschen, dass sich der Umgang der Kirche mit uns Frauen sehr bald verbessert.

Frage: Sie haben gesagt, dass Sie dennoch nie aus der Kirche austreten würden... 

Richter: Die Kirche ist meine Heimat, ich bin in ihr aufgewachsen. Das Eingebunden-Sein in die Liturgie fasziniert mich. Und der Glaube an die Realpräsenz Christi in der Eucharistie berührt mich sehr, das gibt mir sehr viel Kraft – genauso wie die Beichte. Denn wenn man einen guten Beichtvater hat, ist es wie eine Therapie und hilft sehr viel im Alltag. Gleichzeitig leide ich auch sehr an meiner Kirche: Es kann doch nicht sein, dass mehr als zehn Jahre nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals die Kirche immer noch nicht mit der Aufarbeitung und den notwendigen Konsequenzen ernst macht. Die Gesellschaft hat völlig zu Recht den Eindruck, dass in der Kirche der Täterschutz vor dem Opferschutz steht. Das ist sehr traurig und muss sich dringend ändern. Sie muss endlich auch das praktizieren, was sie predigt. Dabei ließe sich eigentlich auch ein Engagement wie von uns Aktivistinnen gegen Catcalling mit den Werten des Glaubens verbinden. Doch die Kirche verpasst diese Chancen, in der Gesellschaft anzudocken. Denn sie ist für viele aktuell keine glaubwürdige Gesprächspartnerin mehr – und das leider zu Recht.

Von Roland Müller