"Die SED hat gewütet wie die Taliban"
Widerstand gegen den Abriss der Leipziger Uni-Kirche vor 50 Jahren

"Die SED hat gewütet wie die Taliban"

Vor 50 Jahren ließ das SED-Regime die Leipziger Universitätskirche sprengen. Nikolaus Krause führte damals einen Studentenprotest gegen die Sprengung an – und musste zwei Jahre ins Gefängnis. Das ist seine Geschichte.

Von Tobias Glenz |  Bonn/Leipzig - 24.01.2018

Über 60 Kirchenbauten ließ das SED-Regime zu DDR-Zeiten abreißen – darunter Ruinen aus dem Zweiten Weltkrieg, aber auch vollkommen intakte Gotteshäuser. Zu letzterer Kategorie gehört die Leipziger Universitätskirche St. Pauli – auch Paulinerkirche genannt –, die am 30. Mai 1968 gesprengt wurde. Die 1240 erbaute gotische Hallenkirche diente zunächst dem Dominikanerorden als Klosterkirche und wurde 1545 von Martin Luther persönlich zur evangelischen Universitätskirche umgewidmet. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten sie evangelische und katholische Gemeinde gleichermaßen als Gotteshaus. Zum geplanten Abriss in der DDR regte sich jedoch Protest vonseiten der Leipziger Studenten. Ganz vorne mit dabei war der damalige Theologiestudent und heutige evangelische Pfarrer Nikolaus Krause, der für seine Aktionen zwei Jahre ins Gefängnis musste. Im katholisch.de-Interview erzählt der heute 73-Jährige seine Geschichte – und die seiner geliebten Paulinerkirche, deren Nachfolgebau im Dezember eingeweiht wurde.

Frage: Pfarrer Krause, zwei Jahre Gefängnis lautete das Urteil für Ihren Protest gegen den Abriss der Uni-Kirche: War es das wert? Warum hat Ihnen die Kirche persönlich so viel bedeutet?

Krause: Trotz der schlimmen Folgen bereue ich meinen damaligen Protest nicht. Die Liebe zu dieser Kirche liegt schon in meiner Familiengeschichte begründet. Mein Großvater war in Leipzig Theologieprofessor. Er und meine Eltern sind in den 20er-, 30er- und 40er-Jahren in der Paulinerkirche ein- und ausgegangen. Und sie haben mir schon als kleinem Jungen davon erzählt und von der Kirche geschwärmt. Ich selber kam dann als Theologiestudent nach Leipzig und habe kaum einen Gottesdienst in der Universitätskirche verpasst. Ich war in der Studentengemeinde sehr aktiv und habe im Chor gesungen. Die Kirche wurde zu meiner spirituellen Heimat, die mit vielen schönen Erinnerungen verbunden ist. Als sehr wertvoll habe ich außerdem das gute ökumenische Miteinander dort empfunden. Die Kirche der katholischen Propsteipfarrei war ja im Krieg zerstört worden, sodass die Katholiken die Paulinerkirche mitnutzten. Beide Konfessionen haben wirklich vorbildlich zusammengearbeitet.

Frage: Wie kam es dazu, dass die Kirche abgerissen werden sollte? Und wie haben Sie davon erfahren?

Krause: Die Kirche war baulich mit dem Hauptgebäude der Leipziger Universität – dem Augusteum – verbunden. Anfang der 60er-Jahre entstand die Idee, im Zentrum Leipzigs der sogenannten "Karl-Marx-Universität" ein modernes, fortschrittliches Aussehen zu verschaffen. Angedeutet wurde das immer wieder in den Zeitungen nach dem Motto: "Dort muss ein geistig-kulturelles Zentrum hin, das Mittelalter hat ausgedient." Es wurde nie explizit erwähnt, aber mir und jedem anderen war vollkommen klar: Wenn das Augusteum weg soll, dann muss auch die bis dahin gut erhaltene und gut genutzte Universitätskirche weg. Sie war ja keineswegs baufällig – so wie andere Kirchen, die in der DDR gesprengt wurden. Den Entscheid hat dann Walter Ulbricht persönlich gegeben. Man wollte sich ganz klar aus ideologischen Gründen der Geschichte und dieses Gotteshauses entledigen. Von der öffentlichen Bekanntgabe des Abrisses im Mai 1968 bis zur Durchführung dauerte es dann nur eine Woche – und die 700 Jahre alte Kirche war binnen drei Tagen verschwunden.

