Warum Pfarrer Wolfgang Metz über Sexualität nicht nur im Beichtstuhl reden will

Priester über Sex: Viele Menschen haben ein schlechtes Gewissen

Aktualisiert am 17.10.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Wolfgang Metz ist Priester und Hochschulseelsorger in Tübingen. Er fragt sich, was die katholische Kirche falsch gemacht hat, dass viele Menschen nur noch im Beichtstuhl über ihre Sexualität reden. Im katholisch.de-Interview spricht er offen über ein Tabu.

  • Teilen:

Wolfgang Metz ist Priester schreibt in den sozialen Netzwerken regelmäßig über Sonntagsevangelien, über vieles, was sein Leben, Glauben und Hoffen betrifft, und immer wieder auch offen über die kirchliche Sexualmoral und seine eigene Sexualität. Der Hochschulseelsorger der Katholischen Hochschulgemeinde in Tübingen äußert sich im Interview mit katholisch.de über ein Tabu.

Frage: Herr Metz, auf Instagram schreiben Sie, dass Sie zölibatär leben, also ehelos, aber nicht keusch. Wie meinen Sie das?

Metz: Ich habe in den vergangenen Wochen auf Instagram unter anderem offen über das Thema Selbstbefriedigung "gesprochen". Viele denken jetzt sicher, ein Priester und Masturbation? Bäh! Aber ich sage: Warum nicht? Es ist schrecklich, wie lange man den Leuten eingeredet hat, dass Selbstbefriedigung böse oder schlecht sei. Ich finde es furchtbar, wie viele Menschen dies im Beichtstuhl immer noch ansprechen und deswegen mit sich und ihrer Körperlichkeit hadern.

Frage: Was genau müssen Sie sich im Beichtstuhl anhören?

Metz: Nicht selten geht es um Masturbation, vorehelichen Sex oder Homosexualität. Viele Menschen sitzen dann da und fühlen sich elend, weil sie so ein schlechtes Gewissen haben oder noch schlimmer: Weil sei denken, dass sie falsch sind. Ich finde es furchtbar, zu sehen, wie sich Menschen wegen ihrer Sexualität quälen. Und nur, weil wir als Kirche ihnen jahrzehntelang so einen Mist eingetrichtert haben. Außerdem frage ich mich, was wir als Kirche falsch gemacht haben, dass viele Menschen nur noch im Beichtstuhl über ihre Sexualität reden. Das stimmt doch etwas nicht!

Frage: Welche Reaktionen bekommen Sie auf Ihre Postings?

Metz: Es gibt bestimmt die, die mir dafür gerne den Kopf abschlagen würden. Aber die meisten, die sich melden, auch Ordensleute und Priester, reagieren positiv. Ein Priester zum Beispiel hat sich bei mir für meine Ehrlichkeit bedankt. Er meinte, in seinem Bistum wäre so eine Offenheit undenkbar. Daran merke ich, wie tabuisiert das Thema in unserer Kirche noch immer ist. An die Rückmeldung einer Frau kann ich mich auch noch gut erinnern: Sie hat mir ein paar Auszüge aus dem Katechismus geschickt und geschrieben, ich solle das mal alles ganz genau lesen. Und dann hat sie geschrieben, dass ich schuld daran sei, dass sie nun in jeder heiligen Messe daran denken müsste, was Priester sonst noch so machen würden.

Bild: ©privat

Pfarrer Wolfgang Metz (44) ist Seelsorger für Studierende in Tübingen und arbeitet bei Kirche im SWR.

Frage: Ich kenne ältere Priester, die sagen, diese sexuelle Offenheit sei eine Folge der sexuellen Revolution in den 60ern. Sowas gab es vorher nicht und man könne lernen, sexuell komplett enthaltsam zu leben…

Metz: Natürlich weiß ich, dass vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil den Priestern eingeredet wurde, dass alles was mit Selbstbefriedigung zu tun hatte, eine Todsünde war. Das muss furchtbar für diese Menschen gewesen sein. Das rigide Denken von damals ist in vielen Köpfen heute noch drin. Manchmal habe ich den Eindruck, dass viele Gläubige den Priester gerne als asexuelles Wesen sehen möchten. Da man nicht darüber gesprochen hat, gab es das Thema offiziell auch nicht. Früher wurden Priester auf ein Podest gehoben. Ein zölibatär lebender Mensch war heilig und unantastbar. Dieses Denken hat leider zu dieser Doppelmoral geführt. Und wenn ältere Priester behaupten, sie konnten damit besser umgehen und haben ihre Lust erfolgreich abgetötet, kann ich das nur bezweifeln. Wenn man ernsthafter und ehrlicher mit dem Thema umgegangen wäre, dann wären vielen Menschen und auch vielen Kindern wahrscheinlich durch sexuellen Missbrauch viel Leid erspart geblieben.

Frage: Woher kommt denn die Vorstellung, ein Priester müsste keusch leben?

Mehr: Das würde ich auch gerne wissen. Ich denke, das geht auf das Gebot der kultischen Reinheit im Alten Testament zurück. Dort wurde Selbstbefriedigung klar verurteilt. Aber kultische Reinheit im Jahr 2022? Sexuelle Enthaltsamkeit als magische Kraft auf Gott hin? Wer denkt so etwas ernsthaft? Das kann man heute doch niemandem mehr vermitteln! Sexualität war immer schon eine starke Kraft, die Gott uns Menschen geschenkt hat. Wer kam auf die Idee, dass Gott in der gelebten Sexualität nicht genauso wirkt und uns liebt? Und wer glaubt, dass sich dies negativ auf meine Gottesbeziehung auswirkt und ich deswegen ein schlechterer Priester bin? Nein, Gott straft mich deshalb nicht. So ein Gottesbild ist schrecklich. Als hätte Gott nichts anderes zu tun, als mich vor allem genau in diesem Bereich den ganzen Tag zu beobachten.

