Eine bunte Buchseite mit arabischen Schriftzeichen
Neue Doku-Reihe läuft ab Dienstag auf Arte

Der Messias im Koran

Auch im Koran hat Jesus gegenüber anderen Propheten eine besondere Stellung. Mit diesem Thema beschäftigt sich ab heute eine neue Doku-Reihe auf Arte. Im Interview erzählen die beiden französischen Filmemacher von ihrem Projekt.

Von Julia-Maria Lauer |  Bonn - 08.12.2015

Frage: Wie kamen Sie auf die Idee, sich mit der Person Jesu im Islam auseinanderzusetzen?

Jérôme Prieur: Wenn man den Koran liest, wird man feststellen, dass Jesus dort einen wichtigen Stellenwert einnimmt. Ausschlaggebend für die Idee unserer Dokumentationsreihe war aber, dass Jesus nicht nur eine wichtige Person im Koran ist, die völlig unerwartet in einem ganz anderen geographischen Raum sechs oder sieben Jahrhunderte nach den Evangelien auftaucht. Jesus ist auch eine Hauptfigur in Mohameds Konstruktion eines Monotheismus, der an die Araber angepasst ist.

Frage: Was waren die wichtigen Etappen von der ersten Idee bis zum vollendeten Projekt?

Gérad Mordillat: Die Vorbereitung für eine solche Serie beruht vor allem auf der Lektüre. Beim Lesen der grundlegenden Texte und Arbeiten der Islamwissenschaftler stellten sich uns viele Fragen. Für "Jesus und der Islam" haben wir uns zwei Jahre lang durch diese Texte gearbeitet, bevor wir uns mit den Forschern getroffen haben. Danach haben wir wieder gelesen, gelesen und nochmals gelesen. Erst ein Jahr später, 2013, haben wir schließlich mit den Dreharbeiten begonnen. Jedem Wissenschaftler haben wir einen ganzen Tag gewidmet. Es war uns sehr wichtig, dass sie sich dieser anspruchsvollen Aufgabe mit aller benötigten Zeit und ohne äußere Zwänge stellen konnten. Schließlich sollten sie laut über bestimmte islamische Texte nachdenken und den Zuschauer auf diese Weise an ihrem Denkprozess teilhaben lassen. Fast anderthalb Jahre haben wir am Ende für die Zusammenstellung der einzelnen Teile der Dokumentation gebraucht.

Frage: Im Mittelpunkt ihrer Dokumentation stehen die Verse 157 und 158 der Koransure 4, in denen es um die von den Muslimen angenommene Verwechslung Jesu am Kreuz geht…

Gérard Mordillat: Wir brauchten unbedingt einen gemeinsamen Nenner, um die Begegnungen mit den Forschern zusammenzubringen. Von diesen Versen ausgehend haben wir jedes Wort und jeden Ausdruck sehr genau untersucht. Daraus hat sich der rote Faden unserer gesamten Arbeit ergeben. Von diesem Faden ausgehend konnten wir uns sehr weit von der Geschichte zur Zeit Mohameds und der Entstehung des Korans entfernen. Aber gleichzeitig konnten wir immer wieder dorthin zurückkehren, um dem Zuschauer einen festen Anhaltspunkt zu geben. Wir arbeiteten uns so vor von der Untersuchung jedes Titels für Jesus, der Präsenz Marias im Koran – denn anders als im Neuen Testament wird Jesus systematisch "Sohn der Maria" genannt - bis zur Erklärung der biblischen Referenzen im Text des Koran. Am Ende haben wir die Frage nach der Entstehung und der religiösen Kultur zur Zeit Mohameds erörtert oder jedenfalls jener, wie sie im Koran dargestellt wird.

Jérôme Prieur und Gérard Mordillat

Jérôme Prieur und Gérard Mordillat widmen sich in ihrem neuen Filmprojekt der Person Jesu im islamischen Verständnis.

Frage: Die historisch-kritische Methode, die einen Text in seinem historischen Kontext zu verstehen versucht, ist im Islam noch nicht sehr verbreitet. War es schwer, Wissenschaftler für Ihr Projekt zu gewinnen?

Jérôme Prieur: Keiner der Wissenschaftler, die wir angefragt haben, hat eine Zusammenarbeit mit uns verweigert. Die jeweiligen Forscher haben uns dann wieder auf die Spur von anderen gesetzt. Zu nennen sind hier vor allem der Religionswissenschaftler Guy Stroumsa aus Jerusalem und die Islamwissenschaftler Guillaume Dye von der Université libre in Brüssel und Mehdi Azaiez von der Katholischen Universität Leuven in Belgien. Azaiez unterhält die bemerkenswerte Internetseite "Der Koran und die Wissenschaften" über die aktuelle Forschung zum Heiligen Buch der Muslime. Um nicht nur den Standpunkt der westlichen Forschung wiederzugeben, haben wir die auch Stimmen von Wissenschaftlern aus Tunesien, Syrien, dem Libanon und dem Iran wiedergegeben.

Frage: Was waren die Schwierigkeiten, auf die Sie gestoßen sind?

Jérôme Prieur: Es war vor allem eine intellektuelle Herausforderung, weil an diesem Buch bislang kaum säkular geforscht worden ist. Die Lektüre des Korans ist kompliziert. Denn anders als die Evangelien oder viele biblische Bücher stellt er keine zusammenhängende Erzählung dar.

