Ordensschwester engagiert sich in Kenia für Kinderschutz und Prävention

"Die Kirche in Afrika hat das Problem des Missbrauchs lange ignoriert"

Aktualisiert am 20.10.2022  –  Lesedauer: 

Berlin ‐ Missbrauch gibt es auch in Afrikas katholischer Kirche – doch das Problem wurde lange ignoriert. Menschen wie Jacinta Ondeng kämpfen inzwischen jedoch für Kinderschutz und Prävention. Im Interview spricht die Ordensfrau über ihre Arbeit in Kenias Hauptstadt Nairobi und die größten Herausforderungen.

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Sexueller Missbrauch war in der katholischen Kirche in Afrika lange ein Tabu. Dass sich das langsam ändert, liegt auch an Menschen wie Jacinta Ondeng. Die Ordensfrau von der Kongregation der Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau (SSND) engagiert sich in Kenias Hauptstadt Nairobi für Kinderschutz und Missbrauchsprävention. Unter anderem hat sie an der katholischen Tangaza-Universität einen verpflichtenden Safeguarding-Kurs für angehende Priester und Ordensleute etabliert. Im Interview mit katholisch.de schildert Ondeng, die derzeit im Rahmen des Monats der Weltmission des katholischen Hilfswerks missio Aachen in Deutschland zu Gast ist, ihre Erfahrungen. Außerdem spricht sie über die größten  Herausforderungen bei ihrer Arbeit und den deutschen Umgang mit Missbrauch.

Frage: Schwester Jacinta, wenn es um Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche geht, standen bislang vor allem die Ortskirchen in Australien, Nordamerika und Westeuropa im Fokus. Doch für Experten wie Pater Hans Zollner ist seit langem klar, dass der Missbrauch durch Priester und Ordensleute ein Problem der gesamten Weltkirche ist. Wie beurteilen Sie die Situation in der Kirche in Afrika?

Ondeng: Da kann ich Pater Hans Zollner zustimmen. Die Kirche in Afrika hat das Problem des sexuellen Missbrauchs von Kindern und anderen schutzbedürftigen Personen lange Zeit ignoriert. Die vorherrschende Auffassung war, dass Missbrauch ausschließlich ein Problem der Kirche im Westen – vor allem in Amerika und Europa – sei. Dort, so hieß es, passierten solche schlimmen Verbrechen; bei uns in Afrika aber nicht. Wenn in afrikanischen Medien ausnahmsweise doch mal über Missbrauch in der Kirche berichtet wurde, wurde Afrika dabei nie erwähnt. Das hat viele Menschen in der Überzeugung bestärkt, dass es dieses Problem in der afrikanischen Kirche nicht gibt. Wer sich mit offenen Augen in der Kirche bewegt hat, wusste aber schon lange, dass das nicht stimmt.

Frage: Wann haben Sie entschieden, sich der Missbrauchsproblematik in der Kirche und vor allem dem Schutz von Kindern zuzuwenden?

Ondeng: Ausschlaggebend dafür war vor allem der Safeguarding-Kurs, den ich 2019 und 2020 am damaligen Kinderschutzzentrum von Pater Zollner in Rom absolviert habe. Damals war der Missbrauch dank des von Papst Franziskus initiierten Kinderschutzgipfels für alle Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen erstmals wirklich Thema auf Ebene der Weltkirche und damit auch für Afrika auf der Tagesordnung. Ich habe das Treffen intensiv verfolgt und dabei gespürt, wie sehr mich die Problematik des Missbrauchs berührt. Mir wurde klar, dass ich mich in meiner Heimat dafür einsetzen wollte, den Missbrauch in der Kirche zu bekämpfen und Kinder und andere schutzbedürftige Personen durch Prävention vor solchen Taten zu schützen. Der Safeguarding-Kurs war dafür die beste Voraussetzung, und ich bin dankbar, dass ich daran teilnehmen konnte.

Frage: Heute veranstalten Sie am Institut für Katholische Theologie der Tangaza-Universität in Nairobi Kurse zur Missbrauchsprävention. Wie kam es dazu?

Ondeng: Noch während meiner Zeit in Rom wurde mir klar, dass wir einen ähnlichen Safeguarding-Kurs wie in Rom auch für die angehenden Priester und Ordensleute in Nairobi brauchten. Auf dem Weg zu diesem Ziel half mir, dass sich etwa zeitgleich die Orden in Kenia darüber bewusst wurden, dass es auch in ihren Reihen Missbrauch gab. Sie merkten, dass sie etwas tun mussten, um weitere Fälle zu verhindern – wussten aber nicht, wie sie das Ganze angehen sollten. Als ich den Ordensoberen nach meiner Rückkehr von meinen Erfahrungen mit dem Kurs in Rom berichtete, hieß es deshalb sehr schnell "Schwester, wir brauchen Sie". Ich wurde beauftragt, gemeinsam mit einem Priester einen Safeguarding-Kurs für die Theologische Fakultät der Tangaza-Universität zu entwickeln. Der Kurs – der übrigens für die Studierenden verpflichtend ist – startete dann im folgenden Studienjahr mit 40 Teilnehmern, die meisten davon angehende Priester.

„Ich bin sehr froh, dass es uns in wenigen Jahren gelungen ist, dass zum Beispiel in unseren Orden heute ganz anders – nämlich viel aufmerksamer und sensibler – mit der Missbrauchsproblematik umgegangen wird.“

—  Zitat: Schwester Jacinta Ondeng

Frage: Welche Reaktionen bekamen Sie von den Kursteilnehmern – gerade auch vor dem Hintergrund, dass die Missbrauchsproblematik in Afrika lange Zeit vor allem als Problem des Westens angesehen wurde?

