Fast schon prophetische Worte
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Vor 35 Jahren veröffentlichte Papst Johannes Paul II. die Enzyklika "Laborem Exercens"

Fast schon prophetische Worte

Ob Kapitalismus- oder Flüchtlingskrise oder gerechte Familienpolitik - mit seiner am 14. September 1981 veröffentlichten Enzyklika "Laborem Exercens" legte Johannes Paul II. eine bestechende gesellschaftliche Analyse vor.

Von Felix Neumann |  Bonn - 14.09.2016

Welt- und Kirchengeschichte fielen im Pontifikat Johannes Pauls II. zusammen – schon zu Beginn: Der kalte Krieg, der Systemkonflikt zwischen Ost und West war in vollem Gange, es gärte im kommunistisch regierten Polen.

1979 hatte der frisch gewählte Papst, kurz vorher noch Erzbischof von Krakau, das erste Mal seine polnische Heimat als Papst besucht. Ein Viertel der Polen sah "ihren" Papst, der Besuch wurde zu einer Demonstration für Freiheit und gegen das kommunistische Regime. 1981 kam es zum Gegenbesuch: Johannes Paul II. empfing eine von Lech Walesa geleitete Delegation der oppositionellen Gewerkschaft Solidarnosc im Vatikan. Ebenfalls ins Jahr 1981 fällt ein kirchliches Jubiläum: 90 Jahre zuvor, am 15. Mai 1891, veröffentlichte Leo XIII. die erste Sozialenzyklika "Rerum novarum". In ihr widmete sich der Papst der "sozialen Frage" des 19. Jahrhunderts, der wachsenden Ungerechtigkeit und Spaltung der Gesellschaft.

Der geplante Veröffentlichungstermin am Jahrestag musste verstreichen: Am 13. Mai 1981 fielen Schüsse auf dem Petersplatz, der Papst überlebte knapp das Attentat durch Mehmet Ali Ağca. Die Enzyklika wurde dadurch aber nur verzögert. Am 14. September 1981 war es soweit: "Laborem Exercens", die erste von drei Sozialenzykliken im langem Pontifikat von Johannes Paul II., erschien.

Papst mit Ehepaar Walesa und dem Vater von Lech Walesa, der vor sieben Jahren Polen verlassen hatte und hier seinen Sohn zum ersten Mal wiedersah.
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Am 15. Januar 1981 wurden der Führer der freien polnischen Gewerkschaft "Solidarität" Lech Walesa und die Mitglieder der ihn begleitenden Delegation von Papst Johannes Paul II. in Audienz empfangen.

"Laborem Exercens", benannt nach ihren Anfangsworten ("Durch die Arbeit"), reiht sich ein in die Tradition der Kirche. Anliegen der Soziallehre der Kirche war es durchweg, nicht Partei zu ergreifen, sondern Rahmenbedingungen für eine menschenwürdige und gemeinwohlorienterte Entwicklung der Gesellschaft zu benennen. Der Charakter der Sendung der Kirche, so führte Johannes Paul II. es 1979 vor den lateinamerikanischen Bischöfe aus, sei immer religiös, nicht sozial oder politisch. Dennoch sei es die Aufgabe der Kirche, sich zur Soziallehre zu Wort zu melden. "Die Erwartung einer neuen Erde [darf] die Sorge für die Gestaltung dieser Erde [...] nicht abschwächen, sondern sollte sie im Gegenteil ermutigen", schreibt Johannes Paul II. in "Laborem Exercens".

Im Zentrum steht der Mensch

So entwickelt er auch seine Soziallehre konsequent nicht aus politischen Erwägungen, sondern aus theologischen: Im Zentrum steht immer der Mensch mit seiner Würde. Seine Leitworte für die Sozialenzyklika findet der Papst in der Schöpfungsgeschichte im Buch Genesis: Der Mensch ist Gottes Ebenbild und soll sich die Erde untertan machen – allerdings nicht in Form einer verantwortungslosen Willkürherrschaft, sondern in einer Tätigkeit, die zwar Mühe bereitet, aber dem Schöpferwillen entspricht und dem Menschen gemäß ist: "Die Arbeit ist ein Gut für den Menschen - für sein Menschsein -, weil er durch die Arbeit nicht nur die Natur umwandelt und seinen Bedürfnissen anpaßt, sondern auch sich selbst als Mensch verwirklicht, ja gewissermaßen 'mehr Mensch wird'", heißt es in der Enzyklika.

Arbeit ist für Johannes Paul II. damit nicht nur ein Randthema. Ebenso wendet er sich dagegen, Arbeit bloß ökonomisch als Tauschprodukt zu sehen – er macht die menschliche Arbeit als Kern der Soziallehre der Kirche aus, als "wesentliche[n] Schlüssel in der gesamten sozialen Frage". Von der Würde des Menschen und der menschlichen Arbeit her sei die gesamte soziale Ordnung aus zu denken.

Die Arbeit ist ein Gut für den Menschen - für sein Menschsein -, weil er durch die Arbeit nicht nur die Natur umwandelt und seinen Bedürfnissen anpaßt, sondern auch sich selbst als Mensch verwirklicht, ja gewissermaßen 'mehr Mensch wird'.

