Seelsorger offiziell mit queersensibler Pastoral im Bistum Mainz beauftragt

Bischof Kohlgraf über queere Menschen: "Gott hat sie alle so gewollt"

Aktualisiert am 10.10.2022  –  Lesedauer: 

Mainz ‐ "Für mich bleibt es eine erschütternde Erfahrung, dass die Verurteilung von queeren Menschen für manche in der Kirche zur eigentlichen Kernfrage des Katholischseins mutiert": Bischof Peter Kohlgraf gesteht auch eigene Schuld ein.

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Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf hat sich in deutlicher Form zu queeren Menschen bekannt. Der Bischof sagte am Sonntagabend in einer Predigt laut Mitteilung des Bistums: "Niemand ist ein Schadensfall der Schöpfung, alle sind geliebt, Gott hat sie alle so gewollt." Das englische Wort "queer" ist ein Sammelbegriff für sexuelle Minderheiten, unter denen Homosexuelle die größte Gruppe sind. Kohlgraf hatte bei dem Gottesdienst die Pastoralreferentin Christine Schardt und Pfarrer Mathias Berger offiziell mit der queersensiblen Pastoral im Bistum Mainz beauftragt.

Kohlgraf ist seit 30 Jahren Seelsorger und erschrickt nach eigenen Worten manchmal über sich selbst. "Ich erschrecke insofern, dass ich die Kirchenerfahrung anderer nicht wahrgenommen habe. Das gilt zum Beispiel für so viele im kirchlichen Dienst, die mit ihrer Beziehung in ein Doppelleben gedrängt wurden; das gilt für viele, deren Leben nur als Sünde bewertet wurde und wird, so viele, die sich verstecken oder über die hinter ihrem Rücken geredet wird. Es ist für mich auch ein Stück Versagen als Seelsorger im Dienst eines Gottes, dessen Ebenbild alle Menschen sind."

Nicht erst durch die Initiative "#OutInChurch" sei "uns doch bewusstgeworden, dass auch Seelsorgerinnen und Seelsorger betroffen sind und in eine Lebenslüge gedrängt wurden, die durch Verantwortliche nicht wahrgenommen werden wollte oder bewusst in Kauf genommen wurde", sagte Kohlgraf. "Damit muss Schluss sein." Im Blick auf die eigene Verantwortung sagte er: "Ja, Verantwortliche in der Kirche sind schuldig geworden, zu ihnen gehöre ich auch. Und sehr bewusst wird mir, was es bedeutet, schuldig zu werden nicht nur durch das Tun des Bösen, sondern durch das Unterlassen des notwendig Guten."

"Erschütternde Erfahrung"

Kohlgraf zufolge arbeiten die Bischöfe an einer Änderung der Grundordnung des kirchlichen Arbeitsrechts. "Die Fokussierung auf die geschlechtliche Identität und Orientierung und die konkrete Partnerschaft als beinahe einziges Kriterium für Loyalität zur Kirche ist eher beschämend und schafft keine Klarheit", sagte er. "Für mich bleibt es eine erschütternde Erfahrung, dass die Verurteilung von queeren Menschen für manche in der Kirche zur eigentlichen Kernfrage des Katholischseins mutiert."

Vor einem Monat hatte der Aachener Bischof Helmut Dieser bereits für eine Neuausrichtung der katholischen Sexuallehre mit Blick auf queere Menschen plädiert. "Homosexualität ist keine Panne Gottes, sondern gottgewollt im selben Maß wie die Schöpfung selbst: Er sah, dass es gut war, heißt es in der Schöpfungsgeschichte", sagte Dieser der "Zeit"-Beilage "Christ & Welt". Im Frühjahr hatte sich der Münchner Kardinal und frühere Bischofskonferenz-Vorsitzende Reinhard Marx für die Diskriminierung Homosexueller durch die katholische Kirche entschuldigt. In einem "Stern"-Interview sagte er: "Homosexualität ist keine Sünde. Es entspricht einer christlichen Haltung, wenn zwei Menschen, egal welchen Geschlechts, füreinander einstehen, in Freude und Trauer."

In Mainz betonte nun Pastoralreferentin Schardt: "Die vielfältigen Menschen sind von Gott so gewollt. Sie sind alle 'made by god'." Pfarrer Berger ergänzte: "Wenn wir sie ausschließen, muss klar sein, dass wir uns damit gegen Gott stellen." Bereits zum 1. April hatte Kohlgraf Schardt und Berger zu Beauftragten für queersensible Pastoral im Bistum ernannt. Bei einem Empfang am Sonntagabend sagte Joachim Schulte von QueerNet Rheinland-Pfalz zu Bischof Kohlgraf: "Es kann Ihnen nicht hoch genug angerechnet werden, dass Sie diesen Punkt gesetzt haben." Petra Weitzel von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität sagte: "Für mich ist das heute wie der Fall der Berliner Mauer." (KNA)

10.10., 12:10 Uhr: Ergänzt um weitere Aussagen.