Frage: Dann blieb aber nicht viel Zeit für Ihren Protest…

Krause: Es wurde ja schon eine ganze Weile gemunkelt. Spätestens Anfang 1968 war uns klar, dass da bald was passieren wird. Wir von der Evangelisch-Theologischen Fakultät haben überlegt, was wir machen können. Ich habe mich dann bereit erklärt, einen Brief an den Stadtarchitekten zu schreiben. Darin haben wir um ein öffentliches Gespräch über die Zukunft der Kirche in der Uni gebeten. Über 100 Studenten haben unterzeichnet. Das Entscheidende war dann: Ich habe den Brief persönlich beim 1. Sekretär der Bezirksleitung der SED abgegeben. Das war natürlich für alle, die unterschrieben haben, ein Outing – und für mich besonders. Eine Antwort haben wir natürlich nie bekommen.

Links: Nikolaus Krause zu Studentenzeiten; rechts: als Pfarrer im ökumenischen Seelsorgezentrum des Uniklinikums Dresden.

Frage: Was haben Sie dann gemacht?

Krause: Das, was man einen "friedlichen Protest" nennt: Wir waren ständig auf dem Karl-Marx-Platz – heute Augustusplatz – zugegen und haben dort Mahnwachen abgehalten. Wir wollten gewissermaßen durch unsere Anwesenheit die Kirche schützen. Natürlich streng beobachtet von der Stasi. Wenn man längere Zeit mit mehr als drei Personen zusammenstand, kamen sie und sagten: "Machen Sie keine staatsfeindliche Gruppenbildung." Also verteilte sich das alles auf dem Platz. Trotzdem waren immer etwa 100 bis 150 Protestler gleichzeitig da. Diese Mahnwachen von Studenten und Bürgern der Stadt Leipzig liefen bis zum Tag der Sprengung am 30. Mai 1968. Das war der Himmelfahrtstag, an dem die katholische Pfarrei den letzten Gottesdienst in der alten Paulinerkirche hielt.

Frage: Hat die katholische Seite auch mitprotestiert?

Krause: Natürlich hat auch die katholische Studentengemeinde mitprotestiert. Ich weiß außerdem, dass der damalige katholische Bischof von Meißen, Otto Spülbeck, mehrere große Depeschen an die Volkskammer und an den Volkskammerpräsidenten geschickt hat und sich für den Erhalt der Paulinerkirche eingesetzt hat. Er war zuvor Propst in Leipzig gewesen und hatte dort immer die Messen gehalten. Solche Depeschen hat natürlich auch der evangelische Landesbischof verfasst.

Frage: Genützt hat es nichts, die Kirche wurde gesprengt. Waren Sie Augenzeuge der Sprengung?

Krause: Ja, das war schrecklich. Die Bilder habe ich immer noch vor Augen: Man sah den Turm einbrechen und das große lange Kirchendach in sich zusammenfallen. Innerhalb von drei Tagen war nichts mehr von der Paulinerkirche übrig. Es war ganz schlimm für mich, und bis heute lautet meine Frage an den allmächtigen Gott, wie er zulassen konnte, dass jemand eine solche Kirche sprengt. Die SED-Leute waren doch einfach Idioten. Die haben gewütet wie die Taliban, die gar nicht wissen, was sie da sprengen und was sie damit unwiederbringlich kaputtmachen.

Frage: Und dann wurden Sie unmittelbar nach der Sprengung verhaftet?

Krause: Verhaftet wurde ich erst Mitte September 1968. Früh um sieben holten mich Stasi-Leute aus meiner Studentenbude heraus. "Zwecks Überprüfung eines Sachverhalts", wie es hieß. Ich bin dann gleich ins U-Haft-Gefängnis der Stasi geführt worden, wo ich bis zum Prozessbeginn Anfang Januar 1969 in Einzelhaft saß. Ich durfte nicht telefonieren und keine Briefe schreiben. Meine Eltern haben erst im Dezember erfahren, wo ich überhaupt bin. Der Prozess selbst dauerte dann nur eine halbe Stunde. Für angebliche staatsfeindliche Hetze und staatsfeindlichen Terror wurde ich zu 22 Monaten Haft verurteilt worden, die ich in Leipzig und später in Cottbus absaß. Man hatte mich zum Sündenbock für den ganzen Protest gemacht. Und man wollte ein Exempel an mir statuieren. 1968 waren ja die Zeiten der Studentenunruhen, vor deren Übergreifen auf die DDR sich die SED fürchtete.

