Weihe zu gottgeweihten Jungfrauen
Weltweit gibt es rund 5.000 geweihte Jungfrauen

"Meine Lebensform ist ein Statement"

Nicht nur Priester und Ordensleute geloben aus religiösen Gründen ein Leben in Keuschheit – auch "geweihte Jungfrauen" machen das. Rosmarie Schärer ist eine von ihnen. Weshalb sie sich dafür entschieden hat und wie diese Lebensform konkret aussieht.

Von Regula Pfeifer (KNA) |  Chur - 30.09.2018

Rosmarie Schärer sieht ganz normal aus: eine Frau mit halblangen braunen Haaren, mittlerer Statur und freundlichem Gesichtsausdruck. Und doch ist etwas besonders an ihr. Die Schweizerin ist eine "geweihte Jungfrau" - eine Frau also, die sich in den Dienst Gottes gestellt und dabei Jungfräulichkeit gelobt hat. Frauen wie sie gibt es weltweit nur etwa 5.000, davon um die 200 in Deutschland. Der Vatikan hat kürzlich ein erstes Dokument zu dieser Lebensform veröffentlicht.

"Eine geweihte Jungfrau zu sein, bedeutet für mich nicht primär ein Verzicht auf die Ehe", erklärt die 48-Jährige. "Vielmehr ist meine Art zu leben - also aus der Liebe zu Gott heraus - ein Gewinn für mich". Rosmarie Schärer trägt einen goldenen Ring. Der sei das Zeichen für ihre Vermählung mit Jesus. "Ich bin eine Braut Christi", sagt Schärer. Das verstünden viele Leute nicht. Den Ring trägt sie seit ihrer Weihe.

Das war vor rund 15 Jahren, in ihrer Heimatpfarrei in Buchrain im Kanton Luzern. Neben dem Ring erhielt Rosmarie Schärer auch einen Schleier und ein Stundenbuch. Den Schleier trägt sie fast nie. Sie wolle sich der Debatte um diese Kopfbedeckung nicht aussetzen, sagt sie. Ein anderes Symbol hingegen trägt sie: An einer Silberkette hängt ein silberner Anhänger, der Kreuz, Bischofsstab und Öllämpchen in sich vereint. Das sei kein offizielles Symbol, erklärt Schärer, doch viele "geweihte Jungfrauen" trügen den Anhänger.

Stille statt Gemeinschaft

Aus ihrer Lebensform macht sie kein Geheimnis. Auch wenn diese viele Leute irritiert. "Meine Lebensform ist ein Statement", merkt Schärer an. "Ich weise die Leute darauf hin, dass das Reich Gottes kommen wird." Im Himmel gebe es keine Ehe, da genüge allein die Beziehung zu Gott. Gegenüber Männern versucht sie sich so zu verhalten, dass klar wird: "Ich bin gebunden". Dabei hilft wohl auch der Ring. Er sieht wie ein Ehering aus. Wird sie darauf angesprochen, erklärt sie, was dieser Ring in ihrem Fall bedeutet.

Während sie erzählt, sitzt Rosmarie Schärer zu Hause am Tisch, der Schreib- und Esstisch - und auch Arbeitsplatz für die Redakteurin der Schweizerischen Kirchenzeitung ist. Dass das Gespräch über ihr Leben als "geweihte Jungfrau" hier stattfindet, ist kein Zufall. Sie selbst hatte es vorgeschlagen. Die Wohnung sei ihr sehr wichtig; sie genieße die Stille in den eigenen Räumen und sei kein Gemeinschaftstyp. Die Wohnung befindet sich an einem speziellen Ort: im Priesterseminar St. Luzi hoch über Chur. Von dort ihrem Fenster sieht sie die Bistumskathedrale. "Ich kann auf den Bischof herunterschauen", sagt sie schelmisch.

Eine Ordensfrau

Ein Leben als Ordensfrau? Das konnte sich Rosmarie Schärer nicht vorstellen.

Das Herz der Wohnung bildet ein einfach eingerichtetes Wohnzimmer mit offener Küche. Hier steht ein Tisch mit vier Stühlen, dort ein bequemer Stuhl, daneben eine Kerze und eine gepolsterte Bank, dahinter ein Büchergestell. An einer Wand hängt eine kleine vergoldete Marien-Ikone, an der anderen ein Christus-Kreuz.

Schärer betet regelmäßig - mindestens einmal morgens und einmal abends, wie sie erzählt. Frühmorgens besucht sie den Gottesdienst in der Kathedrale oder im Seminar. Dort müsse sie jeweils ihre Stimme finden, sagt sie und weist darauf hin, dass sie die einzige Frau unter lauter Männern ist.

Der Schritt war nicht abzusehen

Die abendliche Vesper feiert die "geweihte Jungfrau" in ihrer Wohnung. Richtet sie das Gebet an Maria, stellt sie sich vor die Ikone hin, wendet sie sich an Jesus, blickt sie zum Kruzifix. Meist allerdings sitzt sie im bequemen Stuhl und liest im Stundenbuch.

Rosmarie Schäfers Weihe ist einerseits ein konsequenter Schritt auf ihrem Glaubensweg, war andererseits aber nicht abzusehen. Sie ist katholisch aufgewachsen, war aber kirchlich nicht besonders engagiert. Mit 15 Jahren erhielt sie überraschend einen Brief einer Ordensfrau. Diese lud sie zu einem Treffen in eine Gruppe Leute ein, die aus Interesse am Ordensleben Klöster besichtigte. Einige Male ging Schärer mit, doch so richtig gefiel es ihr in keinem der Klöster.

Später, beim Theologiestudium in Freiburg, erzählte eine Mitstudentin von ihrer Kandidatur zur "geweihten Jungfrau". Schärer reagierte ablehnend, diese Lebensform machte für sie rational keinen Sinn. Doch dann, während einer Beichte, hörte sie ihre innere Stimme, die sagte: Nein, das will ich nicht. Sie verstand: Das war ihre Antwort auf einen Anruf Gottes an sie gewesen. Sie realisierte: Gott wollte, dass sie den Weg zur "geweihten Jungfrau" gehe. Sie folgte dem Ruf - weshalb, kann sie sich bis heute nicht erklären. Aber es fühlt sich für sie noch immer stimmig an.

Von Regula Pfeifer (KNA)

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