Schwester Regina Pröls über Älterwerden im Kloster und neue "Laien-Oberinnen"

"Starrsinn blockiert den Dialog" – Wenn Ordensfrauen loslassen müssen

Veröffentlicht am 17.11.2025 um 00:01 Uhr – Von Madeleine Spendier – Lesedauer: 

Vierzehnheiligen ‐ Wenn Ordensleute gewohnte Strukturen aufgeben oder aus ihrem Kloster ausziehen müssen, dann ist das mit vielen Emotionen verbunden. Schwester Regina Pröls kennt diese Situationen. Als Beraterin im Ordensnetzwerk alternde Gemeinschaften hilft sie anderen mit konkreten Tipps weiter.

  • Teilen:

Schwester Regina Pröls lebt schon lange im Kloster und kennt die Situation von veralteten Gemeinschaften. Die 63-jährige Franziskusschwester von Vierzehnheiligen hilft anderen Konventen dabei, neue Strukturen zu finden, wenn es um das Loslassen geht. Ein neues Modell in ihrer Kongregation findet sie besonders überzeugend. Als Beauftragte im "Ordensnetzwerk alternde Gemeinschaften" steht sie anderen Ordensleuten mit konkreten Tipps zur Seite. Davon berichtet sie im Interview mit katholisch.de und hat auch einen Rat für die Augustiner Chorfrauen in Goldenstein bei Salzburg, die nach wie vor in einem Konflikt mit ihrem Oberen stehen.  

Frage: Schwester Regina, was bedrückt Sie am meisten, wenn Sie auf die Situation von Ordensfrauen in Deutschland ganz allgemein schauen?  

Schwester Regina: Es gibt in Deutschland etwa 9.500 Ordensfrauen. Mehr als die Hälfte davon ist 80 Jahre alt oder älter. Das finde ich krass. Uns Ordensleuten fehlen in den meisten Gemeinschaften die jüngeren Generationen.

Frage: Macht Ihnen das Angst?   

Schwester Regina: Nein! Es hilft nicht, wenn manche sagen, früher war alles besser. Das Ordensleben hat sich in der Geschichte immer schon in Wellen ausgebreitet. Nach dem Zweiten Weltkrieg beispielsweise gab es in Deutschland ein starkes Hoch und momentan sind wir in einem Tief. Verstärkt ab Mitte des 19. Jahrhunderts haben die Ordensleute auf die Not der Menschen reagiert, Institutionen aufgebaut und ganz praktisch geholfen. Dieses Lebensmodell hat viele Frauen angesprochen. Im Orden konnten sie ihre Talente und Begabungen entdecken und einsetzen. Diese Chance hätten sie so woanders nicht gehabt. Sie haben in ordenseigenen Schulen, Kindergärten, Heimen, Krankenhäusern, in der ambulanten Krankenpflege und in den Pfarrhäusern gearbeitet.

Frage: Das ist heute vielfach nicht mehr so ... 

Schwester Regina: Ja. Viele Kongregationen haben ihre Einrichtungen inzwischen in andere Trägerschaften übergeben. Es ist ein großes Loslassen. Dennoch haben wir Ordensleute nach wie vor wichtige Aufgaben in der Gesellschaft. Viele von uns leben in internationalen Kommunitäten oder sogar in interreligiösen Kontexten. Hier gewinnen wir eine Kompetenz, die auch in der Gesellschaft relevant ist. Wir können davon erzählen, was uns in unserem Leben Sinn gibt. Betagte Ordensleute sind zuweilen gefragte Gesprächspartner für junge Menschen. Es soll kein Schönreden der Situation sein. Aber es gilt zu schauen, was möglich ist, was noch geht. Dennoch bleiben Herausforderungen, wenn Orden überaltern.  

Frage: Welche Herausforderungen meinen Sie?  

Schwester Regina: Es geht um ganz lebenspraktische Fragen: Wer von den Schwestern kann noch Verantwortung für die anderen übernehmen? Wer ist noch geschäftsfähig? Wer kann noch mit dem Auto fahren? Wer erledigt die Vorgänge, die nur noch digital möglich sind? Das kann natürlich eine hochbetagte Schwester machen, wenn sie körperlich und geistig fit ist. Aber wenn das nicht mehr geht, wer übernimmt das dann für die Gemeinschaft?   

Frage: Wie wird das in den Ordensgemeinschaften gelöst?  

Schwester Regina: Da gibt es ganz unterschiedliche Modelle. Meistens erfolgt die Zuhilfenahme von außen in Schritten. Ganz wichtig ist das wechselseitige Vertrauen. Manche Ordensgemeinschaften engagieren eine Ordensperson, männlich oder weiblich, aus der Spiritualitätsfamilie. Und dann wird für die Übernahme der Gesamtverantwortung von der übergeordneten Stelle eine Person zugeteilt. Manchmal helfen sich benachbarte Klöster, manchmal erfolgt ein gemeinsamer Umzug in ein betreutes Wohnen oder Kongregationen bieten ihre frei gewordenen Räumen anderen Ordensgemeinschaften an. Und dann gibt es noch eine recht junge Variante. 

Bild: ©Kongregation der St. Franziskusschwestern Vierzehnheiligen

Schwester Regina Pröls ist Beraterin beim "Ordensnetzwerk alternde Ordensgemeinschaften". Das ist eine Einrichtung der Deutschen Ordensobernkonferenz, die Ordensgemeinschaften in den oft komplexen Prozessen erforderlich gewordener Veränderungen unterstützt. Seit 2012 ist Schwester Regina Pröls die Generaloberin der Kongregation der St. Franziskusschwestern in Vierzehnheiligen.

