Konkurrenz für die "Jugendweihe"
Immer mehr christliche Feiern der Lebenswende in Ostdeutschland

Konkurrenz für die "Jugendweihe"

Es war persönlicher als die Jugendweihe, und es hatte was Größeres". So oder ähnlich lauten viele Kommentare nach einer christlich geprägten "Feier der Lebenswende" im Osten Deutschlands. Damit eröffnen die Kirchen ungetauften Jugendlichen eine Alternative zur atheistischen "Jugendweihe". Das in der katholischen Kirche konzipierte Angebot findet wachsenden Zuspruch, nach anfänglichem Zögern nun auch bei Protestanten.

Halle/Saale - 10.04.2015

Die "Jugendweihe" gehörte zu den bekanntesten Besonderheiten der DDR. Das öffentliche Fest für Jugendliche im Alter um die 14 Jahre feierte den Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter. Zugleich verband es das ursprüngliche Freidenkerritual mit einem Bekenntnis zum sozialistischen Staat. Damit trat das SED-Regime auch - mit Erfolg - in Konkurrenz zur evangelischen Konfirmation und der katholischen Firmung.

Symbole spielen bei der Feier eine große Rolle: Dazu gehören Kerzen und eine "Schatzkiste", in die die Jugendlichen Plüschtiere oder andere liebgewordene Gegenstände aus ihrer Kindheit legen.

Nach dem Ende des SED-Regimes gehört die "Jugendweihe" für viele Ostdeutsche zur Familientradition - nun allerdings in weitgehend entideologisierter Form mit Musik, Ansprachen und Glückwünschen. Als Anbieter gründeten sich eigene Trägervereine; ähnliche "Jugendfeiern" bietet zudem der Humanistische Verband an.

Nach der "Wende" Wunsch nach Alternative

Zugleich wurde in den Jahren nach der "Wende" der Wunsch nach einer Alternative laut. Er kam vor allem aus konfessionslosen Familien, die ihre Kinder in eine der neu gegründeten Schulen in kirchlicher Trägerschaft schickten. "Dies ist in der Regel nicht mit einem Kircheneintritt verbunden", erklärt Emilia Handke von der Forschungsstelle für Religiöse Kommunikations- und Lernprozesse an der Universität Halle-Wittenberg. "Konfirmation oder Firmung kommen für diese Familien meist nicht in Frage", so die Expertin für religiöse Jugendfeiern bei einer Tagung der Forschungsstelle zu dem Thema.

Vor 18 Jahren reagierte der damalige Erfurter Dompfarrer und heutige Weihbischof Reinhard Hauke darauf. Er konzipierte eine "Feier der Lebenswende" , an der zunächst 12 Jugendliche teilnahmen. In diesem Frühjahr sind es 80. Im Osten Deutschlands machte das Erfurter Modell Schule. Vergleichbare Angebote für Jugendliche ohne Taufschein gibt es auch in Magdeburg, Dresden und Berlin, vor allem aber in Halle.

Dort "boomt" es geradezu. In den vergangenen 15 Jahren stieg die Teilnehmerzahl von 15 auf nun rund 500. In Halles Moritzkirche sind in diesem Jahr 17 "Feiern der Lebenswende" angesetzt, so Diakon Reinhard Feuersträter, im Hauptberuf Seelsorger am Krankenhaus Sankt Elisabeth und Sankt Barbara. Nach mehreren Vorbereitungstreffen und Elternabenden stimmen er und drei weitere ehrenamtliche Mitarbeiter zusammen mit den Jugendlichen den Ablauf der Feier ab.

In Halle ist die "Feier der Lebenswende" ein besonders gefragtes Angebot. Das beweist auch die gut gefüllte Moritzkirche.

Segen ausdrücklich erwünscht

Symbolisches spielt eine große Rolle. So legen die Jugendliche Plüschtiere oder andere liebgewordene Gegenstände ihrer Kindheit in eine "Schatzkiste", bevor sie ihre Wünsche an die Zukunft als Erwachsene äußern und Texte etwa aus der Bibel vortragen. "Ich bin immer wieder überrascht über die Ernsthaftigkeit", betont Feuersträter. Das Wort von den "religiös unmusikalischen" Ostdeutschen weist er zurück. "Es hat oft nur keiner versucht, mit ihnen zu singen", ist der 62-Jährige aus dem westfälischen Münsterland überzeugt. So ist der Segen bei der Feier keine bloße Pflichtübung, sondern ausdrücklich erwünscht.

"Kein Teilnehmer hat sich bisher taufen lassen", räumt der Diakon ein. "Doch mancher Jugendliche oder seine Eltern tauchen später wieder bei mir auf, wenn sie Probleme haben", betont er zugleich. Feuersträter wirbt dafür, solche Feiern nicht als missionarisches, sondern als diakonisches Angebot zu verstehen.

Mit dieser Perspektive werden sie nun auch verstärkt in evangelischen Schulen der neuen Bundesländer angeboten. Der Vorwurf einer "Konfirmation light" des damaligen Berliner Bischofs Wolfgang Huber trifft auf Widerspruch. So tritt der Bonner Professor für Religionspädagogik Michael Meyer-Blanck dafür ein, solche Segensfeiern "zu fördern und auszubauen". Dies sei jedoch nur in Ostdeutschland sinnvoll, warnt er zugleich. Im Westen würde es angesichts der höheren Teilnehmerzahlen bei der Konfirmation "zur Verwirrung führen".

Von Gregor Krumpholz (KNA)