Theologin Horstmann über menschliche und religöse Gewalt gegen Tiere

"Auch Kirche und Theologie haben Schuld an der Ausbeutung von Tieren"

Aktualisiert am 22.11.2022  –  Lesedauer: 

Dortmund ‐ Wie steht der Mensch zum Tier? Und wie die Religionen? Darüber forscht die Theologin Simone Horstmann. Im katholisch.de-Interview spricht sie über religiöse Gewalt an Tieren und die "Tiervergessenheit" der Theologie. Scharf kritisiert sie zudem den weiterhin hohen Fleischkonsum in Deutschland.

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Theologie und Tiere gehören für die meisten Menschen wohl eher nicht zusammen. Die Dortmunder Theologin Simone Horstmann sieht das anders: Sie forscht genau zu diesem Thema und hat mit zwei Kollegen unter anderem bereits ein Buch zur "Theologie der Tiere" veröffentlicht. Im Interview mit katholisch.de spricht Horstmann über das Verhältnis von Menschen und Religionen zu Tieren und spart dabei nicht an Kritik – unter anderem an der wissenschaftlichen Theologie, die die Tiere lange Zeit weitgehend ignoriert habe, und an den Menschen, die trotz aller Skandale der vergangenen Jahre immer noch Fleisch essen und dafür das Leid von Tieren in Kauf nehmen.

Frage: Frau Horstmann, Sie forschen als katholische Theologin über das Verhältnis von Mensch und Tier und die Art und Weise, wie Menschen – auch im Namen von Religionen – mit Tieren umgehen. Das klingt zunächst nach einem ziemlichen Orchideenthema. Wie sind Sie zu Ihrem Forschungsgegenstand gekommen?

Horstmann: Nicht durch die Theologie. Vielmehr hat mich der Umgang des Menschen mit den Tieren schon als Kind beschäftigt. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass mich die Tiertransporte, die ich bei Fahrten mit meinen Eltern etwa auf der Autobahn sah, schon damals sehr irritiert und auch schockiert haben. Mir war es damals ein Rätsel, mit welcher Selbstverständlichkeit Wesen anderer Spezies in den Tod schickt werden. Daraus sind Fragen erwachsen, die mich heute noch umtreiben – und das inzwischen eben auch als Theologin.

Frage: Zum klassischen Kanon der Katholischen Theologie gehört das Thema aber nicht ...

Horstmann: Das ist richtig. Ich habe in meinen ersten Jahren als Wissenschaftlerin immer wieder gemerkt, dass für meine Fragen zu diesem Themenkomplex in der wissenschaftlichen Theologie kaum Platz war. Schließlich hatte ich aber das Glück, mit engagierten Kollegen in Dortmund an diesen Fragen arbeiten zu können. Entstanden ist aus dieser Zusammenarbeit unter anderem das Buch "Alles, was atmet. Eine Theologie der Tiere", in dem Thomas Ruster, Gregor Taxacher und ich uns 2018 mit der Tiervergessenheit der Theologie auseinandergesetzt haben.

Frage: Das müssen Sie erklären: Was meinen Sie mit "Tiervergessenheit der Theologie"?

Horstmann: Schaut man sich etwa theologische Lehrbücher an, kommen Tiere darin quasi nicht vor. Selbst in der Schöpfungstheologie werden sie nur am Rande thematisiert. Während die traditionelle Dogmatik nichtmenschlichen Geschöpfen wie Engeln einigen Platz eingeräumt hat, wurden und werden die uns nächsten natürlichen Mitgeschöpfe – nämlich die Tiere – weitgehend ignoriert. Auch heute kann man diese Konstellation beobachten: Die Theologien befassen sich lieber mit den Künstlichen Intelligenzen als mit den natürlichen. Und dahinter steckt ein System: Deswegen wäre es auch besser, statt von "Tiervergessenheit" von der strategischen Ausblendung von Tieren innerhalb der Theologie zu sprechen.

„Tiere werden etwa im Christentum bis heute meist als Kontrastfolie zu allem Menschlichen betrachtet – für diesen Effekt nimmt man auch die krudesten Deutungen dessen in Kauf, was dann im Einzelnen mit Tieren assoziiert wird.“

—  Zitat: Simone Horstmann

Frage: Sie sagen, die wissenschaftliche Theologie hat Tiere über lange Zeit hinweg weitgehend ignoriert beziehungsweise ausgeblendet. Wie sieht es aber mit der Religion selbst aus? Welche Rolle spielen Tiere im Christentum?

