Die Geschichte vom Christkind
Wie einem Geschenkebringer Flügel wuchsen

Die Geschichte vom Christkind

Wenn bei Ihnen zu Hause noch das Christkind die Geschenke bringt, halten Sie einen jahrhundertealten Brauch aufrecht. Aber wissen Sie auch, woher die blondgelockte Figur eigentlich stammt?

Von Tobias Glenz |  Bonn - 23.12.2018

Blondgelockt, mädchenhaft, mit weißem Kleid, Flügeln und Heiligenschein: Es ist eine merkwürdige Mischung von Attributen, die gemeinhin mit dem sogenannten Christkind verbunden werden. Von der Wortzusammensetzung dürfte man doch eher erwarten, dass es sich beim "Christ-Kind" tatsächlich um den neugeborenen Jesus handeln sollte. Doch der engelsgleiche Blondschopf, der zum Geschenkebringer wurde, will optisch so gar nicht zum Erlöser in der Krippe passen. Woher kommt also diese Vorstellung vom Christkind?

Die Geschichte beginnt vor 1.700 Jahren mit einem anderen Geschenkebringer: Der heilige Nikolaus war im vierten Jahrhundert Bischof von Myra in der heutigen Türkei. Von ihm ist überliefert, dass er sich schon zu Lebzeiten durch eine ausgesprochene Mildtätigkeit und Güte gegenüber den Armen auszeichnete. Zahlreiche später entstandene Legenden taten ihr Übriges: Sie machten Nikolaus im Laufe der Jahrhunderte nicht nur zu einem der meistverehrten Heiligen der Kirche, sondern auch zum Geschenkebringer par excellence. So erzählt eine der vielen Geschichten, dass der Bischof eines Nachts am Haus einer Familie vorbeikam, die derart mittellos war, dass die drei Töchter ihr Geld als Prostituierte verdienen mussten. Damit die jungen Frauen dieses Tun beenden und heiraten konnten, warf Nikolaus drei Goldklumpen durch das Fenster des Hauses.

Wann es Bescherung gab

Dass der Nikolaus die Kinder besucht und sie beschenkt, gehört heute zum Brauchtum um den Heiligen fest dazu. Seinen Ursprung hat dieses Ritual im mittelalterlichen "Bischofsspiel": An Kloster- und Stiftsschulen wurde zu bestimmten Tagen ein Schüler zum "Bischof" oder auch "Abt" ernannt. Das Kind kleidete sich in die entsprechenden Gewänder und durfte die anderen Schüler für ihr Betragen belohnen oder aber bestrafen. Ursprünglich fand das Bischofsspiel am Fest der Unschuldigen Kinder statt, später wurde es auf den Nikolaustag gelegt. Deshalb fand die Bescherung im Mittelalter auch nicht an Heiligabend oder am ersten Weihnachtstag statt, sondern eben am 6. oder 28. Dezember.

Der heilige Bischof Nikolaus von Myra.

Ihn gab es wirklich: der heilige Bischof Nikolaus von Myra.

Doch der heilige Nikolaus blieb in der Kirchengeschichte nicht konkurrenzlos. Die Protestanten lehnten eine Verehrung der Heiligen ab. So hatte auch Martin Luther nicht viel für den alten Nikolausbrauch über, den er als ein "kyndisch ding" bezeichnete. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit war es Luther selbst, der den Nikolaus durch den "Heiligen Christ" als Geschenkebringer ersetzte – der tauchte jedenfalls noch zu Lebzeiten des Reformators in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts erstmals auf. Das Fest der Geburt Christi sollte ins Zentrum rücken und sich auch im Brauchtum widerspiegeln. In mehrheitlich protestantischen Gegenden fand fortan die Bescherung am 25. Dezember – dem Weihnachtsfest – statt.

Starke Konkurrenz

Das ursprüngliche Christkind ähnelte optisch tatsächlich zunächst dem neugeborenen Jesuskind. Doch die Figur verselbstständigte sich im Brauchtum zunehmends: Es entstand die Vorstellung von einem engelsähnlichen Wesen, das vom Aussehen nicht mehr viel mit Jesus gemein hatte. Möglichweise rührt diese Tatsache daher, dass früher in Krippenspielen und weihnachtlichen Umzügen das Christkind von einer Engelsschar – in Anlehnung an den Verkündigungsengel – begleitet wurde. Auch ist eine Verbindung zur heiligen Lucia denkbar, deren Fest am 13. Dezember gefeiert wird. Noch heute ist es – vor allem in nordischen Ländern – Brauch, dass Mädchen an diesem Tag weiße Gewänder und einen Lichtkranz auf dem Kopf tragen. Hier ergibt sich eine verblüffende optische Parallele zum Christkind. Nachdem anfangs nur die Protestanten dem Brauchtum um die Figur folgten, verbreitete sich das Christkind später auch in katholischen Gebieten – und löste dort den Nikolaus ab.

Doch auch mit dem Christkind ist die Geschichte der Geschenkebringer noch nicht abgeschlossen. In den Niederlanden behielt der "Sinterklaas" seine große Bedeutung – die holländische Variante des Nikolaus, der drei Wochen vor Weihnachten den Kindern Geschenke brachte. Niederländische Auswanderer waren es dann auch, die den Sinterklaas im 17. Jahrhundert nach Amerika brachten. Dort nahm die Verwandlung zum "Santa Claus" ihren Lauf. 1931 beauftragte ein bekannter US-Limonadenhersteller zu Werbezwecken einen Zeichner damit, den Santa Claus optisch neu zu gestalten. Die heutige Vorstellung vom sogenannten "Weihnachtsmann" war geboren – eine vordergründig kommerzielle Figur, die als säkularisierter Geschenkebringer fungierte. Der deutsche Name übrigens tauchte erstmals im bekannten Weihnachtslied "Morgen kommt der Weihnachtsmann" von 1837 auf.

Das Kind im Namen hat der berühmte Christkindlesmarkt in Nürnberg.

Die Weihnachtsmann-"Tradition" schwappte auch nach Europa über, wo die Figur ab dem 19. Jahrhundert in protestantischen Gegenden mehr und mehr das Christkind als Geschenkebringer ablöste – so etwa auch in Nord- und Ostdeutschland. Im katholischen Brauchtum hingegen hatte das Christkind weiterhin Bestand. Daher ist die Figur noch heute in mehrheitlich katholischen Gebieten wie Bayern, den katholischen Teilen Baden-Württembergs, dem Rheinland und in Österreich verbreitet. Doch auch in den traditionell protestantischen Regionen Frankens, Baden-Württembergs, der Pfalz und Hessens ist das Christkind Geschenkebringer geblieben.

Briefe ans Christkind

Dass die Tradition lebt, zeigt sich nicht zuletzt an der Bezeichnung zahlreicher Weihnachtsmärkte in Deutschland, vor allem im Süden: Dort heißen sie häufig Christkindles- oder Christkindlmarkt. Einer der bekanntesten der Welt dürfte der Nürnberger Christkindlesmarkt sein, der mit über zwei Millionen Besuchern jährlich auch zu den größten Weihnachtsmärkten Deutschlands zählt.

Die Deutsche Post ermöglicht es sogar, dass Kinder Briefe ans Christkind höchstpersönlich schicken können – und auch Antwort erhalten. Dafür existiert in Engelskirchen ein eigenes Weihnachtspostamt. Und schließlich: Wer am 24. oder 25. Dezember Geburtstag feiert, der wird im Volksmund selbst als "Christkind" bezeichnet.

Von Tobias Glenz

Aktualisiert am 23. Dezember 2018.