Himmelklar – Der katholische Podcast

Pater Alt über Klima-Aktivismus: Verständnis und Widerstand aus Kirche

Aktualisiert am 14.12.2022  –  Lesedauer: 

Köln ‐ Wie weit dürfen Aktivisten bei ihren Protesten gehen? Darüber diskutiert gerade das ganze Land. Einer der Demonstranten ist der Jesuit Jörg Alt, der sich bereits auf die Straße geklebt hat. Ob er dabei Angst hatte, verrät Alt im Interview.

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Der Jesuitenpater Jörg Alt hat in den vergangenen Monaten mehrfach Schlagzeilen gemacht, weil er sich gemeinsam mit Aktivisten der Bewegung "Letzte Generation" auf die Straße geklebt hat. Aber wie reagieren die Klimademonstranten auf ihn als Priester? Kann er es vor seinem Gewissen rechtfertigen, mit diesen Aktionen möglicherweise Menschen in Gefahr zu bringen? Hat er Angst sich auf der Straße festzukleben? Darüber hat Alt im Podcast "Himmelklar" gesprochen.

Frage: Sie waren die letzten Monate öfter in den Schlagzeilen, weil Sie sich gemeinsam mit der "Letzten Generation“ an verschiedene Straßen geklebt haben, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen. - Was haben Sie gedacht, als die Idee das erste Mal an Sie herangetragen wurde?

Pater Jörg Alt: Zunächst mal wurde nichts an mich herangetragen. Das finde ich auch sympathisch an meinen Freundinnen und Freunden von der "Letzten Generation". Die wissen sehr wohl, in was für einer schwierigen Situation ich bin. Natürlich bin ich ein Mensch und ein Privatmann, aber ich werde in der Öffentlichkeit nicht als Mensch und Privatmann wahrgenommen, sondern als Jesuit, als katholischer Priester und als Mitglied einer Institution. Um diese protokollarischen Schwierigkeiten wissen diese jungen Menschen.

Nein, ich habe mir diese Fragen gestellt. Ich habe meine Oberen gefragt, ob es reicht, wenn ich weiterhin für die Leute bete oder ob ich da mitmachen muss. Das war meine Entscheidung, das zu tun. Meine Entscheidung, mich auf die Straße zu kleben, ist im August gefallen. Ich habe gemerkt, obwohl ich containert habe und bewusst eine Straftat begangen habe, sind die Diskussionen in den politischen Parteien der Ampelkoalition so gewesen, dass die Grünen mich umgehend öffentlich verteidigt haben und meine Forderung nach einem Gesetz zur Rettung von Lebensmitteln als legitim anerkannt haben, die SPD hat nichts dagegen gehabt, die hat dazu nichts gesagt, aber die FDP hat blockiert. Und ein Gesetz, was dermaßen populär ist, was so viel Sinn macht und in anderen Ländern funktioniert, einfach nur zu blockieren, weil einem das Privateigentum über alles geht und die Sozialpflichtigkeit egal ist, das geht nicht.

Wenn wir nicht einmal in der Lage sind, ein dermaßen populäres Gesetz umzusetzen, wie gehen wir dann mit den richtig schweren Themen wie der Energie-, der Verkehrs- und der Agrarwende um? Das war dann der Punkt, warum ich mich im August dann auf den Nürnberger Altstadtring mit "Extinction Rebellion" und der "Letzten Generation" zusammengesetzt habe. Mit containertem Essen vor mir. Durch diese Blockade wollte ich auch symbolisch deutlich machen: Wir müssen uns dem "Weiter so" entgegensetzen. Wir müssen wirklich gucken, dass wir innehalten und umsteuern.

Frage: Wie fühlt sich das an, an der Straße zu kleben?

Alt: Das ist ein komisches Gefühl, wenn man sich auf einmal nicht mehr bewegen kann, aber der Kleber in Nürnberg war sehr gut. Der hat nicht wehgetan. Nur bei meiner zweiten Blockade in München, da hatte ich einen Kleber, der so gut funktioniert hat, dass ich Brandblasen bekommen habe. Bei dieser Kleberei kommt ja durch die Hitze die Verbindung zwischen den zwei Oberflächen zustande. Und mir wurde dann hinterher mit einem breiten Grinsen erklärt, dass es Leute und Hauttypen gibt, wo das besonders gut funktioniert. Und bei mir hat es halt besonders gut funktioniert. Aber das ist alles ein Witz. Also das nehme ich gerne in Kauf.

Frage: Hatten Sie in dem Moment Angst?

Alt: Ach Leute, das ist doch wirklich alles nebensächlich. Man klebt sich auf die Straße und kommt halt nicht los. Das ist kein Thema. Wovor ich am meisten Angst hatte, war, wenn ich jetzt da klebe und die Leute kommen aggressiv auf mich zu und brüllen oder prügeln auf mich ein und ich kann dann nicht weg. Davor hatte ich ein bisschen Angst, aber das war ja alles nicht der Fall. Erstens klebt man sich ja erst an, wenn die Polizei kommt und schon mal ein Auge auf die Situation hat. Und bei jeder meiner Blockaden war es so gewesen, dass Aggression und Lob und Zustimmung sich die Waage gehalten haben.