Horstmann: Der Blick auf die Tiere und der Umgang mit ihnen in der Religion ist weitgehend gewaltförmig. Tiere werden etwa im Christentum bis heute meist als Kontrastfolie zu allem Menschlichen betrachtet – für diesen Effekt nimmt man auch die krudesten Deutungen dessen in Kauf, was dann im Einzelnen mit Tieren assoziiert wird. Ich habe den Eindruck, dass die Abwertung von Tieren durch den Menschen immer auch mit bestimmten Distinktionsgewinnen für unser menschliches Selbstverständnis als religiöse Wesen verbunden war und ist. Damit menschliche Erlösung denkbar werden konnte, brauchte es offenbar etwas, das als nicht erlösbar galt, dessen Sterben als gänzlich unbedeutend abgetan werden konnte. Oder denken Sie an die Zweinaturenlehre, nach der Jesus Christus eine göttliche und eine menschliche Natur hat. Göttlichkeit und Menschlichkeit stehen gemäß dieser Lehre nicht in Konkurrenz zueinander, sondern wachsen gemeinsam. Die dritte Natur, die tierliche, hat man hingegen stets als Konkurrenz wahrgenommen, von der es sich zu befreien galt. Das Projekt einer solchen exklusiv menschlichen Befreiung schlägt deswegen bis heute notwendig in Herrschaft um.

Frage: Im religiösen Kontext wird bei der Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Tier gerne die Aussage aus dem Buch Genesis zitiert, wonach sich der Mensch die Erde untertan machen soll. Damit wird unter anderem gerechtfertigt, dass der Mensch Tiere beherrscht und für seine Zwecke nutzbar macht. Wie sehr prägt diese bekannte Bibelstelle tatsächlich unseren Umgang mit Tieren?

Horstmann: Das ist eine gute Frage. In der Tat wird diese Bibelstelle gerne herangezogen – allerdings würde ich ungern einem einzelnen Vers die Gesamtverantwortung für unseren auch aus religiöser Perspektive immer häufiger als problematisch empfundenen Umgang mit Tieren zuschreiben wollen. Es gibt in der Bibel mit Blick auf die Tiere viele andere Textstellen, die ebenfalls problematisch und unerträglich gewalthaltig sind. Ich würde mir wünschen, dass wir uns stärker vergegenwärtigen, dass auch biblische Texte zunächst mal ein grundlegendes Problem für Tiere sind: Die biblischen Texte sind ebenso speziesistisch wie patriarchal. Deswegen braucht es eine Exegese, die dieses Gewaltproblem nicht beschämt unter den Tisch kehrt, relativiert oder weginterpretiert. Um die religiöse Gewalt an Tieren beenden zu können, muss sie zunächst erkannt und anerkannt werden.

Bild: ©KNA/Henning Schoon

Simone Horstmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Katholische Theologie der Technischen Universität Dortmund.

Frage: In einem Interview mit "Christ & Welt" haben Sie im vergangenen Jahr gesagt, Gewalt an Tieren gehöre zur Kernkompetenz vieler Religionen. Wie haben Sie das gemeint?

Horstmann: Diese Aussage bezog sich auf meine Beschäftigung mit dem Thema der religiösen Gewalt an Tieren, die, um gleich mit einem häufigen Missverständnis aufzuräumen, nicht nur ein Problem des Judentums oder des Islam ist. Natürlich denken viele Menschen bei religiöser Gewalt an Tieren zunächst an ritualistische Gewalt wie das Schächten. Und ja, darüber müssen wir viel stärker und weniger apologetisch diskutieren, als wir das bisher getan haben. Aber auch das Christentum hat in dieser Hinsicht ein Problem – nämlich in Form einer massiven Deutungsgewalt gegenüber Tieren. Diese äußert sich – wie schon angedeutet – etwa in nihilistischen Deutungen, die dem Leben von Tieren jedwede Bedeutung absprechen und die heute überwiegend von der modernen Tierindustrie in die Tat umgesetzt werden.

Frage: Die Haltung der meisten Menschen gegenüber Tieren ist merkwürdig widersprüchlich. Manche Tiere gelten als niedlich und werden als Haustiere verhätschelt. Andere Tiere dagegen werden ohne Gewissensbisse geschlachtet und gegessen. Wie ist das zu erklären?

Horstmann: Dieses ambivalente Verhältnis des Menschen zu den Tieren, wie Sie es beschreiben und das sich im Grunde ja so zusammenfassen lässt, dass wir Menschen Tiere entweder streicheln oder schlachten, ist für mich in Wahrheit gar nicht so ambivalent. Tatsächlich nämlich leiden auch vermeintlich verhätschelte Haustiere häufig unter ihren menschlichen Besitzern. Der Yorkshire Terrier mit der rosa Schleife im Haar mag auf den ersten Blick glücklich wirken – auch er ist jedoch vor allem dazu da, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, die in der Regel nicht seinen eigenen Bedürfnissen entsprechen. So gesehen ist der Yorkshire Terrier gar nicht so viel besser dran als das Schwein, dass industriell geschlachtet wird. Wir müssen uns wirklich klar machen: Es gibt kaum Beziehungen zwischen Menschen und Tieren, die nicht von Gewalt gegenüber den Tieren geprägt sind.

Frage: Sie sprechen die Fleischindustrie an. Die war in den vergangenen Jahren in Deutschland in zahlreiche Skandale verwickelt, bei denen einem durchaus der Appetit auf Fleisch hätte vergehen können. Trotzdem ist der Fleischkonsum in Deutschland in der jüngeren Vergangenheit kaum gesunken. Woran liegt das?

