Herausragendes Pontifikat mit Licht und Schatten

Ein Jahr nach dem Tod: Blick auf Papst Franziskus hat sich gewandelt

Veröffentlicht am 21.04.2026 um 00:01 Uhr – Von Sabine Kleyboldt (KNA) – Lesedauer: 

Rom ‐ Groß war die Trauer, als vor einem Jahr der erste Papst aus Südamerika starb. Für viele war Franziskus das neue, menschlichere Gesicht der Kirche: offen, bescheiden, flexibel. Heute hat sich manches Narrativ verändert.

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Wenn am Dienstagabend beim Gedenkgottesdienst an den vor einem Jahr gestorbenen Papst Franziskus erinnert wird, dürfte die Kirche Santa Maria Maggiore aus allen Nähten platzen. Denn schon zu gewöhnlichen Zeiten bilden sich oft Schlangen vor der Basilika im römischen Zentrum. Viele Menschen wollen noch immer zu dem ungewöhnlichen, schlichten Grab im linken Seitenschiff, wo der beliebte Papst beigesetzt ist – auf eigenen Wunsch.

Und so war der 1936 als Jorge Mario Bergoglio in Buenos Aires geborene Franziskus auch zu Lebzeiten: eigenwillig, impulsiv, außergewöhnlich. Ein Jahr, nachdem er am 21. April 2025 mit 88 Jahren im Vatikan an den Folgen eines Schlaganfalls starb, hat sich das Bild des 266. Nachfolgers Petri in Teilen gewandelt.

Kurskorrekturen

Waren viele Nachrufe auf den ersten Papst, der sich nach dem heiligen Franz von Assisi benannte, damals noch fast hymnisch, bilden sich Risse in manchen Narrativen. Sein Nachfolger Leo XIV. wird weiterhin nicht müde, seinen "verehrten Vorgänger" zu zitieren. Und doch nimmt er – gelegentlich offen, manchmal stillschweigend – Korrekturen seiner Linie vor.

Fast uneingeschränkte Bewunderung genießt Franziskus weiter für sein klares Eintreten gegen den Klimawandel in den Umweltenzykliken "Laudato sì" und "Fratelli tutti". Laudato sì nannte er auch das ökologische Zentrum in Castel Gandolfo unweit Roms, das er in den dortigen päpstlichen Gärten gründete. Zugleich machte er den benachbarten Papstpalast am Dorfplatz zum Museum; denn er selbst hatte mit der jahrhundertealten Tradition der päpstlichen Sommeraufenthalte im kühleren Castel Gandolfo nichts im Sinn.

Bild: ©picture alliance/dpa/Christoph Reichwein (Archivbild)

Noch immer wollen zahlreiche Menschen zum schlichten Grab von Papst Franziskus in der Basilika Santa Maria Maggiore.

Leo XIV. hingegen reist, wenn irgend möglich, sogar jeden Montagabend in den Ort in den Albaner Bergen, um seinen freien Dienstag dort zu verbringen. Inzwischen wird sogar kolportiert, dass er statt der etwas abseits gelegenen Villa Barberini künftig den eigentlichen Papstpalast an der zentralen Piazza nutzen will, den Franziskus zum Museum machte.

Auch beim Wohnen im Vatikan ist der erste Papst aus Nordamerika vom Kurs des Vorgängers abgewichen: Verschmähte Franziskus noch den Apostolischen Palast, lebt Leo nun wieder in der traditionell für Päpste bereitstehenden Wohnung über dem Petersplatz.

Auch inhaltlich setzte Leo XIV. sich von Franziskus ab

Franziskus hatte nach seiner Wahl 2013 das Gästehaus Santa Marta vorgezogen, weit hinter Vatikanmauern verborgen. Dem auf Schlichtheit bedachten Papst hätten die repräsentativen Zimmerfluchten neben dem Petersdom nicht gefallen, hieß es. Freilich hatte dies zur Folge, dass bald ein ganzes Stockwerk in Santa Marta dem Vatikan nicht mehr zur Verfügung stand und damit Einnahmen ausfielen. Zugleich stand die Behausung im Apostolischen Palast leer und verfiel. Beides kam den Vatikan teuer zu stehen.

Auch inhaltlich hat sich der am 8. Mai gewählte Leo XIV. in einigen Punkten von Franziskus abgesetzt. So schaffte er den von seinem Vorgänger begründeten Weltkindertag komplett ab und cancelte auch die Strukturreform seines Bistums Rom. Zudem scheint Leo nicht ganz so harsch mit Traditionen und ihren Anhängern umzugehen: Feiern der alten lateinischen Messform im Petersdom beispielsweise duldet er, während Franziskus sie ausdrücklich verboten hatte. Bewusste Schritte des US-Papstes?

Glaubenspräfekt Kardinal Victor Manuel Fernandez bei einer Pressekonferenz
Bild: ©KNA/Cristian Gennari/Romano Siciliani (Archivbild)

"Jeder Papst führt die Arbeit seines Vorgängers fort und wirkt zum Wohl der Kirche und für deren Weiterentwicklung", sagt Kardinal Victor Manuel Fernandez. "Leo und Franziskus haben vieles gemeinsam. Statt Gegensätze sollten wir vielmehr ihre Komplementarität erkennen."

Kardinal Víctor Fernández, von Franziskus berufener oberster vatikanischer Glaubenshüter, will das alles nicht überbewerten: "Jeder Papst hat seinen eigenen Stil und seine eigenen Prioritäten; aber zu behaupten, Papst Leo wolle die Errungenschaften von Franziskus zunichtemachen, ist unehrlich", sagte er im Zeitungsinterview.

"Jeder Papst führt die Arbeit seines Vorgängers fort und wirkt zum Wohl der Kirche und für deren Weiterentwicklung", so der Argentinier. "Leo und Franziskus haben vieles gemeinsam. Statt Gegensätze sollten wir vielmehr ihre Komplementarität erkennen."

Lob von Kurienkardinälen

Viele betonen als Verdienst des ebenso impulsiven wie herzlichen Papstes, das Evangelium wieder auf seinen Kern gebracht zu haben. Mit seiner temperamentvollen, spontanen Art war er in der Lage, die Kirche für Menschen attraktiver zu machen, die ihr fernstanden.

Kardinal Walter Kasper, langjähriger Ökumene-Minister im Vatikan, sieht das Erbe von Franziskus bei Leo in guten Händen. "Er führt es weiter, und er tut das in seiner Weise und völlig selbstverständlich mit seinen eigenen Akzenten", so der deutsche Kurienkardinal. Nach seinem Tod sei deutlich geworden, "dass Papst Franziskus in den Herzen unzähliger Menschen in der Kirche wie außerhalb der katholischen Kirche angekommen ist", so Kasper. "Wir haben allen Grund, ihm ein dankbares Andenken zu bewahren."

Von Sabine Kleyboldt (KNA)