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Frage: Wie haben Sie das Thema in der Ausbildung zum Priester erlebt?

Metz: Ich kann mich noch gut erinnern, dass wir im Priesterseminar das Thema "Sexualität" besprochen haben. Das war und ist aber nicht so einfach. Wer möchte schon gerne mit seinem Kurskollegen über Masturbation, Orientierung oder Umgang mit Pornographie reden? Es ist aber notwendig, denn sonst wird man mit all dem alleingelassen und denkt: Die anderen kriegen das alles viel besser hin. Ich dachte das auch oft und habe erst später in Gesprächen festgestellt, dass es vielen anderen genauso ging. Ich erinnere mich im Seminar an so hübsche Wortblasen wie: Ich habe meine Sexualität in mein Leben integriert. Aber was bitte schön soll das denn konkret bedeuten? Ein Mitseminarist hat mir dann gesagt, dass wir uns nur selbst befriedigen dürfen, wenn es anders nicht geht. Warum trichtert man solche Sätze jungen Männern ein? Darauf habe ich keine Lust mehr, wirklich nicht! Ich finde, man sollte offen und ehrlich darüber reden dürfen. Ich muss wissen, was meinem Körper guttut und was nicht, wo meine Grenzen sind und wo ich Lust empfinde. Ich denke, das ist auch in einer Ehe so. Ich habe keine Beziehung zu einem anderen Menschen. Aber warum kann ich nicht sagen, wen und was ich attraktiv finde? Es geht mir nicht um reine Bedürfnisbefriedigung, sondern um einen freien, unbelasteten Umgang mit der eigenen Sexualität.

Frage: Ich höre schon gewisse Kreise in der Kirche aufschreien…

Metz: Das konservative schwarz-weiß Denken ist ja auch viel einfacher. Ich muss mich nur an Regeln halten und dann geht es mir gut. Aber ist es wirklich so? Ich denke, wir als Kirche haben überhaupt keine Ahnung, wie es anderen mit ihrer Sexualität geht. Und wir haben kein Recht darauf, anderen einzureden, was richtig und was falsch ist. Wir können nur von uns selbst erzählen und das gefälligst ehrlich. Sprachfähigkeit in diesem Bereich wäre meiner Meinung nach wesentlich wichtiger als Regeln und Vorschriften.

Frage: Aber es gibt auch Grenzen …

Metz: Natürlich gibt es die. Ich muss nicht allen alles sagen, was ich mache oder was ich empfinde. Das wäre auch fatal. Aber ich finde es hochdramatisch, wenn wir nicht oder nur mit Gewissensbissen im Beichtstuhl über unsere Sexualität reden können, weil dies nur zu einer toxischen und körperfeindlichen Atmosphäre führt. Ich zum Beispiel habe einen guten Freund und Vertrauten, mit dem ich mich ehrlich über dieses Thema austausche. Das ist mir wichtig und ist mir eine große Hilfe. Daher wünsche ich mir, dass jeder mindestens einen Menschen hat, mit dem er über all das reden kann.

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Frage: Löst das auch das Problem der Einsamkeit als Priester?

Metz: Ich lebe gerne allein, auch wenn das die Gefahr in sich birgt, in die eigene Welt abzudriften. Ich habe eine Zeitlang auch in einer Priestergemeinschaft gelebt, in einer sogenannten "Vita communis" in einem Pfarrhaus. Wir zwei Priester haben zusammengearbeitet, gebetet und gegessen. Auch die Frage nach einer eigenen Familie haben wir manchmal diskutiert. Ich kann heute für mich sagen, dass ich ohne eigene Kinder gut leben kann. Ich weiß aber nicht, ob ich das in zehn Jahren auch noch so sehe. Manch ältere Mitbrüder erzählen mir, dass sie erst im Alter von 50 Jahren bemerken, worauf sie verzichtet haben.

Frage: Sie leben gerne zölibatär?

Metz: Ja, so ist es. Ich lebe ehelos zölibatär und ich empfinde das als gut und bereichernd. Ich mag meine Lebensform. Sie erlaubt mir frei allein zu sein, zu beten, zu schreiben und vieles mehr. Manche denken ja, ich lebe zölibatär, damit ich mehr Zeit für die Menschen und die Gemeinde habe. In Wirklichkeit geht es darum, dass ich mehr Zeit für Gott habe, und das mag ich sehr. Ich habe keine sexuelle Beziehung zu einem anderen Menschen. Manchmal fehlt mir das. Aber nicht genug, dass ich deswegen etwas ändern möchte.

Von Madeleine Spendier

Zur Person

Wolfgang Metzwurde im März 1978 in Wangen im Allgäu geboren und studierte in Tübingen und Rom Katholische Theologie. 2009 wurde er in Neuhausen auf den Fildern zum Priester geweiht. Er war Pfarrer in Sindelfingen und arbeitet jetzt als Hochschulseelsorger in Tübingen. Außerdem ist er Autor bei Kirche im SWR.

Buch: Pfarrer Wolfgang Metz über Kirche und Sexualität

Wolfgang Metz: Notwendige Unruhe. Über Kirche, Sexualität und Freiheit. Das Buch ist im Echter Verlag erschienen.