Ondeng: Die Reaktionen der Studierenden waren gerade am Anfang wirklich erstaunlich. Die Teilnehmer fanden den Kurs nämlich großartig! Sie sagten, dass sie dabei sehr viel Neues gelernt hätten und dies genau das richtige Forum sei, um das Problem des sexuellen Missbrauchs endlich offen ansprechen zu können.

Frage: Haben Sie seither noch weitere Initiativen zum Kinderschutz und zur Missbrauchsprävention gestartet?

Ondeng: Nach dem Start des Kurses wurde uns bald klar, dass wir mit unseren Bemühungen nicht an den Toren der Universität aufhören durften, sondern auch die Priester, die bereits in Gemeinden tätig sind, in das Thema einbinden mussten. Deshalb bieten wir inzwischen auch Fortbildungsmöglichkeiten außerhalb der Hochschule an. Das Interesse daran ist stetig gewachsen, und ich gebe mein Wissen zum Beispiel in Vorträgen natürlich sehr gerne weiter. Ich bin sehr froh, dass es uns in wenigen Jahren gelungen ist, dass zum Beispiel in unseren Orden heute ganz anders – nämlich viel aufmerksamer und sensibler – mit der Missbrauchsproblematik umgegangen wird.

Frage: Das klingt gut – und doch werden Sie in Ihrem Einsatz gegen Missbrauch sicher auch immer wieder mit Schwierigkeiten konfrontiert. Welche sind die größten?

Ondeng: Die größte Schwierigkeit ist kulturell bedingt: In Afrika redet man nicht über Sex, Liebe und Sexualität sind absolute Tabuthemen. Insofern ist es natürlich auch für uns immer wieder eine Herausforderung, über diese Dinge zu sprechen und Sensibilität zu wecken. Das macht die Arbeit in den Feldern Prävention und Safeguarding natürlich nicht einfacher. Ein weiteres Problem ist der gesellschaftliche und juristische Umgang mit Missbrauchstaten. Die Neigung, die Taten von Priestern oder Ordensleuten zu vertuschen oder sie nicht als die Verbrechen zu verurteilen, die sie sind, ist immer noch verbreitet. Häufig wird auch versucht, die Taten im Verborgenen zu regeln, indem der Familie eines Opfers zum Beispiel umgerechnet 500 Euro als "Schadensbegrenzung" angeboten werden. Gerade arme Familien gehen häufig auf dieses Angebot ein und lassen die Taten dann auf sich beruhen. Mit unseren Fortbildungsangeboten versuchen wir auch hier, einen Bewusstseinswandel herbeizuführen. Wir versuchen, den betroffenen Familien klarzumachen, dass man Missbrauchstaten nicht am Küchentisch regeln kann, sondern dass solche Taten mit der vollen Kraft des Gesetzes bestraft werden müssen.

Bild: ©KNA/Marco Bonomi

Schwester Jacinta Ondeng hat am damaligen Kinderschutzzentrum von Pater Hans Zollner (im Bild) an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom einen Safeguarding-Kurs absolviert und engagiert sich seither für Kinderschutz in Kenia.

Frage: Was sind Ihre nächsten Ziele im Kampf gegen den Missbrauch in der Kirche?

Ondeng: Da möchte ich vor allem zwei nennen: Zum einen wollen wir uns stärker den Schulen und Familien zuwenden, denn auch dort läuft noch manches schief. Wir möchten gerne Informationsveranstaltungen für Lehrer, Erzieher und Eltern anbieten, um sie ebenfalls für das Problem zu sensibilisieren. Zum anderen müssen wir mehr Forschung betreiben, um unsere bisherige Arbeit evaluieren zu können. Wir brauchen mehr Daten, damit wir besser nachvollziehen können, wie sich die Missbrauchsproblematik entwickelt – sowohl, was die Zahl der Taten selbst angeht als auch was den Umgang mit den Taten betrifft.

Frage: Sie gelten als eine Pionierin, die es durch ihren Einsatz mit geschafft hat, dass Schweigen über sexuellen Missbrauch in der afrikanischen Kirche zu brechen. Haben Sie deswegen schon mal Nachteile erfahren? Sind Sie schon mal bedroht worden, weil Sie den Finger in die Wunde legen?

Ondeng: Nein, bedroht worden bin ich noch nicht. Gelegentlich passiert es mal, dass Menschen hinter meinem Rücken mein Engagement kleinreden – mehr aber auch nicht. Als katholische Ordensschwester berufe ich mich in meinem Tun auf das Evangelium. Gott hat jedem Menschen eine eigene Würde geschenkt. Missbrauch zerstört diese Würde und ist damit ein Verbrechen gegen Gott und die Menschen. Ich verspüre in dem Kampf gegen Missbrauch einen Auftrag, und den führe ich aus.

Frage: Der Missbrauch ist mittlerweile seit mehr als zehn Jahren auch dominierendes Thema in der deutschen Kirche. Was wissen Sie darüber und können die Erfahrungen, die man in Deutschland bislang bei der Aufarbeitung der Taten gemacht hat, für Ihre Arbeit in Kenia hilfreich sein?

Ondeng: Natürlich habe ich von der Situation in Deutschland gehört. Mein Eindruck ist, dass Kirche und Gesellschaft hier wirklich etwas gegen das Problem des sexuellen Missbrauchs tun. Das ist gut, denn es macht uns Hoffnung und stärkt uns in unserer Arbeit. Am Beispiel Deutschlands sehen wir aber auch, dass der Kampf gegen den Missbrauch einen langen Atem braucht. Doch es gibt dazu keine Alternative, denn die Folgen von Missbrauch sind fürchterlich.

Von Steffen Zimmermann