Zwischen Tod und Hoffnung
Vier Jahre nach der Unabhängigkeit im Südsudan hält die Krise an

Zwischen Tod und Hoffnung

Südsudan - Die Unabhängigkeit des Südsudan sollte einen Schlussstrich unter Gewalt und Armut ziehen. Die anfängliche Euphorie war jedoch schnell verflogen. Heute ist die junge Nation im Herzen Afrikas vom Frieden weiter entfernt denn je.

Von Markus Schönherr (KNA)  |  Kapstadt - 08.07.2015

Obwohl die Machthaber in der Hauptstadt Juba den Frieden propagieren, sank das Vertrauen auf beiden Seiten gegen Null. Als die Vereinten Nationen am 9. Juli 2011 ihr neuestes Mitglied begrüßten, tanzten die Menschen auf Jubas Straßen, schwenkten die Flagge ihrer Nation und feierten das Fest der Selbstbestimmung.

Die Euhorie ist weg

Es sollte die Repression durch den Sudan beenden und einen Schlussstrich unter Armut und Gewalt ziehen. Heute ist der Südsudan davon weiter entfernt denn je. Spätestens als Präsident Salva Kiir Mayardit im Juli 2013 sein Kabinett auflöste und seinen Vize Riek Machar entließ, schwand die allgemeine Euphorie. Rund ein Dutzend Minister und Generäle wurden unter dem Vorwurf des Putschversuchs verhaftet.

Riek Machar war Viezpräsident des Südsudan.

Die politischen Auseinandersetzungen zwischen Kiir und Machar waren 2013 in einen ethnischen Konflikt übergegangen: auf der einen Seite Kiirs Dinka, auf der anderen die Nuer von Rebellenführer Machar. Die blutigen Scharmützel lösten eine Flüchtlingswelle aus und machten mehr als acht Millionen Südsudanesen abhängig von Hilfsgütern.

Je länger der Konflikt andauert, desto mehr Grausamkeiten kommen ans Licht. Vor kurzem beschuldigte die UN-Friedensmission UNMISS die Regierungstruppen, Dutzende Kinder vergewaltigt und in brennenden Häusern eingeschlossen zu haben. Unter Berufung auf Gespräche mit rund 100 Bewohnern des Bundesstaats Unity sprechen die UN-Vertreter von einer "neuen Brutalität", die weit über politische Differenzen hinausgehe. Ein ähnliches Bild zeichnet auch die UN-Kinderhilfsorganisation Unicef. Sie berichtet von Vergewaltigungen, Hinrichtungen und Kastration von Kindern in den Kriegswirren.

Philip Aguer, der Sprecher der südsudanesischen Streitkräfte, machte Einzelpersonen für die Taten verantwortlich und kündigte eine Untersuchung an. Die Vereinten Nationen sehen jedoch die Machthaber selbst in der Verantwortung. In der vergangenen Woche machten die UN ihre angekündigte Drohung wahr und erließen Sanktionen gegen sechs Kriegstreiber. Für drei Befehlshaber der Rebellen und drei Regierungsmitglieder verhängte der Weltsicherheitsrat Reiseembargos und fror ihre Konten ein. "Wie die Mitglieder des Sicherheitsrats gezeigt haben, werden alle, die Grausamkeiten begehen und den Frieden untergraben, die Konsequenzen tragen müssen", warnte die UN-Botschafterin der USA, Samantha Power.

Linktipp: Gewalt, Morde, Hunger

Trotz aller internationalen Friedensbemühungen begehen die Konfliktparteien im Südsudan nach Berichten von Menschenrechtlern schreckliche Gräueltaten an der Zivilbevölkerung. Bei den ethnisch motivierten Attacken handele es sich um unfassbar brutale Verbrechen gegen die Menschlichkeit, warnte die Organisation Amnesty International schon im vergangenen Jahr.

Unterdessen werden in Kenias Hauptstadt Nairobi die Friedensgespräche fortgesetzt. In der Vergangenheit hatten die Kriegsparteien bereits sieben Waffenstillstandsabkommen vereinbart. Alle wurden binnen Stunden gebrochen. Die ostafrikanische Staatengemeinschaft IGAD, die in dem Konflikt vermittelt, pocht jetzt auf eine Übergangsregierung. Zudem fordert sie die Eingliederung der Rebellen in die Armee innerhalb von 18 Monaten und die Bildung einer Wahrheits- und Versöhnungskommission.

"Gemeinsame Hoffnung ist spürbar"

Optimistisch zeigt sich James Kur Muorwel, Südsudans Botschafter in Norwegen. Das Land ist einer der größten Entwicklungspartner des afrikanischen Staats. Kur erwartet eine Gemeinschaftsregierung "in naher Zukunft nach dem vierten Unabhängigkeitstag". An dem Bürgerkrieg werde seine Heimat nicht scheitern, ist er überzeugt. Immer noch sei die gemeinsame Hoffnung spürbar, die die Südsudanesen auch im jahrelangen Kampf für die Unabhängigkeit verbunden habe.

Von Markus Schönherr (KNA)