Standpunkt

In der Vertrauenskrise der Kirche ist Schweigen keine Option

Aktualisiert am 17.08.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Konflikte wie derzeit im Erzbistum Köln gehören zur Kirche dazu, glaubt Werner Kleine. Er zeigt anhand eines Streits im Neuen Testament, dass eine Verhaltensweise in der aktuellen Vertrauenskrise besonders wichtig ist: ehrliche Kommunikation.

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Konflikte gehören zum Wesen der Kirche. Schon Jesu Jünger rangen um die schönsten Posten. Paulus widersteht dem Petrus in Antiochia ins Angesicht, weil dieser sich nicht an Absprachen hält. Er selbst liegt mit der korinthischen Gemeinde im Streit. Ursächlich ist ein Eklat, bei dem es um die paulinische Kollekte für die Jerusalemer Gemeinde ging. In Korinth kam der Vorwurf auf, er würde die Sammlung aus unlauteren Absichten betreiben. Beim Geld hört der Spaß eben auf…

Der 2. Korintherbrief zeigt die Gemütslage des Paulus. Es gab in der Gemeinde eine Person, die ihn massiv angegriffen hat (vgl. 2 Kor 2,5). Die so verursachte "Betrübnis" führte dazu, dass Paulus die Gemeinde überstürzt verlässt. Kommunikationsabbruch!

Paulus aber weiß, dass Kommunikation alles ist. Kommunikation ist die Kernmethode derer, die das Evangelium verkünden. Wie will man ohne Kommunikation verkünden? Er weiß um die wechselseitige Bedeutung von Apostel und Gemeinde. Er muss die Gemeinde wiedergewinnen. So schreibt er den 2. Korintherbrief. Der Ton ist in 2 Kor 1-9 bittend, versöhnend, charmant. Er stellt Transparenz her und richtet ein Controlling ein, damit man ihn wegen der großen Spende nicht mehr verdächtigt (vgl. 2 Kor 8,20). Er teilt sich mit und teilt die Verantwortung: Die an der Sammlung beteiligten Gemeinden bestimmten Beauftragte, die ihn bei der Überbringung begleiten (vgl. 2 Kor 8,18f).

Ein Schlüsselbegriff im 2. Korintherbrief ist die Aufrichtigkeit (εἰλικίνεια).  Sie bildet die Grundlage für eine klare und geradlinige Kommunikation, so dass Paulus unumwunden schreiben kann: "Wir schreiben euch nichts anderes, als was ihr lest und kennt; ich hoffe, ihr werdet noch ganz erkennen, wie ihr uns zum Teil schon erkannt habt, nämlich dass wir euer Ruhm sind, so wie ihr unser Ruhm seid, am Tag unseres Herrn Jesus." (2 Kor 1,13f) Es wird geradeheraus gesagt, was Sache ist. Dazu gehört zuvorderst die Feststellung: "Wir sind nicht Herren über euren Glauben, sondern wir sind Mitarbeiter eurer Freude." (2 Kor 1,24)

Heute bemühen Bischöfe Berater zur Entwicklung kommunikativer Strategien zur Krisenbewältigung und Generalvikare bekennen, keine Experten in Sachen Kommunikation zu sein. Mit Verlaub: Das ist ein pastoraler Offenbarungseid. Wer glaubt, er bedürfe einer Strategie, um selbst zu überleben, entmündigt sein Gegenüber, weil man ihm nicht zutraut, die Wahrheit zu verkraften. Dabei drängt sie so oder so ans Licht. In freien Ländern ist dafür unter anderem die Presse zuständig. Gott sei Dank!

Und wie kommt man da jetzt wieder heraus? Nicht durch Schweigen, sondern durch Kommunikation. Durch Verlassen der selbstgestrickten Selbstverkrümmung, durch aufrichtiges Bekennen der eigenen Verantwortung und Ermächtigung des Gegenübers. Durch Schaffung von Transparenz und Kontrolle der Leitungsverantwortung. Wo das nicht geschieht, wird man sich ins Angesicht hinein widerstehen müssen, wie ehedem Paulus dem Petrus. Das ist heute, das ist jetzt. Schweigen jedenfalls ist keine Option.

Von Werner Kleine

Der Autor

Dr. Werner Kleine ist Pastoralreferent im Erzbistum Köln und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.