Zitat: Papst Johannes Paul II.

Daraus folgt ein zentrales Thema von "Laborem Exercens": Der Vorrang der Arbeit vor dem Kapital. Das bedeutet einerseits eine Abgrenzung von einem reinen individualistischen Kapitalismus, der die gesamte Sozialordnung als ökonomische Tauschbeziehung und freies Spiel der Marktkräfte versteht. Gleichzeitig ist es aber auch eine Abgrenzung von kollektivistischen, von kommunistischen Gesellschaftsvorstellungen: Der einzelne ist zwar auf die Gemeinschaft und das Gemeinwohl hingeordnet. Die Sozialordnung muss sich aber an der unveräußerlichen Würde des einzelnen messen lassen.

Ansprüche gegenüber Arbeitgeber

Dem Grundsatz "Arbeit vor Kapital" folgend, hält "Laborem Exercens" auch die Arbeiterrechte hoch. Ansprüche haben die Arbeiter sowohl gegen den "direkten Arbeitgeber", also etwa das Unternehmen, das den Arbeiter beschäftigt, wie gegen den "indirekten Arbeitgeber": die sozialen und rechtlichen Strukturen, die die Arbeit in einer Gesellschaft regeln. Dazu gehören etwa das Arbeitsrecht, Tarifverträge und nationale und internationale Institutionen, die die Rechte der Arbeitnehmer beeinflussen und gestalten.

Ein Jahr nach Gründung der polnischen oppositionellen Gewerkschaft Solidarnosc überrascht es nicht, dass Johannes Paul II. sich auch stark macht für das Recht, Gewerkschaften zu gründen, und für das Streikrecht der Arbeiter – eine Forderung, die immer wieder in der Soziallehre der Kirche erhoben wird; auch wenn die Kirche als Arbeitgeber davon nicht immer etwas wissen will.

Im Volltext: Laborem Exercens

Die erste Sozialenzyklika von Papst Johannes Paul II. wurde am 14. September 1981 veröffentlicht. Auf den Seiten des Vatikans ist sie im Volltext zu finden.

Zu den Rechten der Arbeiter gehört gemäß "Laborem Exercens" auch gerechte Entlohnung, von der Familien leben können. Insbesondere Mütter sollen nicht von Erwerbsarbeit abhängig werden, um ihre Bestimmung als Mutter erfüllen zu können. Dass auch Väter ihre Würde in Familienarbeit und Mütter in Erwerbsarbeit verwirklichen können, spielt für Johannes Paul II. eine untergeordnete Rolle.

Andere Aspekte wirken aus heutiger Perspektive fast schon prophetisch: Was heute unter dem Stichwort Inklusion verhandelt wird, dass Menschen mit Behinderungen nicht von der Arbeit ausgeschlossen werden sollen, folgt in "Laborem Exercens" logisch aus dem zentralen Stellenwert der Arbeit: "Da der Behinderte ein personales Subjekt mit all seinen Rechten ist, muß ihm die Teilnahme am Leben der Gesellschaft in allen Dimensionen und auf allen Ebenen, die seinen Fähigkeiten zugänglich sind, ermöglicht werden. Der Behinderte ist einer von uns und teilt voll und ganz unsere Menschennatur."

Recht auf Migration ist Menschenrecht

Auch in Bezug auf Arbeitsmigration ist "Laborem Exercens" heute, wo oft zwischen "guten" Flüchtlingen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, und "schlechten" Wirtschaftsflüchtlingen unterschieden wird, so aktuell wie 1981. Wie schon für andere Päpste vor ihm, etwa Johannes XXIII. in "Pacem in Terris", bezeichnet Johannes Paul II. das Recht auf Migration als Menschenrecht: "Das Wichtigste ist, dass der Mensch im Bereich der Arbeitnehmerrechte gegenüber den anderen Arbeitern aus dem Gastland selbst nicht benachteiligt wird. Es darf die Notlage, in der sich ein Emigrant befindet, nicht ausgenützt werden."

Der Mensch hat das Recht, seine Heimat aus verschiedenen Gründen zu verlassen und in einem anderen Land bessere Lebensbedingungen zu suchen.

Zitat: Papst Johannes Paul II.

35 Jahre nach Veröffentlichung findet "Laborem Exercens" immer noch Wiederhall in den katholischen Sozialverbänden. Für den Geschäftsführer der Katholischen Arbeitnehmerbewegung Deutschlands, Michael Schäfers, ist "Laborem Exercens" "bis heute die Magna Charta für alle Bewegungen, die sich für eine gerechte Wirtschaft einsetzen, in der der Mensch im Mittelpunkt steht". Wie keine andere Sozialenzyklika habe sie "die Rechte der arbeitenden Menschen eingefordert", und angesichts von Freihandelsabkommen wie Ceta und TTIP seien "soziale Bewegungen, Gewerkschaften und kirchliche Sozialverbände wichtiger denn je, damit die arbeitenden Menschen nicht unter die Räder einer Wirtschaft geraten, die Papst Franzikus als eine bezeichnet hat, die tötet."