Gérard Mordillat: Es gibt so etwas wie eine Auto-Zensur, die sich um den Islam herum eingestellt hat. Wenn man die Geschichtlichkeit des Korantextes hervorhebt oder formuliert, was diese oder jene Sure aussagt, wird das sehr schnell als Polemik angesehen. Den Muslimen ist aber nicht geholfen, wenn sie in ihrer eigenen Religion eingeschlossen sind, außerhalb der Geschichte und der universalen Kultur. Der Islam ist eine große Zivilisation und der Koran ein großes Buch. Das verkennen viele unserer Zeitgenossen völlig. Ich hoffe, dass unsere Filme vor allem diese Kraft haben werden: Sie sollen den Koran bekanntmachen, indem sie sich ihm von einem literarischen und historischen Standpunkt außerhalb der religiösen Sichtweise nähern. Man darf nicht vergessen, dass auch die historisch-kritische Auslegung der Bibel viele Jahrhunderte brauchte, bis sie sich durchsetzte.

Frage: Was ist denn der kulturelle und religiöse Kontext, in dem der Islam im 7. Jahrhundert entsteht?

Gérard Mordillat: Man kann Arabien als eine Art religiösen Schmelztiegel bezeichnen, dessen Einfluss sich in alle Richtungen auswirkte: Syrien war christlich, die syrische Kirche äußerst einflussreich. Südlich von Arabien liegt Äthiopien, das ebenfalls christlich war. Der Jemen, der das heutige Saudi-Arabien umfasste, war bald jüdisch, bald christlich. Persien war vor allem durch die dualistischen Religionen Zoroastrismus und Manichäismus beeinflusst. Beide gehen davon aus, dass in unserer Welt die zwei Prinzipien Gut und Böse miteinander ringen. Darüber hinaus gab es noch die Karavanen, die neben ihren Handelswaren auch Ideen, Erzählungen und Texte transportierten.

Sira- Biografie des Propheten, 6. Jahrhundert Hidschra (13. Jh. n. Chr.)

Bei dieser Handschrift handelt es sich um eine Biografie des Propheten Mohamed aus dem 13. Jahrhundert. Dies entspricht dem 6. Jahrhundert der islamischen Zeitrechnung.

Frage: Welche besondere Stellung hat Jesus als Prophet im Islam?

Jérôme Prieur: Im Koran trägt Jesus die Titel "Gesandter Gottes", "Diener" oder "Sklave Gottes", "Wort Gottes", "Messias". Nach koranischer Vorstellung wurde Jesus von einer Jungfrau geboren. Er wird deshalb stets als "Sohn der Maria" bezeichnet, wenn auch nicht als "Sohn Gottes". Jesus ist der neue Adam, der von Gott ohne einen männlichen Mittler erschaffen worden ist. Das alles macht deutlich, dass Jesus im Koran ein außergewöhnliches Sein zukommt.

Gérard Mordillat: Nach der muslimischen Tradition ist Jesus auch derjenige, der am Ende der Zeiten kommen muss, um den Antichristen zu besiegen.

Frage: Was haben Sie während der Arbeit an Ihrem Projekt gelernt?

Gérard Mordillat: Für mich am spannendsten war die zentrale Frage in der Dokumentationsreihe nach dem jüdischen, christlichen und jüdisch-christlichen Einfluss auf Mohamed und die Redaktion der ersten Suren des Korans. Mohamed tritt in einem hochkomplexen, religiösen Kontext auf, der sehr heterogen und nicht so heidnisch ist, wie es die islamische Tradition vorgibt. Der Einfluss von Judentum und Christentum ist dabei nicht gering, sondern ganz zentral. Es ist erstaunlich, dass es manchmal so schwierig ist, diese Fragen außerhalb von religiösen Vorurteilen zu erörtern.

Frage: Derzeit wird der Islam vor allem mit Terror und Rückständigkeit in Verbindung gebracht. Erhoffen Sie sich von Ihrem Filmprojekt auch einen Beitrag zu einem wissenschaftlicheren und moderneren Selbstverständnis des Islam?

Gérard Mordillat: Auf jeden Fall! Die grundlegende Herausforderung ist es, die Intelligenz dort wieder aufzurichten, wo als angeblich offenbarte Wahrheiten nur noch Drohparolen geschwungen werden. Die historisch-kritische Methode mit ihrer Textkritik ist ein sehr leistungsfähiges Instrument, das diese Täuschungsmanöver und den falschen Schein zerschlägt, die die Wirklichkeit der Texte verschleiern und die letztendlich nur politisch motiviert sind. Die Unwissenheit war schon immer die Vorliebe von Tyrannen. Unsere Doku-Reihe setzt auf die Intelligenz der Zuschauer, auf ihre Fähigkeiten, ihren kritischen Geist zu gebrauchen, nachzudenken, vor allem selbst zu denken. Das ist die große Herausforderung.

Service: Die Sendetermine

Die Dokumentarfilmreihe auf Arte hat sieben Folgen:

Dienstag, 8. Dezember, ab 20.15 Uhr
Die Kreuzigung im Koran (1)
Die Leute des Buches (2)
Der Sohn Marias (3)

Mittwoch, 9. Dezember, ab 22.20 Uhr
Das Exil des Propheten (4)
Mohammed und die Bibel (5)

Donnerstag, 10. Dezember, ab 21.45 Uhr
Die Religion Abrahams (6)
Das Buch des Islam (7)

Abgerundet wird das Projekt von einem Web-Special mit zahlreichen Hintergrundinformationen und Video-Dokumentationen.

Von Julia-Maria Lauer