Wie Kirchenmänner Journalisten füttern und Papst-Kandidaten pushen
Die geheimste Wahl der Welt fasziniert: das Konklave. Rund um den Tod von Papst Franziskus und die Wahl von Papst Leo XIV. im vergangenen Jahr zeigte sich eindrücklich, wie groß das öffentliche Interesse an der katholischen Kirche sein kann. Der Kinofilm "Konklave" erlebte Monate nach seinem Start ein überraschendes Comeback, Wikipedia verzeichnete Rekordzugriffe, und auch bei Google katapultierte die Papstwahl das Oberhaupt der katholischen Kirche an die Spitze der Suchanfragen.
Millionen blicken gebannt nach Rom, zum Zentrum der Kirche. Ein zentraler Grund: die Fremdartigkeit der ritualisierten Papstwahl und das streng gehütete Geheimnis, das das Konklave umgibt. Wahlen gibt es viele. Doch die Dramaturgie des Konklaves, kombiniert mit einer strikt eingeforderten Geheimhaltung, abgesichert durch Eid und göttliche Strafandrohung, macht die Papstwahl zu einem Sonderfall. Offiziell darf allein der Papst nach einem Konklave über die Vorgänge seiner Wahl sprechen. Um das zu gewährleisten, werden die Kardinäle während des Konklaves vollständig von der Außenwelt abgeschottet. Wer doch von der Wahl berichtet, riskiert die Exkommunikation – den Ausschluss aus der Kirche.
Kardinäle in Plauderlaune
Aber es dauerte nicht lange, bis Kardinäle nach dem Konklave in Plauderlaune gerieten. Der philippinische Kardinal Luis Antonio Tagle etwa berichtete, wie er den späteren Papst Leo XIV. auf der Zielgeraden der Wahl unterstützt habe. Als seinem Sitznachbarn Robert Francis Prevost bei der Stimmauszählung klar geworden sei, dass die Wahl auf ihn fallen würde, habe dieser plötzlich schwer geatmet, so Tagle. Er habe ihm daraufhin ein Bonbon angeboten.
Neben solch harmlosen Anekdoten gelangen inzwischen auch deutlich substanziellere Informationen an die Öffentlichkeit. Die Vatikanexperten Gerard O'Connell und Elisabetta Piqué haben jüngst ein Buch über das Konklave veröffentlicht. In dem spanischsprachigen Buch "El último Cónclave" rekonstruieren sie detailliert die Stimmverteilungen der einzelnen Wahlgänge und schildern, was sich in der Sixtinischen Kapelle abspielte. Im März sollen die Recherchen auf Englisch erscheinen.
Kirche und Medien
Darüber hinaus liefert das Buch einen aufschlussreichen Blick auf das ambivalente Verhältnis von Kirche und Medien. In tagebuchartiger Form und auf rund 450 Seiten zeichnen die Autoren ihre journalistische Arbeit rund um den Tod von Franziskus und die Wahl Leos nach, führen in römische Hinterzimmer, analysieren Intrigen und Machtspiele und legen Hintergründe eines Konklaves offen, das weniger geheim war, als es auf dem Papier sein sollte.
Die Vatikanexperten Gerard O'Connell und Elisabetta Piqué haben jüngst ein Buch über das Konklave veröffentlicht. In dem spanischsprachigen Buch "El último Cónclave" rekonstruieren sie detailliert die Stimmverteilungen der einzelnen Wahlgänge und schildern, was sich in der Sixtinischen Kapelle abspielte.
Piqués und O'Connells Ausführungen machen deutlich: Das kirchliche Geheimhaltungsgebot hält nur so lange, wie es den Beteiligten nützt. Ohne ihre Quellen preiszugeben, beschreiben die beiden Vatikanexperten, wie Informationen gezielt an Journalisten gelangen – um einzelne Kandidaten zu stärken oder andere zu beschädigen. Kardinäle nutzten vor und nach dem Konklave fleißig WhatsApp, SMS, E-Mail und Telefon, um Berichterstattung zu lancieren, zu kommentieren oder zu beeinflussen. Nicht wenige Kirchenfürsten folgten dabei eher irdischen Interessen als himmlischer Eingebung.
So berichten Piqué und O'Connell, dass den Kardinälen eingeschärft wurde, keine Interviews zu geben. Dem folgen eine Vielzahl von Gesprächsnotizen, die die beiden bei Interviews mit Kardinälen machen konnten. Im Fokus der Ränkespiele stand unter anderem der italienische Kardinal Pietro Parolin. Als Kardinalstaatssekretär ist er qua Amt ein Favorit für den Papstthron. So schreiben Piqué und O'Connell ausführlich über Kardinäle, die aktiv für die Wahl Parolins warben, aber auch von lancierten Informationen und Falschmeldungen, die den zweiten Mann im Vatikan beschädigen sollten.
Das kirchliche Problem mit Transparenz
Das hat Tradition. Seit der Französischen Revolution und dem Aufkommen von Pressefreiheit tut sich die Kirche schwer mit Transparenz. Das zeigte sich beim Ersten und Zweiten Vatikanischen Konzil ebenso wie bei späteren Synoden. Stets fanden Journalisten Wege – und willige Kirchenmänner -, um an Informationen und Dokumente zu gelangen. Manche Geistliche berichteten sogar selbst, häufig unter Pseudonym, aus dem Inneren der Machtzentren. So schrieb beispielsweise der Priester und Journalist Francis X. Murphy unter dem Pseudonym Xavier Rynne Texte vom Zweiten Vatikanischen Konzil, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgten. Während Verantwortliche der Kirche versuchten, den Verkauf der Schriften in römischen Buchhandlungen zu unterbinden.
Mal führten solche Indiskretionen zu mehr Offenheit, mal zu verschärften Regeln. Doch spätestens im digitalen Zeitalter wurde unvermeidlich, was Piqué und O'Connell nun für das vergangene Konklave belegen: Informationen lassen sich nicht mehr so kontrollieren wie zuvor. Hinterzimmergespräche, gezielte Leaks und reger WhatsApp-Chat gehören heute zum kommunikativen Alltag in der Kirche – bei progressiven wie konservativen Kräften. Auch wenn viele das bestreiten würden – der Zustand der kirchlichen Kommunikationspolitik, den Piqué und O'Connell am Beispiel des Konklaves 2025 zeichnen, spricht eine eindeutige Sprache.