Horstmann: Ich kann mir das nur so erklären, dass viele Menschen vielleicht immer noch meinen, dass es sich bei diesen Skandalen um bedauerliche Einzelfälle handeln würde. Das ist aber nicht so. Die gesamte  Tierindustrie ist ein Skandal. Ebenso ist es die Art und Weise, wie wir als Gesellschaft insgesamt mit Tieren umgehen. Als Gesellschaft sind wir offenbar immer noch nicht bereit, unsere Beziehung zu Tieren grundsätzlich als extrem gewalthaltig anzuerkennen und etwas dagegen zu tun. Was den Fleischkonsum angeht, muss man klar sagen, dass wir als Menschen ernährungsphysiologisch nicht auf Fleisch angewiesen sind. Insofern gibt es aus meiner Sicht kein stichhaltiges Argument, warum es trotzdem sinnvoll und notwendig sein sollte, Tiere zu töten.

„Wer Biofleisch kauft, beruhigt damit höchstens sein eigenes Gewissen und hält die Tiertötungsindustrie am Laufen. Für die Tiere ist damit wenig bis gar nichts gewonnen.“

—  Zitat: Simone Horstmann

Frage: Ein Argument könnte der Geschmack sein. Viele Menschen essen immer noch regelmäßig – mitunter sogar täglich – Fleisch und begründen das vor allem damit, dass es ihnen gut schmeckt.

Horstmann: Das ist doch kein Argument, sondern völlig absurd.

Frage: Trotzdem begründen viele Menschen genauso ihren Fleischkonsum. Wie sollte man Ihrer Meinung nach damit umgehen? Und wie kann man vielleicht ein Umdenken erreichen?

Horstmann: Gegen solche Pseudoargumente anzuargumentieren, ist nicht leicht. Auf keinen Fall sollte man versuchen, einen überzeugten Fleischesser ausschließlich moralisch unter Druck zu setzen; das funktioniert in der Regel nicht, sondern löst eher Gegenreaktionen aus. Aber vielleicht kann man den Fleischesser vorsichtig fragen, wozu er diese Gewalt an Tieren tatsächlich braucht, weil sie ja so offensichtlich unnötig ist. Über solche Gespräche mache ich mir aber keine großen Illusionen. Sich selbst als Gewalttäter zu begreifen, ist für uns alle psychologisch enorm voraussetzungsreich. Klar ist: Wenn sich in Sachen Fleischkonsum wirklich etwas ändern soll, braucht es auch politische Lösungen.

Fleisch auf einem Grill.
Bild: ©maho/Fotolia.com

"Was den Fleischkonsum angeht, muss man klar sagen, dass wir als Menschen ernährungsphysiologisch nicht auf Fleisch angewiesen sind. Insofern gibt es aus meiner Sicht kein stichhaltiges Argument, warum es trotzdem sinnvoll und notwendig sein sollte, Tiere zu töten", so Horstmann.

Frage: Was schwebt Ihnen da vor? Höhere Steuern auf Fleischprodukte? Eine grundsätzliche Neuaufstellung der Lebensmittelindustrie – weg von den industriellen Großbetrieben?

Horstmann: Vor allem brauchen wir endlich einen grundsätzlichen Diskurs über unseren gewalthaltigen Umgang mit Tieren, die als politisch relevante Akteure anerkannt werden müssen. Das stellt nicht nur einzelne Produkte oder Verfahren infrage, sondern die Tierindustrie und die religiöse Anthropologie insgesamt.

Frage: Nochmal zur Frage des Fleischkonsums: Wäre der Verzehr von Biofleisch aus Ihrer Sicht ein akzeptabler Kompromiss?

Horstmann: Nein, denn der Begriff "Biofleisch" ist ein Etikettenschwindel. Wer Biofleisch kauft, beruhigt damit höchstens sein eigenes Gewissen und hält die Tiertötungsindustrie am Laufen. Für die Tiere ist damit wenig bis gar nichts gewonnen. Ich sehe auch nicht, warum es angesichts einer derart klaren Sachlage einen Kompromiss geben sollte.

Frage: Würden Sie sich wünschen, dass die Kirchen in Deutschland das Schicksal von Tieren stärker in den Blick nehmen und insbesondere gegen die diversen Fleischskandale lauter ihre Stimme erheben würden?

Horstmann: Natürlich wäre das wünschenswert. Dies würde aber voraussetzen, dass die Kirchen und Theologien auch ihre eigene tiefe Schuld an der Ausbeutung von Tieren anerkennen, systematisch aufarbeiten und einen grundlegenden Wandel angehen. Sie müssten lernen, sich von außen zu sehen und zu begreifen, warum Religion von nichtreligiösen Menschen gerade in Sachen Tierethik immer noch als Teil des Problems und nicht als Teil der Lösung wahrgenommen wird. Eigentlich ist genau diese Befähigung dazu, sich selbst von außen und aus nichtmenschlichen Augen sehen zu lernen, die entscheidende Programmatik einer Tiertheologie.

Von Steffen Zimmermann