Auch im Bund Katholischer Unternehmer (BKU) genießen Johannes Paul II. und seine Fortentwicklung der Soziallehre noch heute großen Respekt. Bei Umfragen unter den Mitgliedern nach den wichtigsten Erfolgsfaktoren würden die katholischen Unternehmer regelmäßig ihre Mitarbeiter nennen, sagt Martin Wilde, Geschäftsführer des BKU. Mitarbeiterzufriedenheit hat für die christlichen Unternehmer einen hohen Stellenwert: "Es geht christlichen Unternehmern nicht nur darum, dass die Arbeitsbedingungen in den Betrieben die Würde jedes Menschen respektieren, sondern auch darum, diese Würde zu fördern und die schöpferischen Kräfte der Mitarbeiter frei zu setzen."

Eine Wirtschaft, die nicht tötet

Franziskus gilt als harscher Kapitalismus-Kritiker. Die Soziale Markwirtschaft würdigte er zunächst nicht. Doch das hat sich geändert. Inzwischen lobt sein Kardinal für soziale Fragen sogar das deutsche Modell.

Dabei ist "Laborem Exercens" aber auch ein Kind seiner Zeit. Veränderungen, die heute etwa durch die Digitalisierung und die Globalisierung die Arbeitswelt prägen, konnte Johannes Paul II. nicht vorhersehen. Eva Maria Welskop-Deffaa, Mitglied im Bundesvorstand der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, sieht heute dennoch bestätigt, was Johannes Paul II. in der Einleitung von "Laborem Exercens" beschrieb: Wir stehen am "Vorabend neuer Entwicklungen in den Bereichen der Technologie, der Wirtschaft und der Politik, die nach dem Urteil vieler Fachleute [...] ebenso starke Auswirkungen haben werden wie die Industrielle Revolution des vorigen Jahrhunderts." Der Anteil am Erwerbseinkommen, der in abhängigen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen erworben wird, sinke; im Nebeneinander abhängiger Beschäftigung und selbstständiger Tätigkeit entstünden immer häufiger "hybride“ Erwerbsverläufe. "Die Aufgabe, für diese neue Arbeitswelt passende Rahmenbedingungen zu schaffen, ist unübersehbar groß", betont Welskop-Deffaa.

Teilnahme an Christi Werk

In jedem Fall aktuell bleiben die Elemente einer Spiritualität der Arbeit, mit der Johannes Paul II. seine Enzyklika schließt: Jesus selbst war Arbeiter, ein Zimmermann – er versteht die Welt der Arbeit, und in der Arbeit zeigt sich für den Papst eine Möglichkeit der Nachfolge: "Schweiß und Mühsal, welche die Arbeit [...] mit sich bringt, bieten dem Christen und jedem Menschen, der zur Nachfolge Christi berufen ist, die Möglichkeit zur liebenden Teilnahme an jenem Werk, für das Christus gekommen ist."

Von Felix Neumann

Stichwort: Sozialenzyklika

Sozialenzyklika ist die Bezeichnung für ein päpstliches Schreiben zu sozialen Fragen. Wie zur Glaubens- und Sittenlehre, so äußert sich das päpstliche Lehramt auch zur Soziallehre. Es tut dies unter anderem in Form der Enzyklika, zu deutsch "Rundschreiben". Die erste Sozialenzyklika "Rerum novarum" wurde am 15. Mai 1891 von Papst Leo XIII. vorgelegt. Sie ist, wie bei Enzykliken üblich, nach den Anfangsworten des in der Regel lateinischen Originaltextes benannt. Die Kirche äußerte sich in ihrer Lehrverkündigung immer schon über das rechte Verhalten in der Gesellschaft. In der Neuzeit forderten eine immer stärker werdende Verflechtung des Menschen in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft und die vielfältigen Einrichtungen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens die Kirche heraus, eingehender Stellung zu nehmen. Als erste bedeutende Stellungnahme dieser Art gilt "Rerum novarum". Darin wird dem Klassenkampf eine Absage erteilt, zugleich aber Lohngerechtigkeit verlangt, den Arbeitern das Recht zugestanden, sich zum Zweck einer Durchsetzung ihrer Interessen zu organisieren, und der Staat aufgefordert, den Arbeiter zu schützen. Weitere Sozialenzykliken sind "Quadragesimo anno" (1931) von Papst Pius XI., das von Johannes XXIII. vorgelegte Schreiben "Mater et magistra" (1961), "Populorum progressio" (1967) von Papst Paul VI. und von Johannes Paul II. "Laborem exercens" (1981), "Sollicitudo rei socialis" (1988) und "Centesimus annus" (1991). Während der Begriff des Gemeinwohls zunächst auf den einzelnen Staat angewandt wurde, wird er in "Mater et magistra" auf die ganze Menschheit bezogen. Vor allem in "Populorum progressio" wird dann ein gerechter Ausgleich zwischen entwickelten und unterentwickelten Ländern verlangt. (KNA)