Kindersoldaten sind Opfer und Täter zugleich

Furchtloser als Erwachsene

Aktualisiert am 12.02.2015  –  Lesedauer: 
Kindersoldaten

Bonn ‐ Ich hab durchgehalten in meinem Loch, ich wollte einfach nicht sterben", erzählt ein junger Mann aus dem Sudan, der sich für eine Studie des Kinderhilfswerkes terre des hommes an seine Kindheit zurückerinnert. Über ein Jahr versteckte sich Peter als Zehnjähriger in einem Hohlraum unter dem Bett und kam nur bei Nacht heraus. Seine Mutter schützte ihn so vor einem Schicksal, das in seinem Land jedem Kind drohte, das stark genug war, ein Gewehr zu halten: der Rekrutierung als Kindersoldat.

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Die Angaben schwanken, jedoch gehen die Vereinten Nationen davon aus, dass weltweit etwa 250.000 Kinder in Kriegen und bewaffneten Auseinandersetzungen kämpfen. Vor allem in Afrika sind sie im Einsatz, aber auch in Kolumbien oder Myanmar, das mit geschätzten 70.000 Soldaten im Kindesalter einen traurigen Rekord hält. Viele Kindersoldaten werden gewaltsam entführt oder mit falschen Versprechungen angelockt. Andere melden sich freiwillig, weil sie im Krieg verwaist sind und Eltern und Geschwister rächen wollen.

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China Keitetsi war eine von über 250.000 Kindersoldaten weltweit. Zehn Jahre lang kämpfte sie als Minderjährige in der ugandischen Widerstandsbewegung.

Befinden sich die Kinder erst einmal in den Händen von Rebellen oder Militärs, werden sie auf brutalste Weise indoktriniert und gedrillt. Sie sind leicht zu manipulieren, so dass sie innerhalb kurzer Zeit gehorsamer und furchtloser agieren als Erwachsene. Ausgestattet mit billigen Kleinwaffen, die auch aus Deutschland geliefert werden, kämpfen sie an vorderster Front. "Für viele wird ihre Waffe zum zuverlässigsten Begleiter, und sie machen die Erfahrung, Macht über andere Menschen und Macht über Leben und Tod zu haben", schreibt die Soziologin Dima Zito in ihrer Studie für terre des hommes.

Kindersoldaten beim IS

Auf der Suche nach ergebenen und skrupellosen Kämpfern setzt auch die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) auf Kinder. Nach einem aktuellen Bericht der Vereinten Nationen (UN) werden in Syrien und im Irak Kinder ab fünf Jahren systematisch an Waffen herangeführt. Immer wieder müssen sie sich zur Abhärtung unvorstellbare Grausamkeiten wie Enthauptungen, Steinigungen und Folter ansehen. Ältere werden gezwungen, selbst Menschen hinzurichten. Über ideologische Indoktrination wollen die Dschihadisten langfristig loyale Kämpfer für ihre Sache gewinnen.

Ein aktueller Fall zeigt jedoch, dass auch der Einfluss des IS begrenzt ist. Der 14-jährige Syrer Usaid Barho war in die Fänge der Terrororganisation geraten. Nach einiger Zeit meldete er sich nach eigener Aussage nur zum Schein freiwillig, um als Selbstmordattentäter eine schiitische Moschee in die zu Luft sprengen. Statt ein Blutbad anzurichten, stellte er sich jedoch den Sicherheitskräften und rettete auf diese Weise vielen Menschen das Leben. Usaid wurde damit als einer der ersten IS-Kindersoldaten zum Überläufer.

Auch in Nigeria setzt die Terrorgruppe Boko Haram auf Selbstmordattentäter im Kindesalter. Gerade einmal zehn Jahre alt war das Mädchen, das im Januar mit Sprengsätzen ausgerüstet auf einen Markt in die Stadt Maiduguri geschickt wurde und zwanzig Menschen in den Tod riss. Ob sie überhaupt wusste, was sie am Körper trug oder ob der Sprengsatz ohne ihr Wissen ferngezündet wurde, ist unklar. Der Anschlag zeigt einmal mehr auf welch grausame Art Kinder für kriegerische Auseinandersetzungen instrumentalisiert werden.

Zurück in die Gesellschaft

Die UN gehen davon aus, dass allein zwischen 1990 und 2000 weltweit etwa zwei Millionen Kinder gefallen sind und sechs Millionen zu Invaliden wurden. In den letzten Jahren wurden allerdings auch rund 40.000 Kindersoldaten befreit. Der Südsudan kündigte jetzt an, 3.000 Kindersoldaten freizulassen, 300 Kinder konnten bereits im Januar gehen. Damit ist ihre Geschichte aber nicht zu Ende, denn wer als Kindersoldat eingesetzt war, ist fürs Leben gezeichnet und trägt schwere seelische Schäden davon.

