Standpunkt

Kirchliche Fluchthilfe für Missbrauchspriester erschüttert

Aktualisiert am 12.08.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Die Nachrichten über die Fluchthilfe kirchlicher Hilfsorganisationen für Missbrauchstäter haben Schwester M. Gabriela Zinkl erschüttert. Das Vorgehen werfe einen dunklen Schatten auf redliche Auslandsseelsorger – und hinterlasse einen Beigeschmack.

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Sie haben ein weiches Fell in grau oder weiß und könnten Streicheltiere sein, doch sind sie alles andere als possierliche Tierchen, zumindest in unserem Kulturkreis. Die Rede ist von Ratten. Den kleinen grauen Nagetieren eilt ein denkbar schlechter Ruf voraus. Sie gelten als unerwünschte Hausgenossen, gerade weil sie die Nähe zum Menschen suchen wegen seiner Lebensmittelvorräte und Speisereste. Schon in antiken Fabeln wird vor ihnen gewarnt, werden sie darin doch als hinterhältige, verschlagene und kaum domestizierbare Charaktere beschrieben. In unserem Wortschatz existiert sogar eine Steigerung in Form eines Schimpfworts: jemand ist eine "falsche Ratte", wenn er hinterhältig und nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist.

Nicht von ungefähr ist die Ratte deshalb im Geheimdienstjargon zur Namensgeberin der sogenannten "Rattenlinie" oder "rat line" geworden, einer berühmt-berüchtigten Fluchtroute von NS-Kriegsverbrechern über Südtirol und Italien nach Übersee. Die katholische Kirche spielte dabei eine wesentliche Rolle, insbesondere ein kleiner Kreis faschistisch eingestellter kirchlicher Würdenträger, darunter ein Bischof und ein Franziskanerpater. Vor und nach Kriegsende organisierten sie für "gut katholische" Massenmörder eine neue Identität; ein gefälschter Taufschein, ausgestellt auf einen neuen Namen, diente dem Roten Kreuz als Legitimation für die begehrte Ausreisegenehmigung. Der Taufschein als Persilschein – was für ein perfider Vorgang!

In den vergangenen Tagen wurden Katholiken guten Willens von der Nachricht erschüttert, dass klerikale Missbrauchstäter aus deutschen Diözesen seit Jahrzehnten durch mitbrüderliche Fluchthilfe kirchlicher Hilfsorganisationen nach Südamerika ausreisen konnten. Mag die Sorge der Kirche für Menschen, die von Not und Verfolgung bedroht sind, noch so sehr ureigener jesuanischer Auftrag und Ausdruck von Barmherzigkeit sein – das Ausstellen gefälschter Taufscheine gehört definitiv nicht dazu, genauso wenig wie die Priesterweihe ein Persilschein für Sexualstraftäter sein kann, damit sie sich, im Ausland getarnt als Fidei-Donum-Seelsorger, den staatlichen Strafbehörden im Inland entziehen. Das wirft nicht nur einen dunklen Schatten auf alle redlichen Auslandsseelsorger und -seelsorgerinnen. Es hinterlässt bei allen, die wie ich als Kind zu Weihnachten brav ihr Adveniat-Spendenkästchen gefaltet und gefüllt haben, einen negativen Beigeschmack. Das haben weder die wirklich Bedürftigen in Südamerika noch die engagierten Mitarbeiter kirchlicher Hilfsorganisationen verdient. 

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB ist Borromäerin im Deutschen Hospiz St. Charles in Jerusalem und arbeitet als Dozentin für Kirchenrecht und als Pädagogin.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.