Es ist ja durchaus so, wenn die Autofahrer aggressiv werden, dass dann Passanten auf sie zugehen und sagen: Du wusstest doch, dass das passiert. Warum hast du denn dein Auto rausgeholt und bist nicht U-Bahn gefahren? Die U-Bahn wird nicht blockiert. Es richtet sich wirklich nur gegen das Auto, weil das letzten Endes für das Problem steht, mit dem wir zu kämpfen haben, nämlich ungebremstes Wachstum.

Und jeder, der sagt, mit Effizienz und Sparsamkeit und Innovation kommen wir weiter, der weiß seit Jahrzehnten, dass das nicht funktioniert. Wenn die Autos effizienter und billiger werden, dann können sich mehr Menschen diese Autos kaufen und dadurch werden genauso viele natürliche Ressourcen übernutzt und verschmutzt. Wir verstoßen gegen die planetaren Grenzen. Wir leben ja, als ob wir drei Erden zur Verfügung hätten. Wir haben nur eine und deswegen müssen wir an dieses Wachstum ran. Wir müssen deswegen eben weniger Autos erreichen und einen besseren öffentlichen Personennahverkehr. Dann stimmt die Richtung wieder.

„Ich schreibe natürlich auch den Bischöfen Briefe und sage: Mensch, engagiert euch! Wenn die Politik die richtigen Schritte weg vom fossilen "Weiter so" macht, dann sind auch diese ganzen Proteste nicht mehr nötig und dann ist wieder Ruhe im Land. Bis jetzt haben sich lediglich Kardinal Marx und Bischof Bätzing dazu geäußert. Ich glaube, wir haben noch ein paar andere Bischöfe im Land, aber ich weiß auch nicht, warum die nichts sagen.“

—  Zitat: Pater Jörg Alt

Frage: Diese Protestaktionen schaffen mehr Aufmerksamkeit als normale Demos. Aber wenn dann tatsächlich Flughäfen blockiert werden und Flugzeuge nicht landen können, dann ruft man ja nicht nur Unannehmlichkeiten hervor, sondern bringt tatsächlich andere Menschen in Gefahr. Das ist ja auch ein großes Gegenargument, was zum Beispiel vom Verkehrsminister kommt. Das müsste doch eigentlich eine Grenze sein. Als Priester müssen Sie doch eigentlich erst recht sagen, Sie wollen damit niemanden in Gefahr bringen. Ist so eine Aktion da nicht kontraproduktiv?

Alt: Welcher Mensch ist konkret in Gefahr gebracht worden durch diese Blockaden? Ich kenne kein einziges Beispiel. Die ganzen Blockaden sind angekündigt. Wer in ein Flugzeug steigt, muss natürlich mit diesem Risiko leben. Wenn es Stürme gibt, dann müssen Flugzeuge auch umgeleitet werden. Jedes Flugzeug wurde umgeleitet. Die einzige Folge war, dass die Passagiere eine Unannehmlichkeit hatten, weil sie eine längere Reise hatten. Da ist also bis jetzt nichts passiert. Das wird alles ganz transparent gemacht. Deswegen ist es auch kein Terrorismus. Terrorismus sind unangekündigte Aktionen mit dem Ziel, eine Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen. Aber die "Letzte Generation" kündigt ihre Proteste an – und wer glaubt, er versucht dann trotzdem durchzukommen, der muss dann auch mit den Folgen leben.

Die Flughafen-Blockaden waren auch alle angekündigt. Es wurde rechtzeitig gesagt: Achtung, wir gehen jetzt auf das Rollfeld, stellt den Betrieb ein. Die Warnungen sind da. Vor allen Dingen, was ja auch oft übersehen wird: Bei vielen Flughafen-Blockaden, die wir in Europa hatten, das ist ja auch in anderen Ländern der Fall, werden vor allen Dingen die Privat-Flughäfen blockiert, wo die Privatjets der Superreichen stehen.

Es ist ja auch wirklich eine Binsenweisheit, dass das Top eine Prozent der Superreichen den größten ökologischen Fußabdruck hat. Also auch dagegen müssen wir vorgehen, um den Finger auf die zu legen, die die größte Verantwortung haben, umzusteuern, weil nicht nur ihr persönlicher Lebensstil eine Katastrophe ist, sondern weil es meistens auch die Leute sind, denen die ganzen Industriekonzerne gehören und die deswegen auch eine Möglichkeit hätten, in ihren Konzernen eine sozial-ökologische Wende einzuleiten.

Frage: Sie sprechen also von Unannehmlichkeit statt Gefahr für die Bürger. Aber wo wäre für Sie die Grenze, wo Sie sagen, da kann ich jetzt nicht mehr mitgehen, das würde für mich jetzt zu weit gehen?

