Papst Franziskus hatte junge Geistliche vor Pornografie gewarnt

Psychologe über Porno-Konsum: Auch Priester haben sexuelle Wünsche

Aktualisiert am 15.11.2022  –  Lesedauer: 

Münster ‐ Papst Franziskus hat jüngst Priester vor dem Konsum von Pornografie gewarnt. Der Pfarrer und Psychologe Hermann Backhaus spricht im katholisch.de-Interview darüber, warum das Anschauen von Pornos heute auch bei zölibatär lebenden Menschen normal ist – und wann diese Gewohnheit problematisch wird.

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"Der Teufel kommt von dort": Mit diesen Worten meint Papst Franziskus den Konsum von Pornografie – auch in ihrer "einigermaßen 'normalen'" Form. Vor zwei Wochen warnte das Kirchenoberhaupt junge Priester vor den Filmen mit expliziten sexuellen Darstellungen. Der Psychologe und Pfarrer Hermann Backhaus weiß aus seiner Arbeit in der kirchlichen Beratungsstelle "Centro" in Münster, dass das Anschauen von Porno-Filmen zum Problem werden kann, aber nicht muss. Im Interview berichtet Backhaus aus seiner Arbeit mit Menschen im Dienst der Kirche – und warum für viele Pornografie relativ normal ist.

Frage: Vor kurzem hat der Papst vor dem Konsum von Pornografie gewarnt. Er richtete sich mit seiner Aussage vor allem an Priester, Ordensleute und Seminaristen. Hat der Papst mit seiner Einschätzung Recht, dass dieses Thema auch Kleriker betrifft?

Backhaus: Grundsätzlich hat Franziskus damit Recht, denn Priester und Ordensleute sind Teil unserer Gesellschaft und heutzutage ist Pornografie für alle Menschen über das Internet unmittelbar und einfach zugänglich. Deshalb haben auch Kleriker, Ordensleute und andere Menschen im kirchlichen Dienst in aller Regel Erfahrungen mit Pornografie – das weiß ich aus meiner Arbeit in unserer Beratungsstelle. Es wird dann schwierig, wenn der Konsum nicht mehr kontrollierbar ist.

Frage: Der Papst hat den Teufel in Zusammenhang mit Pornografie gebracht. Ist eine solche Äußerung aus Ihrer Sicht hilfreich?

Backhaus: Ich verfolge nicht jede Wortmeldung des Papstes, aber er spricht relativ frei und häufig vom Teufel. Ich glaube, es ist gut und richtig, nicht die Augen vor dem Bösen auf Erden zu verschließen. Da sind wir in der westlichen Welt vielleicht ein wenig zu blauäugig und verdrängen es. Aber das Böse gibt es auch. Den Teufel in Zusammenhang mit Pornografie zu bringen ist aber doch eine sehr starke Aussage. Ich weiß nicht, ob Franziskus damit nicht eher seiner Intention entgegenwirkt als sie zu fördern.

Frage: Dass der Papst hier den Teufel ins Spiel gebracht hat, wurde bereits als "spirituelle Überhöhung" bezeichnet, die es schwierig macht, über das Thema zu sprechen, besonders, wenn es zu einem Problem geworden ist. Sehen Sie das auch so?

Backhaus: Ganz genau. Es gibt eben auch Priester und Ordensleute, für die ihr Porno-Konsum zu einem Problem geworden ist. Denn Porno-süchtige Menschen können nachts nicht schlafen, weil sie dann stundenlang im Internet unterwegs sind, um Befriedigung zu suchen. Am nächsten Tag sind sie dann unausgeschlafen und können ihren Aufgaben nur begrenzt nachkommen.

Pfarrer Hermann Backhaus
Bild: ©Bönte/Kirche-und-Leben

Pfarrer Hermann Backhaus ist Theologe und Psychologe. Er arbeitet im "Centro", einer Beratungsstelle des Bistums Münster, die psychologische Begleitung für Menschen im Dienst der Kirche anbietet.

Frage: Wenn das Anschauen von Pornografie aber nicht die Züge einer Sucht hat, finden Sie ihren Konsum auch für Kleriker gerechtfertigt, die nun einmal ein zölibatäres Leben versprochen haben?

Backhaus: Als Psychologe be- und verurteile ich Porno-Konsum nicht. Ich sehe meine Aufgabe darin, die Realität wahrzunehmen und mit ihr zu arbeiten. Dass es Pornografie, den Konsum von Pornos und die Sucht danach gibt, ist für mich erstmal eine Tatsache, mit der man sich auseinandersetzen muss.

Frage: Aus konservativen christlichen Kreisen kommt oft harsche Kritik an Pornografie, etwa, dass sie Menschen daran hindere, eine glückliche Ehe zu führen. Ist es Ihrer Meinung nach möglich, Pornos zu schauen und ein gelingendes Eheleben oder ein Leben als Priester zu führen?

Backhaus: Wir sollten mit der Bezeichnung "pornografisch" vorsichtig sein, weil sie immer ein wenig den Beigeschmack des Dreckigen hat. Eine gewisse explizite Darstellung von Sexualität kann in Beziehungen dazu führen, dass das Liebesleben lebendiger wird. Es gibt also durchaus auch positive Auswirkungen von expliziter Sexualität in Bezug auf Partnerschaft und gelebte Sexualität. Mit Blick auf zölibatär lebende Menschen kann der Konsum von expliziten sexuellen Darstellungen eine entlastende Wirkung haben – das kann man nicht abstreiten. Aber es kann natürlich sein, dass es individuell eine bessere Entlastung in diesem Bereich als Pornografie gibt.

