Schachfigur
Ulrich Waschki über die Realität der Familie

Die Kirche setzt zu stark auf Wunder

Ulrich Waschki über die Realität der Familie

Von Ulrich Waschki |  Bonn - 21.09.2015

Kaum etwas prägt einen Menschen wie die eigene Familie: Im besten Fall bekommt man durch sie einen guten Start ins Leben, lernt Grundvertrauen, Geborgenheit – Liebe. Im schlechten Fall nimmt man Kränkungen, Unsicherheiten, Ängste mit. Kirchlich – und in weiten Teilen gesellschaftlich – ist unumstritten: Eine gelungene Ehe mit Kindern ist das Ideal. Glücklich, wer so leben kann.

Trennung und Scheidung, Patchworkfamilien, alleinerziehende Elternteile: All das geht nicht ohne Schmerz und Konflikt. Dennoch: Für viele Menschen ist die Trennung von einem Partner eine Erlösung, ein Ende von Streit, vielleicht sogar von Betrug und Lüge. Das darf man nicht verschweigen.

Unzählige Familienmodelle gibt es weltweit. Eine Realität, mit der die Kirche sich schwertut. Auch deswegen hat Papst Franziskus zur Familiensynode eingeladen. Im Vorfeld begleiten katholische Medien in Deutschland die Synode mit einer Themenwoche Familie. "Liebe leben" heißt das Leitwort. In der Familie lernt man zu lieben und zu leben. Dort geschehen Wunder, entstehen Wunden.

Die Kirche setzt bislang zu stark auf die Wunder. Gut, dass überhaupt noch irgendjemand das gute und richtige Ideal hoch hält. Leider bekommen diejenigen, die das Ideal nicht leben können oder wollen, das Etikett "Sünder". Und deswegen will schon lange fast kaum noch jemand etwas von der Kirche hören, wenn es um Partnerschaft und Sexualität geht. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum auch viele Katholiken zu Recht eine Änderung der kirchliche Haltung fordern: Sie bekommen schlichtweg die Botschaft eines barmherzigen Gottes nicht zusammen mit der unbarmherzigen Verurteilung von Lebensmodellen, die nicht dem Ideal entsprechen, aber den Menschen endlich Glück, Geborgenheit und Liebe bringen. Kilian Martin schrieb an dieser Stelle: "Die Synode ist kein Krisentreffen". Doch. Das ist sie: Wenn die Kirche wieder ernstzunehmender Gesprächspartner in Sachen Ehe und Familie werden will, muss die Synode einen Perspektivwechsel schaffen. Verurteilungen unterlassen und – wie eine deutsche Synodenteilnehmerin vergangenes Jahr zu Recht sagte –  den Menschen nicht ins Schlafzimmer, sondern ins Wohnzimmer schauen!

Der Autor

Ulrich Waschki ist Chefredakteur der Verlagsgruppe Bistumspresse.

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