Frage: Welche Möglichkeit meinen Sie?  

Schwester Regina: Im "Ordensnetzwerk alternde Gemeinschaften" haben wir zusammen mit Ordensleuten das Modell der Koordinatorin entwickelt. Eine Angestellte übernimmt dabei Aufgaben, die sonst die Oberin macht. Das ist keine Schwester, das ist eine Laiin. Oft sind das verheiratete Frauen mit Familie, die wertvolle Impulse aus ihrer Lebenswelt mitbringen und sich gut in die Situation der Schwestern einfühlen können. Unseren Erfahrungen nach bewährt sich dieses Modell sehr gut. 

Frage: Welche Aufgaben übernimmt so eine Laien-Oberin?  

Schwester Regina: Diese Koordinatorin kümmert sich um die Vitalität des Konvents oder um die Pflege. Sie organisiert je nach Vertragsgestaltung die täglichen Gebetszeiten der Schwestern und den Einkauf, sie erledigt die Post und Amtsgeschäfte. Sie hat die gesamte praktische Verantwortung für diese Kommunität über und ist gleichzeitig die Kontaktperson zur Generaloberin der Gemeinschaft. Die Generaloberin trägt nach wie vor die Verantwortung im rechtlichen Sinn. Es gibt in Deutschland schon mehr als 50 solcher Koordinatorinnen für Ordensgemeinschaften. Wir von der DOK laden diese Frauen zwei Mal im Jahr zu einem kollegialen Treffen ein. Dieser Austausch von Erfahrungen ist wertvoll. Für manche Ordensleute ist das ein Paradigmenwechsel, wenn nun statt einer Oberin eine Koordinatorin da ist. Diese Umstellung braucht Zeit und Vertrauen. Bei den meisten Konventen mit Koordinatorin läuft es reibungslos.  

Frage: Momentan zeigen die Augustiner Chorfrauen von Goldenstein deutlich, dass es zu Konflikten mit Ordensoberen kommen kann … 

Schwester Regina: Dieser Konflikt führt vor Augen, was alles schieflaufen kann. Es ist daher gut, wenn rechtzeitig darüber nachgedacht wird, wie eine Gemeinschaft in die Zukunft geht, wenn Hilfe von außen unverzichtbar wird. Die geplanten Lösungen müssen verschriftlicht werden. Zum Beispiel hat in meiner Kongregation jede einzelne Schwester eine Vorsorgevollmacht und eine schriftliche Patientenverfügung inklusive Wertevorstellungen. Es ist also festgelegt, wer im Ernstfall kontaktiert wird. Was die Frauengemeinschaft in Goldenstein betrifft, würde ich empfehlen, den Rechtsstreit umgehend zu beenden. Das wäre eine Voraussetzung für die Gesprächsfähigkeit. Es wird dort viele Gespräche brauchen für eine Lösung, die sowohl dem Bedürfnis der Schwestern und ihrer Unterstützerinnen sowie den kirchenrechtlichen Vorgaben entspricht. Starrsinn blockiert den Dialog - und den gibt es auch im Kloster.   

Frage: Aber wer im Kloster lebt, verspricht doch Gehorsam dem Oberen gegenüber? 

Schwester Regina: Klösterlicher Gehorsam ist kein blindes Gehorchen oder ein Ausführen von Befehlen. Gehorsam meint wechselseitiges aufeinander Hören. Es braucht das ehrliche Zugehen aufeinander. Wenn das nicht mehr geht, dann muss jemand herangezogen werden, der im Konflikt vermittelt. Das Loslassen von Einrichtungen oder Aufgabe eines ordenseigenen Standortes kann für Einzelne biografisch schwer sein. Das hat immer mit Emotionen zu tun. Und Gefühle können Sachverhalte ausblenden. Ich finde, in solchen Fällen sollte der klösterliche Gehorsam nicht überstrapaziert werden.

Frage: Stehen Sie eigentlich in solchen Konfliktfällen als Beraterin den Ordensgemeinschaften zur Verfügung?  

Schwester Regina: Schwester Johanna Domek, die Benediktinerin in Köln ist und ich sind Beraterinnen beim Ordensnetzwerk und kommen auf Anfrage zu einzelnen Gemeinschaften. Es geht dann meist um Fragen zur Leitungsverantwortung, zu Pflege und Betreuung, zur Sicherstellung des geistlichen Lebens und der alltäglichen Versorgung aber auch zur ökonomischen Verantwortung und kirchenrechtlichen Themen. Wir vermitteln auch Fachexperten zu den einzelnen Bereichen. Aus meiner eigenen Situation kann ich sagen, dass bei uns im Kloster in Vierzehnheiligen ebenso Veränderungen anstehen. Wir Franziskusschwestern pflegen seit langem eine gute Zusammenarbeit mit den Franziskanern, die die Wallfahrtskirche dort betreuen und in der Region gefragte Seelsorger sind. Nun wurde seitens der Erzdiözese Bamberg der Rückzug der Franziskaner bekannt gemacht. Da frage ich mich, was heißt das für uns als Ordensgemeinschaft? Derzeit haben wir jeden Tag eine Eucharistiefeier, weil die Patres mit uns feiern. Das würde zukünftig dann wegfallen. Dennoch bin ich mir sicher, dass wir Schwestern neue Formen des Gottesdienstes finden werden. Unabhängig davon arbeitet seit dem letzten Generalkapitel eine Projektgruppe am Aufbau eines franziskanisches Zentrums. Da ist doch der Geist Gottes mit im Spiel. Daher sehe ich gelassen in die Zukunft.

Von Madeleine Spendier