Standpunkt

Der Glaube ist eine Gewissensschule – und fehlt in der Gesellschaft

Aktualisiert am 07.09.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Politische Hetze oder Cyber-Mobbing: In bestimmten Bereichen scheint die Gesellschaft zu verrohen. Für Andreas Püttmann ist es eine Tragödie, dass sich viele Menschen vom christlichen Glauben abwenden – denn er sei auch eine Gewissensschule.

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Die Klage über eine Verrohung unserer Gesellschaft, etwa in Gestalt skrupelloser Bereicherung, hemmungsloser Beleidigung und Mobbing im Netz, politischer Hetze durch Lügen und Verdrehungen und brutaler Gewalt gegen Dienstleistungspersonal, ist fast schon Gemeinplatz und teils statistisch erwiesen. Bei der Diskussion über Ursachen und begünstigende Faktoren der grassierenden Zügellosigkeit wird ein gesellschaftlicher Megatrend ausgeblendet: die massenhafte Abkehr von der kulturprägenden christlichen Religion als Gewissensschule. Wer an Dostojewskis Wort: "Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt" erinnert, setzt sich Fundamentalismus-Verdacht aus und bekommt sogleich abschreckende Beispiele von Gläubigen vorgehalten. In der Tat: Allen Lastern und Schlechtigkeiten begegnet man auch im Kirchenmilieu. Heute kommen sie mehr als früher heraus (Mk 4,22!). Und das ist gut so.

Allerdings sind graduelle Zusammenhänge von Religiosität und Rechtsgehorsam, Glaube und Wertorientierungen auch von unabhängigen Forschern empirisch und theoretisch plausibel gemacht worden. Eine überirdische Rechtfertigungsinstanz, die alles sieht und das letzte Wort über unser Wohl und Wehe hat, kann der Staat mit Polizei, Gerichten und Streetworkern nicht ersetzen. Insofern hat es soziale Relevanz, dass nach einer INSA-Umfrage nur noch 18 Prozent der Deutschen glauben, "dass ich mich nach dem Tod vor Gott für mein Tun rechtfertigen muss". Muslime (47%) und evangelische Freikirchler (43) bejahen dies weit mehr als Katholiken (29), landeskirchliche Protestanten (21) und Konfessionslose (6).

Zum Credo gehört die Erwartung, der Herr werde wiederkommen "zu richten die Lebenden und die Toten". Dass der Gott der Zehn Gebote keine normativen Ansprüche an uns stelle oder dass deren Nichtbeachtung folgenlos bleibe, kennzeichnet ein bequemes Christsein "light", abgekoppelt vom Zeugnis der Propheten und vom "Weh euch!" Jesu (Lk 6,25; Mt 23,25), angepasst an die kapitalistische Logik: "Gewinne maximieren, Kosten drücken". Bleibt ein Wellness-Glaube zu billigeren Preisen mit reduzierter Steuerungskraft für sozialverträgliches Verhalten.

Predige ich damit "Drohbotschaft statt Frohbotschaft"? So plump binär kann nur kategorisieren, wer den Schrei der Unterdrückten, Verratenen, Ausgebeuteten, Gefolterten, der Hinterbliebenen Ermordeter und ihr Hoffen auf eine höhere Gerechtigkeit nicht auf sich wirken lässt. Die narzisstische Selbstabsolution im Namen eines anspruchslosen Westentaschengottes mag als "menschenfreundlich" posieren. Gelingendem Leben in Gemeinschaft dient sie nicht. Von der Idee eines höchsten und letzten Richters jenseits aller menschlichen Autorität gehen innere Unabhängigkeit und Freiheit, Trost und Stärke aus. Und bei den Richtigen darf es auch gerne Furcht sein.

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.