Alt: Diese Grenze muss ich für mich beantworten. Selbstverständlich würde ich nie eine Protestform wählen, wo tatsächlich die Möglichkeit besteht, dass Menschen gefährdet werden. Die "Letzte Generation" ist ja ausdrücklich auf Gewaltfreiheit gegründet. Gewalt ist, wenn Menschen ein Schaden zugefügt wird. Das wird in jeder Situation vermieden.

Ich war deswegen bei meiner Münchner Blockade sehr froh, dass ein Journalist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zugehört hat, als wir die Blockade unter uns geplant haben, ohne dass wir es wussten und dass er die Diskussion von uns mitbekommen hat. Wir haben uns überlegt, wie wir uns festkleben, damit es eine Rettungsgasse geben und der Rettungswagen unbehindert durchkommen kann. Wir tun das jedes Mal, dass wir uns überlegen, wie wir sicherstellen können, dass die Notfälle abgedeckt sind und wirklich nur der normale Autofahrer etwas abbekommt.

Frage: Wie reagieren die anderen Klimademonstranten denn auf Sie als Priester?

Alt: Das ist eine heikle Frage. Als Mitglied einer Institution, die sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten absolut ungeschickt darstellt, kriege ich auch immer wieder bei jungen Menschen mit, dass ich als katholischer Priester komplett abgemeldet und unten durch bin. Ich gehe da ja auch nicht hin, um zu missionieren. Ich gehe dahin, weil ich als Jesuit die Themen soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit im Rahmen meines Ordens immer schon vertreten habe und den Leuten anbiete, zu diesen Sachthemen mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Das begegnet am Anfang einem sehr großen Misstrauen, weil die jungen Leute natürlich auch denken, dass ich durch die Hintertür doch missionieren will. Aber in dem Maße, in dem wir dann zusammenarbeiten, wenn ich dann die Fachfrage in den Vordergrund stelle und alles andere in den Hintergrund, wächst dann doch ein Vertrauen. Das bekomme ich dann immer wieder zurückgemeldet, wenn dann gesagt wird: Ja, die katholische Kirche ist für uns abgemeldet, aber dir nehmen wir ab, dass es dir an unseren Themen liegt und wir arbeiten gerne mit dir zusammen.

Dass dadurch natürlich dann immer auch wieder mal die Frage gestellt wird: Warum machst du so ein Zeug, dass du zölibatär lebst, diese Gelübde befolgst, muss das denn sein? Warum fragst deinen Oberen, bevor du dich auf die Straße klebst? Das kommt, aber es kommt sehr selten, weil letzten Endes die Themen, an denen wir sachlich arbeiten, so umfassend und so fordernd sind, dass wir damit voll ausgelastet sind.

Ich denke aber, letzten Endes überlasse ich das gerne dem Heiligen Geist, was von meiner weltanschaulichen Motivation bei den jungen Leuten ankommt. Was ich immer wieder merke, ist doch, dass ich von der Hoffnung her, dass das Ganze doch vielleicht auch ein Happy End haben könnte, da doch einen deutlichen Unterschied habe im Vergleich zu vielen jungen Menschen, die mit einer gewissen Verzweiflung an diesem Thema arbeiten. Ich hoffe wirklich, dass der liebe Gott unsere Dummheit und unsere Trägheit eingepreist hat und irgendwo noch ein paar Sicherungen sind, damit wir es schaffen können. Und da bin ich sehr dankbar drum.

Frage: Wie reagiert denn die Kirche, wie reagiert denn die kirchliche Hierarchie auf Ihre Aktionen? Was hören Sie da für Stimmen?

Alt: Ich kriege das ja alles nicht mit. Ich meine, ich schreibe natürlich auch den Bischöfen Briefe und sage: Mensch, engagiert euch! Wenn die Politik die richtigen Schritte weg vom fossilen "Weiter so" macht, dann sind auch diese ganzen Proteste nicht mehr nötig und dann ist wieder Ruhe im Land. Bis jetzt haben sich lediglich Kardinal Marx und Bischof Bätzing dazu geäußert. Ich glaube, wir haben noch ein paar andere Bischöfe im Land, aber ich weiß auch nicht, warum die nichts sagen. Die Kirche ist auch ein komplexes Gebilde. Das ist immer noch eine mitgliederstarke Organisation und natürlich gibt es dort alle Positionen. Das reicht von Leuten, die da großes Verständnis für haben bis zu Leuten, die da einen großen Widerstand spüren.

Ja, natürlich, ich kriege das schon alles irgendwie mit und ab, aber ich vermute mal vorsichtig gesagt, dass viele sich gar nicht an mich wenden, weil sie sagen: Der Alt ist eh schon ein verbohrter, radikaler Extremist, mit dem kann man schon gar nicht mehr reden, sondern dass die dann an meinen Ordensoberen schreiben und sich bei dem beschweren über mich. Der hat mir aber bis jetzt auf jeden Fall den Rücken freigehalten. Dafür bin ich sehr dankbar.

Von Renardo Schlegelmilch