"Wir sind die vergessene Nation"
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Der emeritierte Bischof Macram Max Gassis über seine Heimat

"Wir sind die vergessene Nation"

Bischof Macram Max Gassis ist zwar emeritiert, aber sein Ruhestand gestaltet sich unruhig: Er hat die Lage in seiner Heimat Sudan so scharf kritisiert, dass er nach Kenia auswandern musste. Im Interview beklagt Gassis das Verhalten der islamistischen Regierung.

Von Anna Mertens (KNA) |  Berlin - 06.01.2016

Frage: Bischof Gassis, Sie sind gebürtiger Sudanese und waren 25 Jahre Bischof der Diözese El Obeid in den Nuba-Bergen. Nun sind Sie emeritiert und kämpfen weiter für die Menschenrechte. Was hat sich geändert?

Gassis: Ich habe graue Haare. Das ist ein Glücksfall, denn in Afrika zollt jeder einem Grauhaarigen Respekt. Andererseits ist es schmerzhaft, als Menschenrechtsverfechter ein Bischof im Ruhestand zu sein. Vielleicht ist es aber auch besser, dass ich emeritiert bin. Jetzt kann ich sagen, was ich will - ohne Einfluss aus Rom. Denn zunächst bin ich ein Mensch, dann Sudanese und erst dann Priester und Bischof. Ich arbeite mehr als früher und kämpfe noch vehementer für die Rechte der sudanesischen Bevölkerung.

Frage: Sie haben die Lage im Sudan und Südsudan scharf kritisiert. So sehr, dass das sudanesische Regime Sie angeklagt hat und sie nach Kenia auswandern mussten. Was motiviert Sie, weiter zu machen?

Gassis: Das ist mein Volk, und ich liebe es, und Liebende tun verrückte Dinge. Ich will für die Wahrheit einstehen, und die Wahrheit ist eine bittere Pille. Sudanesen hungern, werden versklavt, junge Frauen werden vergewaltigt, da kann ich nicht einfach zusehen. Als ich mich entschieden habe, für Menschenrechte zu kämpfen, ging ich zum damaligen Nuntius und sagte, dass ich öffentlich Stellung beziehen würde - und er ließ mich ziehen. Seither reise ich um die Welt, zur UN-Menschenrechtskommission und in dutzende Länder, um auf die Lage in meiner Heimat aufmerksam zu machen.

Katholische Gläubige während einer Sonntagsmesse in der St. Matthew's Kathedrale in Khartoum (Sudan).

Frage: Sie leben und arbeiten von Kenia aus. Können Sie überhaupt in Ihre Heimat einreisen?

Gassis: Ich war einige Male mit einem Freund und sudanesischen Politiker dort. Aber ich habe gelitten unter meinem Einsatz - auch innerhalb der kirchlichen Strukturen. Mir wurde etwa von höherer Instanz angedeutet, dass mein vatikanischer Pass nicht verlängert werden könne, wenn ich weiterhin die Regierung im Sudan so öffentlich kritisieren würde.

Frage: Sie setzen sich für vor allem für die Menschen in den Nuba-Bergen ein. Es gibt weitere Konfliktregionen am Blauen Nil, in Darfur oder im Südsudan. Hängen diese Krisen zusammen?

Gassis: Die islamisch-fundamentalistische Regierung in Khartum glaubt, ein "göttliches Mandat" zu haben und will über alle Menschen regieren. Das ist utopisch. Der Sudan ist ein multiethnisches, multikulturelles und multireligiöses Land. Ein solches Land kann nicht regiert werden, wenn die verschiedenen Gruppen nicht ihre Rechte haben. Warum können wir nicht Einheit in Vielfalt akzeptieren, warum sollten alle Araber und Muslime sein? Das ist der Fehler der Politik.

Frage: Was müsste die Politik unternehmen?

Gassis: Die gegenwärtige Politik im Sudan muss sich ändern. Es gibt keinen anderen Weg. Das Töten in Darfur nimmt kein Ende. Junge Frauen und Mädchen werden auf dem Weg zum Holz holen vergewaltigt. Wenn ein Kind gewaltsam den Eltern entrissen wird, dann verliert es seine Identität. Solange die Vielfalt nicht akzeptiert wird und den Menschen nicht ihre Recht gewährt werden, wird es keinen Frieden im Sudan geben.

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Nach Angaben des privaten Hilfswerks "Open Doors" hat die Zahl der verfolgten Christen eine neue Rekordhöhe erreicht: Über 100 Millionen sollen es weltweit sein. An der Spitze des Verfolgungsindex steht nach wie vor Nordkorea. Auch der Sudan befindet sich unter den ersten zehn.

Frage: Was erwarten Sie von der internationalen Gemeinschaft?

Gassis: Sie wollen es nicht sehen und hören, was im Sudan passiert. Die Weltgemeinschaft schaut auf große Katastrophen, aber nicht auf langanhaltende wie im Sudan. Die internationale Hilfe ist nicht überzeugend. In New York bei den Vereinten Nationen habe ich alle Anwesenden angefleht, Essen in die Nuba-Region zu bringen. Die Antwort war, dass die Vereinten Nationen die Souveränität des Sudans achten müssten. Nicht einmal an die Grenze wollten sie die Lebensmittel bringen.

Frage: Der Papst hat Ende 2015 drei afrikanische Länder besucht. Könnte das etwas ändern?

Gassis: Wer redet mit dem Papst über den Sudan? Was haben die Politiker in Europa oder den USA bislang für uns getan? Wir sind die vergessene Nation. Die Politiker spielen doch nur mit der Macht und mit den Leben unzähliger Menschen.

Frage: Inwiefern?

Gassis: In Ägypten, Libyen oder im Irak wurden die Machthaber von westlichen Regierungen gezwungen zurückzutreten, aber was danach gekommen ist, ist noch schlimmer. Die Menschen müssen selbst über ihr Schicksal entscheiden. Wenn sie Hilfe brauchen, dann werden sie nach internationaler Hilfe bitten. Wir haben die internationale Gemeinschaft immer wieder um Hilfe gebeten. Wir wollen Hilfe, aber Hilfe, um uns selbst zu helfen.

Von Anna Mertens (KNA)