Kardinal Gerhard Ludwig Müller im Porträt
Kardinal Müller weist erneut Vorwürfe um schwarze Kassen zurück

"Investigative Fantastereien"

Ökumene, Islam, Finanzen: Zu mehreren Themen hat sich Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller im Interview mit der "Zeit" geäußert. Berichte über angebliche schwarze Kassen wies er zurück. Die Vatikanfinanzen seien für ihn ein "sekundäres Thema".

Hamburg - 29.12.2015

Die "Bild"-Zeitung hatte Anfang Dezember ohne nähere Quellen- und Zeitangaben über eine angebliche Razzia in der Kurienbehörde berichtet, bei der im Büro von Müllers damaligem Verwaltungsleiter 20.000 Euro Bargeld hinter einer Würstchendose gefunden und beschlagnahmt worden seien. Daraufhin seien auch Ermittlungen gegen den Kardinal selbst eingeleitet worden. Diesen Punkt hatte Müller bereits am Erscheinungstag gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) dementiert.

Gegen die innere Säkularisierung der Kirche

In der "Zeit" sagte der Kardinal dazu nun: "Die investigativen Fantastereien in der Yellow Press sind sachlich haltlos und dienen nur der Störung unseres eigentlichen Auftrags." Dieser bestehe darin, den Glauben gegenüber Irrlehren oder schismatischen Tendenzen zu schützen und die Stimme "gegen die innere Säkularisierung der Kirche" zu erheben.

Die investigativen Fantastereien in der Yellow Press sind sachlich haltlos und dienen nur der Störung unseres eigentlichen Auftrags.

Zitat: Kardinal Gerhard Ludwig Müller

Jesus habe seine Jünger gefragt: "Für wen haltet ihr mich?" Petrus habe daraufhin "im Namen der ganzen Kirche" geantwortet: "Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes." Dies, so der Präfekt der Glaubenskongregation, sei "die Mitte unseres Bekenntnisses. Das darf nicht abgeflacht werden."

Müller: Menschen glauben bereitwillig das Lächerliche

Mit Blick auf die jüngste Berichterstattung zu seiner Person und der von ihm geleiteten Vatikan-Behörde fügte Müller hinzu: "Bezeichnend ist, wie bereitwillig das Lächerliche statt des Ernsthaften geglaubt wird. Wir haben eine Freudenbotschaft für die Menschen guten Willens und nicht eine Schadensfreudenbotschaft für die Hämischen."

In dem Interview äußert sich Müller auch zur Ökumene. Bis zur vollen Einheit liege vor der katholischen und der evangelischen Kirche noch ein weiter Weg, ist er überzeugt. Es gebe aber Hoffnungszeichen. Gleichwohl bleibe die Anerkennung des Papstes als Oberhaupt der Kirche Voraussetzung für die volle Einheit. Nach katholischem Verständnis sei diese "nur mit dem Bischof von Rom als Nachfolger Petri möglich".

Bild: © KNA

Die Gegenwart ist das Zeitalter der Ökumene, ist Kardinal Müller überzeugt.

"Missverständnisse kommen immer wieder auf, weil man vergisst, dass es leider tatsächlich zwischen Katholiken und Protestanten ein unterschiedliches Kirchenverständnis gibt", so Müller. Dennoch sollten die beiden großen Kirchen in Deutschland nach Ansicht des Kurienkardinals den 500. Jahrestag der Reformation 2017 zu einem starken Zeugnis für Jesus Christus nutzen. "Wenn wir das heute gemeinsam bekennen, wäre das weltgeschichtlich so wirksam wie evangelische Reformation und katholische Reform des 16. Jahrhunderts zusammen."

Müller forderte Katholiken und Protestanten auf, stärker das Gemeinsame zu entdecken, denn "heute leben wir nicht mehr im Zeitalter des Konfessionalismus, sondern im Zeitalter der Ökumene!"

Auch das Verhältnis des Christums zum Islam war ein Thema. Der Islam müsse sein Verhältnis zur Gewalt von innen her bereinigen. "Niemand kann das Tun des Bösen legitimieren, wenn Gott der Urheber alles Guten ist", sagte Müller, ohne die im Namen des Islam operierenden Terrorgruppen ausdrücklich zu erwähnen.

"Gewalt widerspricht dem Willen Gottes"

Er hüte sich jedoch davor, muslimische Theologen von oben herab zu belehren "nach dem Motto: Wir sind fortgeschrittener, die andern sind im 'Mittelalter' stecken geblieben", betonte Müller: "Das wäre paternalistisch und kontraproduktiv." Es müsse vielmehr darum gehen, dass Gelehrte und Politiker der islamischen Welt "eindeutig und verbindlich zeigen, dass Gewalt dem Willen Gottes widerspricht", so der Kardinal weiter.

Auf den Koran bezogen fügte er hinzu: "Wer in der ersten Sure an Gott, den Barmherzigen, glaubt, kann die Suren, die zur Gewalt gegen Ungläubige auffordern, nur als Ausdruck der menschlichen Interpretation des Korans verstehen, nicht als Willen Allahs." (gho/KNA)