Darf ich mich als Religionslehrer von der Kirche distanzieren?
Kolumne: Mein Religionsunterricht

Darf ich mich als Religionslehrer von der Kirche distanzieren?

Als Religionslehrer sollte man an das glauben, was man unterrichtet. Aber wie geht man etwa mit dem Missbrauchsskandal in der Kirche um? Wieviel Distanz zur Kirche ist erlaubt? Carina Caruso bildet Religionslehrer aus – und schreibt für katholisch.de darüber.

Von Carina Caruso |  Bonn/Trier - 15.03.2019

Carina Caruso

Als Ausbilderin für Religionslehrer erwische ich mich nach einem Seminar häufig dabei, dass ich in meinen Gedanken einzelnen Fragen oder Beiträgen nachgehe, weil mich ähnliche Fragen beschäftigen wie die angehenden Lehrkräfte: Braucht es angesichts der religiösen Pluralität einen konfessionellen Religionsunterricht? Oder: Wie kann ich religiösen Überzeugungen, die meinen eigenen diametral gegenüberstehen, unvoreingenommen begegnen? Oft stimme ich den Aussagen und Positionen der angehenden Lehrer voll und ganz zu. Manchmal habe ich die umfängliche Bandbreite der studentischen Perspektiven aber auch noch nicht in meine Positionierung einbezogen.

In diesem Semester habe ich Studierende parallel zu ihrem Langzeitpraktikum bei der Unterrichtsplanung und -reflexion begleitet. Das Thema: Kirche. Gemeinsam stellten wir uns Fragen wie: Was ist unsere Intention, wenn wir Kirche unterrichten – jetzt mal unabhängig vom Lehrplan? Inwiefern muss ich mich im Religionsunterricht zu den aktuellen Enthüllungen wie dem Missbrauchsskandal positionieren? Und kann ich angesichts der Enthüllungen noch eine vertrauensvolle Kirchenbeziehung pflegen und gestalten? Können wir da noch über das Kirchenverständnis und das Papstamt sprechen? Sie können sich vorstellen, wie lebhaft die Beteiligung in dieser Seminarsitzung gewesen ist, und dass wir in dieser Sitzung keine Analyse konkreter Aufgaben für die Schülerinnen und Schüler mehr durchgeführt haben

Was heißt das? Sich von der Kirche distanzieren?

Einige der Fragen beschäftigten mich nachhaltig. Eine blieb mir besonders im Gedächtnis, denn sie war explizit an mich gerichtet: "Was würden Sie denn sagen – können Sie sich eigentlich von der Kirche distanzieren?" Ja, nein, jein: verschiedenste Gedanken gingen mir in diesem Moment durch den Kopf. "Die Frage ist, was es heißt, sich von Kirche zu distanzieren… Von ihr entfernen kann ich mich nicht! Sollte ich nach meiner Tätigkeit an der Universität in den Schuldienst gehen, so sollte ich Brückenbauerin sein, zwischen Schule und Kirche. Sollte ich meiner Tätigkeit an der Universität im Bereich Theologie, die mich voll und ganz erfüllt, weiterhin nachgehen dürfen, so ist es die vatikanische Bildungskongregation, die mir die kirchliche Unbedenklichkeitserklärung erteilen muss. Nicht nur meine wissenschaftliche Tätigkeit würde begutachtet, sondern auch meine 'religiös-kirchliche Praxis'. Gravierende Abweichungen von der katholischen Lehre sind demnach unter Umständen ungünstig..." Stille im Seminarraum, denn die Studierenden schienen nicht zu wissen, dass unsere Situationen diesbezüglich durchaus vergleichbar sind: Missio canonica und Nihil obstat.

In dem Moment war es mir wichtig, das Schweigen zu brechen, obwohl es per se geltende Antworten nicht gibt. Es ist und bleibt in manch einer Situation unbefriedigend, aber der Lehrberuf erfordert das situationskluge Agieren – aushalten müssen wir, dass sich keine global geltenden Antworten für das Handeln in pädagogischen Handlungsfeldern formulieren lassen. Das scheint mir auch auf den Umgang mit den Rahmenbedingungen unseres Faches zuzutreffen, der unser Unterrichtshandeln natürlich (maßgeblich) beeinflusst. Ich persönlich versuche mich, soweit man es überhaupt steuern kann, nicht von diesen Rahmenbedingungen lenken zu lassen.

In einem Klassenzimmer hängt ein Kreuz an der Wand.

Auch Missstände in der Kirche - etwas der Missbrauchsskandal - können Thema im Religionsunterricht sein.

Für das Lehramtsstudium habe ich mich auch deswegen entschieden, um einen Beitrag zur Bildung von Kindern und Jugendlichen leisten zu können. Zu einer Allgemeinbildung gehört auch Bildung in Religion. Vor diesem Hintergrund ist es mir wichtig, Schüler und angehende Lehrkräfte mit vielen und unterschiedlichen Perspektiven zu konfrontieren und dadurch ihre Positionierungsbereitschaft und -fähigkeit zu fördern. "Um auf Ihre Fragen einzugehen", sagte ich den Studierenden. "Im Religionsunterricht würde ich über das Kirchenverständnis und den Papst, aber auch die Missbrauchsskandale und das Bild von Kirche in der Gesellschaft erarbeiten. Denn all das ist Kirche." Und Schüler sollen ihre Religionsfreiheit ausüben können und lernen, dass es Menschen gibt, die andere Vorstellungen haben.

In dieser Sitzung haben wir uns die Zeit genommen, einzelne Situationen möglichst ganzheitlich zu beschreiben und gemeinsam zu eruieren, wie wir als Lehrkraft in einer spezifischen Situation handeln würden, welche Reaktionen es geben könnte und was Vor- und Nachteile wären. Eine Handlungsvariante, die keine Nachteile hat? – Fehlanzeige! Aber "guten Religionsunterricht" und zugleich "Zeugnis" zu geben, heißt für uns einerseits zu zeigen, wo wir zweifeln oder uns deutlich aus welchen Gründen distanzieren. Andererseits müssen wir verdeutlichen, was Kirche darüber hinaus bedeuten kann.

Lernen ohne eindeutige Antworten

Lerngelegenheiten sind auch solche Situationen, in denen Fragen im Raum stehen, die nicht eindeutig zu beantwortet sind, für die es keine Globalantwort gibt. Es gilt den Schülern den Rahmen zu geben, sich mit ihrem Wissen, ihren Vorstellungen und Erfahrungen einbringen zu dürfen, sich zu verschiedenen Positionen verhalten zu dürfen, um letztlich zu lernen, sich selbst begründet positionieren zu können. Die damit verbundene Unplanbarkeit pädagogischen Handelns zu erkennen, ist ein großer Wert – insbesondere von Praxisphasen im Studium.

Es ist herausfordernd, immer wieder selbst als Person mit seinen persönlichen Erfahrungen und Vorstellungen in Erscheinung zu treten. Es ist aber auch eine Bereicherung, sich während seiner beruflichen Tätigkeit mit Menschen austauschen zu dürfen, die unterschiedliche und dennoch gleichberechtigte Positionen vertreten. Die Positionen können wiederum eine Inspiration darstellen, um sich selbst immer wieder zu hinterfragen und sich auf die Suche nach anderen Perspektiven, Antworten und neuen Fragen zu begeben.

Von Carina Caruso

Die Autorin

Dr. Carina Caruso arbeitet am Institut für Katholische Theologie der Universität Paderborn. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Religionsdidaktik ist sie für die Ausbildung von Religionslehrern verantwortlich.

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