Frage: Hier stellt sich eine grundlegende Frage zölibatär lebender Menschen: Wie gehe ich mit meiner Sexualität um?

Backhaus: Da haben Sie Recht. In der Kirche haben zölibatär lebende Menschen lange die Einsicht vermieden, dass sie Wesen mit einer Sexualität sind. Fast jeder Mensch hat sexuelle Bedürfnisse, doch als Priester und Ordensleute sind wir es gewohnt, sie nicht wahrzunehmen oder zumindest nicht darüber zu sprechen. Das ist eine große Gefahr. Aber wir sind in der Kirche gerade dabei, dieses Verhalten aufzubrechen und zu erkennen: Priester und Ordensleute sind ganz normale Menschen mit sexuellen Wünschen. Damit müssen wir umgehen. Erschwerend kommt hier aber hinzu, dass es eine Übersexualisierung in der Gesellschaft gibt und Sex sozusagen als Leistungssport dargestellt wird: Er ist sehr präsent und es gilt als Ideal, viel Sex zu haben. Dabei ist es in langjährigen Partnerschaften normal, nicht häufig Sex zu haben – manchmal auch jahrelang nicht. Genauso sind spezielle sexuelle Vorlieben eine Realität: Ich hatte in unserer Beratungsstelle auch schon mit Menschen zu tun, die eine Präferenz haben, die man als Fetisch bezeichnen könnte. Das waren Menschen, die zölibatär leben oder leben wollten. Mich hat das ein wenig überrascht, aber auch so etwas kommt vor.

Hände eines Mannes mit Hemd und Krawatte tippen nachts auf Computertastatur.
Bild: ©Photographee.eu/Fotolia.com

Wenn der Konsum von Pornografie zu einer Sucht wird, bestimmt er das Leben der Betroffenen – mit negativen Folgen: Weil sie die Nächte am Computer verbringen, sind sie am Tag nicht ausgeschlafen und können ihren Aufgaben nur eingeschränkt nachgehen.

Frage: Wenn kirchliche Mitarbeiter zur Beratung in Ihre Einrichtung kommen, stellen Sie ihnen routinemäßig auch Fragen zur Sexualität und zum Porno-Konsum. Haben viele Ihrer Klienten Bedarf, über diese Punkte zu sprechen?

Backhaus: Zumindest für meine Gespräche kann ich sagen, dass das nicht häufig der Fall ist. Aber weil wir das in unserer spirituell-psychologischen Standortbestimmung abfragen, ist die Hemmschwelle, das zum Thema zu machen, relativ gering. Wenn es angesprochen wird, spielt das Thema meist nur eine Nebenrolle. Dieser Punkt muss nicht vorkommen, aber er kann es – und das ist eine große Entlastung für unsere Klienten. Bei uns sind Sexualität und Pornografie keine außergewöhnlichen Phänomene, sondern wir können hier normal darüber sprechen.

Frage: Bei Ihnen ist es möglich, frei über Sexualität und Porno-Konsum zu sprechen, aber in vielen Kreisen der Kirche ist das meist so nicht möglich.

Backhaus: Ich wünsche mir von der Kirche, diese Themen zu entsensationalisieren. Sie sind nun einmal etwas, das in unserer Gesellschaft Normalität ist. Wir können und müssen einen guten Umgang damit finden. Ich habe den Eindruck, dass sich das auch in der Priesterausbildung im Seminar widerspiegelt: Zu meiner Zeit im Priesterseminar gab es eigentlich keine Möglichkeit über Sexualität zu sprechen. Heute ist das aber möglich.

Frage: Nun ist es beim Thema Pornografie aber so, dass die Morallehre der Kirche sie eindeutig verurteilt. Befinden Sie sich als Priester und Psychologe im kirchlichen Dienst hier in einem Zwiespalt?

Backhaus: Ich habe nicht nur Psychologie, sondern auch ein Aufbaustudium in Moraltheologie absolviert. Aber in unserer Einrichtung arbeite ich als Psychologe, der auch Priester ist – und nicht andersherum. Noch einmal: Wir gehen vom Leben aus, also der Realität. Ein Beispiel hierfür ist das Thema Selbstbefriedigung. Fast alle, also etwa 95 Prozent der Männer und 90 Prozent der Frauen, geben bei der Beratung zu, dass sie Erfahrungen mit Selbstbefriedigung gemacht haben. Und wir erfahren hier auch, dass Selbstbefriedigung bei jungen Menschen deutlich häufiger anzutreffen ist als bei älteren Menschen. Dabei ist es wichtig, auf die Psychodynamik dieser Vorgänge zu schauen: Es kann sein, dass ich mich häufiger selbstbefriedige, wenn ich mich einsam fühle oder unter Stress stehe. Es ist wichtig, hier den Zusammenhang zu erkennen. Wenn ich etwa Ärger in der Pfarrei habe und mich dann besonders häufig selbstbefriedige, ist das eine relevante Rückmeldung, um das eigene Verhalten eventuell zu ändern und mit Stress besser umzugehen.

Von Roland Müller

Das "Centro" in Münster

Die Beratungsstelle "Centro – Psychologische Begleitung für Menschen im Dienst der Kirche" bietet im Bistum Münster geistlich-psychologische Standortbestimmungen, Potenzialanalysen und längerfristige Formen der psychologischen Begleitung an. Dabei wird bewusst die spirituelle Dimension miteingeschlossen.