Standpunkt

Ein Segen zum Schulbeginn sagt: Du bist gut, so wie du bist

Aktualisiert am 29.08.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ In diesen Wochen werden Tausende Erstklässler eingeschult. Dazu laden die Kirchen vielerorts zu Gottesdiensten ein. Mit einem Segen wird den Kindern dort zugesprochen, was sie rund um die Einschulung von kaum jemandem hören, kommentiert Dominik Blum.

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"Schule hat begonnen", heißt es jetzt wieder überall auf den großen Bannern am Straßenrand. In diesen Tagen werden die I-Dötzchen eingeschult. Zum Schuljahresbeginn im letzten Jahr starteten in Deutschland über 170.000 Kinder in der ersten Klasse.

Den Ernst des Lebens haben viele von ihnen aber schon früher kennengelernt. Geschlossene Kitas während der Corona-Pandemie – ein großes Problem für die Vorschulkinder, die jetzt ohne die wichtige Förderung in den Schulalltag gehen müssen. Mehr als jedes fünfte Kind wächst hierzulande in Armut auf – das sind mehr als 2,8 Millionen junge Menschen. Bildung und Teilhabe? Vielleicht auf Kosten des Jobcenters, wenn die Eltern einen Antrag stellen können. Und dann sind da die vielen Kinder, die vor Krieg und Krisen geflohen sind. Alleine aus der Ukraine leben derzeit fast eine Million Flüchtlinge in Deutschland, mehr als ein Drittel von ihnen sind Kinder, die meisten im Grundschulalter.

Fast überall laden die Kirchen Kinder und Eltern und auch die Lehrerinnen und Lehrer anlässlich der Einschulung zum Gottesdienst ein. Selbstverständlich ist das längst nicht mehr. "Was soll das eigentlich, beten und singen und segnen zum Schulbeginn?", diese Frage höre ich immer häufiger auf dem Kirchplatz oder Schulhof.

Mein Einschulungsgottesdienst steht nach einem Vers aus dem ersten Buch Samuel unter dem Motto: "Ein Mensch sieht, was vor Augen ist. Der Herr aber sieht das Herz an" (1 Sam 16,7). Die Kinder kommen zum Schulbeginn mit dem härtesten gesellschaftlichen Bewertungskriterium in Kontakt: der Leistung. Dieses Kriterium hat die Schule nicht erfunden. Aber sie arbeitet damit, meistens leider defizitorientiert. Kannst du Mathe? Bist du gut in Rechtschreibung? Wie schnell kannst du laufen? Hast du das verstanden oder nicht?

Die schulische Leistung aber erfasst nur einen winzigen Teil des Menschseins aller Kinder. Nicht den wichtigsten, wirklich nicht. Eben nur das, was vor Augen ist.

Mit einem Segen zum Schulbeginn sprechen wir den Erstklässlern zu: Du bist gut, so wie du bist. Du wirst geliebt. Gott schaut auf dein Herz, total unabhängig vom kleinen Einmaleins. Du bist wertvoll, wichtig, du bist 1A! Und ja, der Segen erinnert daran auch die nervösen und ehrgeizigen Eltern.

Denn all das hören die Kinder und Familien rund um die Einschulung von niemandem. Wenn wir es den I-Dötzen in Gottes Namen nicht zusagen, tut es keiner. Deshalb brauchen wir auch in Zukunft Gottesdienste zur Einschulung.

Von Dominik Blum

Der Autor

Dominik Blum ist Pastoraler Koordinator in der Katholischen Pfarreiengemeinschaft Artland im Bistum Osnabrück.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.