„Für viele wird ihre Waffe zum zuverlässigsten Begleiter, und sie machen die Erfahrung, Macht über andere Menschen und Macht über Leben und Tod zu haben“

—  Zitat: Soziologin Dima Zito in einer Studie von "terre des hommes" über Kindersoldaten

Eine Forderung der Organisationen am Internationalen Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten (Red Hand Day), ist daher die psychologische Betreuung und Wiedereingliederung der Jungen und Mädchen in die Gesellschaft. In Uganda engagieren sich die Päpstlichen Missionswerke missio in zahlreichen Projekten, die ehemaligen Kindersoldaten eine neue Zukunft schenken sollen. Dabei stehen soziale Integration, physische, psychologische und spirituelle Therapien sowie eine gute Schul- und Berufsausbildung im Vordergrund.

Wie missio setzt sich auch das katholische Hilfswerk Kindernothilfe im Deutschen Bündnis Kindersoldaten ein. Die Allianz übt auch scharfe Kritik an der Bundesregierung. Deutschland liefere weltweit Waffen in Konfliktländer, in denen Kinder als Soldaten eingesetzt werden. Diese würden mit den billigen und leichten Kleinfeuerwaffen aus Deutschland ausgerüstet.

Libysche Kämpfer des Islamischen Staats.
Bild: ©picture alliance/AP Photo/Mohammad Hannon

Libysche Kämpfer des Islamischen Staats.

Heftige Kritik an der Bundeswehr

Das Bündnis setzt sich nicht nur gegen den Einsatz von Kindersoldaten ein, sondern wendet sich generell gegen eine Rekrutierung Minderjähriger für militärische Ausbildungen. Heftige Kritik üben die zwölf Nichtregierungsorganisationen auch an der Bundeswehr, die Jugendliche ab 17 Jahren aufnimmt. "Nicht vergleichbar mit dem Schicksal eines Kindersoldaten und doch unverantwortlich ist die Praxis, minderjährige Freiwillige anzuwerben und an der Waffe auszubilden", kritisiert Antje Weber, Kinderrechtsexpertin der Kindernothilfe.

Auch die Werbung der Bundeswehr an Schulen, in Jugendmedien oder bei Jugendveranstaltungen ist dem Bündnis ein Dorn im Auge. Mit Begriffen wie "Action" oder "Team-Challenge" werbe diese beschönigend in der Jugendzeitschrift Bravo für "Adventure-Camps". Die Bilder von Sommer, Sonne, Strand und Meer und hätten jedoch mit der Realität von Militäreinsätzen nichts zu tun. Die im Kriegsgebiet drohenden Gefahren würden in der Kampagne jedoch nicht angesprochen.

Von Janina Mogendorf

Red Hand Day

Der Gedenktag gegen den Einsatz von Kindersoldaten am 12. Februar wurde im Jahr 2002 ins Leben gerufen, als die UN-Kinderrechtskonvention mit einem Dokument über die Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten ergänzt wurde. Darin steht unter anderem, dass Kinder unter 18 Jahren nicht zwangsweise eingezogen werden dürfen. Am Red Hand Day werden weltweit rote Handabdrücke als Protest gegen Kindersoldaten gesammelt und an Politiker und Verantwortliche übergeben.

Kirche gegen den Einsatz von Kindersoldaten

Zum Aktionstag gegen den Einsatz von Kindersoldaten hat das katholische Hilfswerk Caritas international die Staatengemeinschaft aufgerufen, Kinder in Kriegsgebieten besser vor der Rekrutierung als Kindersoldaten zu schützen. "Noch immer werden weltweit rund 250.000 Kinder für die Interessen von skrupellosen Anführern missbraucht", sagte der Leiter der Hilfsorganisation, Oliver Müller. Es werde viel zu wenig getan, um Jungen und Mädchen vor Entführungen und Zwangsrekrutierungen zu schützen; das öffentliche Interesse für das Thema schwinde. Es müsse auch bessere Hilfsprogramme für ehemalige Kindersoldaten geben. Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick bezeichnete den Einsatz von Kindersoldaten als "eine der schrecklichsten Formen des Menschenhandels". Den Kindern werde ihre Kindheit gestohlen, es blieben physische und psychische Narben, die nur schwer zu heilen seien, so Schick. Der Erzbischof forderte, Militärs und Rebellenführer vor Gericht zu stellen. "Die Tragweite dieses Verbrechens muss in der ganzen Welt bekanntgemacht und von allen geächtet werden." (gho/KNA)