Blick auf das neu errichtete "Paulinum" der Universität Leipzig: Das Gebäude ist Aula und Universitätskirche zugleich.

Frage: Wie waren die Haftbedingungen?

Krause: Ganz schlimm. Wir waren da in kleinen Zellen zu 24 Leuten untergebracht. Darin standen Stockbetten, in denen vier Personen übereinanderlagen. Für alle gab es eine Toilette, die offen im Raum stand. Man kann sich vorstellen, wie die Luft in der Zelle war. Hinzu kam ein hartes Regiment. Die Wärter prügelten sofort brutal auf einen ein, wenn man Widerworte gab. Ich habe überhaupt keine Zähne mehr, denn ich war renitent und habe mich für Mitgefangene eingesetzt. Außerdem war das ja nicht getrennt zwischen politisch Gefangenen und Kriminellen. Man bekam es also auch mit Schwerverbrechern zu tun. Auseinandersetzungen waren an der Tagesordnung.

Frage: Wie ging es nach der Haftentlassung für Sie weiter?

Krause: In der Haft ist mir deutlich geworden, dass ich Pfarrer werden will. Während meiner Zeit in Cottbus habe ich mit verschiedenen inhaftierten Theologen gesprochen. Die wollten sich alle in den Westen ausliefern lassen und dort als Seelsorger arbeiten. Ich habe gesagt: Das Reich Gottes macht um die DDR keinen Bogen. Also habe ich an verschiedenen Orten als Pfarrer gearbeitet und war auch als Landesjugendpfarrer und Schülerpfarrer in Sachsen tätig.

Frage: Und inwiefern hatten Sie mit den Plänen zum Neubau der Paulinerkirche zu tun?

Krause: Die Pläne sind eigentlich direkt nach der Wende entstanden. Und zwar parallel zu den Plänen zum Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden. Ludwig Güttler, der sich um die Frauenkirche kümmerte, kannte ich aus Studentenzeiten. Er rief mich an und sagte: "Niko, ich baue die Frauenkirche wieder auf, du die Leipziger Uni-Kirche." Ich war aber noch viel zu betroffen von meinen Erlebnissen, sodass ich das einfach nicht in die Hand nehmen konnte. Und ich habe mich Gott sei Dank daraus gehalten, denn es gab unglaublich viele Kämpfe um den Wiederaufbau. Widerstand kam ja gerade auch von der Uni und den Studenten selbst, die lieber neue Hörsäle statt eine Kirche wollten. Dem starken Engagement des "Paulinervereins" ist es zu verdanken, dass der Wiederaufbau schließlich durchgesetzt wurde.

Frage: Jetzt hat die neue Kirche rein optisch natürlich nicht mehr viel mit der alten gemein...

Krause: Das ist wahr. Aber die Kirche ist für meine Begriffe wunderschön geworden, außen wie innen. Ich bin sogar froh, dass man nicht einfach die alte Kirche kopiert, sondern etwas Neues, Zeitgemäßes geschaffen hat. Sie hat außerdem die gleiche Kubatur wie die ursprüngliche Paulinerkirche, ist also gleich lang, gleich breit, gleich hoch und besitzt drei Schiffe. Zudem ist Inventar aus der alten Kirche, das man vor der Sprengung retten konnte, eingebaut worden. Darunter sticht natürlich besonders der wunderschöne spätgotische Pauliner-Altar hervor, der sich jetzt im Ostchor der neuen Kirche befindet. Es ist also eine schöne Symbiose aus Alt und Neu.

Frage: Im vergangenen Dezember wurde der Neubau dann mit einem großen Gottesdienst eingeweiht. War das für Sie eine Art Schlussstrich?

Krause: Ich bin überglücklich, dass ich miterleben konnte, wie diese Kirche eingeweiht worden ist. Die Geschichte der Universitätskirche ist ja untrennbar mit meiner eigenen Geschichte verbunden. Mit der Einweihung konnte ich nun nach 50 Jahren endlich einen Schlussstrich ziehen. Dass die Paulinerkirche heute wieder steht, ist ein Stück Wiedergutmachung für meine Seele.

Von Tobias Glenz