Eine Dorfkirche steht im Novemberregen.
Was die kirchliche Jahresstatistik verrät und was nicht

Getrübter Blick auf die Kirche in Deutschland

Mitten im Sommer veröffentlichen die Kirchen jedes Jahr ihre Statistiken. Und fast jedes Jahr folgen darauf Negativschlagzeilen. Dabei ist die Lage manchmal doch anders, als es die Zahlen vermuten lassen.

Von Kilian Martin |  Bonn - 21.07.2018

"Einem Wunder gleich" käme ein Anstieg der Mitgliederzahlen bei Deutschlands Kirchen, erklärte der Religionssoziologe Detlef Pollack noch kurz vor deren Veröffentlichung am Freitag. Das Wunder blieb aus: Katholische Bistümer und Evangelische Landeskirchen verzeichneten zuletzt insgesamt etwa 700.000 Mitglieder weniger als noch im Vorjahr. Wie gewohnt hatten die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) ihre Statistiken parallel in Hannover und Bonn vorgelegt.

Auch Pollack wird nun jedoch zugeben müssen, dass es zu seiner Vorhersage keiner Professur an der Universität Münster und auch ansonsten keine vertiefte Expertise der empirischen Religionswissenschaften bedarf. Der beständige Rückgang von Gläubigen in der Kirche ist so sicher wie das trotzige Amen derjenigen, die bleiben.

Mangelnder Glaube ist selten Hauptgrund für Austritt

Wundersam ist indes, mit welchen Bedeutungen die kirchlichen Statistiken zuweilen beladen werden. Die Summe der Kirchenaustritte etwa gilt gemeinhin als ultimative Maßzahl des Niedergangs des Christentums in Westeuropa. Dabei ist sie in erster Linie Ausdruck der wachsenden inneren Distanz vieler Gläubiger zu ihrer Kirche, nicht etwa der völligen Abkehr vom christlichen Glauben. Wer seinen Austritt aus der Kirche erklärt, bleibt schließlich getaufter Christ. Die Austrittsstudie in Essen im vergangenen Jahr zeigte, dass fehlender Glaube in der Regel nicht der Grund für den Kirchenaustritt war. Häufig wurde die Kirchensteuer als Stein des Anstoßes genannt, meist jedoch die Entfremdung von lehramtlichen und ethischen Positionen.

Der behördliche Kirchenaustritt in seiner deutschen Form ist einzigartig und kann insofern auch als Vorteil begriffen werden: In ganz Europa entfernt sich die Kirche von großen Teilen der Gläubigen; in Deutschland wissen die Verantwortlichen immerhin, bei wie vielen von ihnen die Distanz bereits größer als der Finanzierungswille geworden ist.

Zwei betende Hände

Studien zeigen: Mangelnder Glaube ist in der Regel nicht der entscheidende Grund für den Kirchenaustritt.

Der Statistik lässt sich allerdings auch ein tatsächliches Schrumpfen der Gläubigenzahl ablesen. Seit Jahren übersteigt die Zahl der Beerdigungen jene der Taufen um mehr als ein Drittel. Zuletzt standen gut 244.000 Bestattungen weniger als 170.000 Taufen gegenüber. Gleichzeitig gehen vor allem die Erstkommunionfeiern und Firmungen dramatisch zurück. Unterm Strich werden schlicht immer weniger Menschen überhaupt erst aktive Glieder der Kirche. Für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist daran "vor allem der demografische Wandel" Schuld, erklärte sie in ihrer Mitteilung.

Die Sicht der EKD ist augenscheinlich einfach, für manche Experten aber zu einfache. "Die Selbstbezeichnung als religiöser Mensch ist seit Jahrzehnten im leichten Sinkflug", erklärte etwa der katholische Publizist Andreas Püttmann gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Für ihn spielen demografische Gründe daher auch nur eine untergeordnete Rolle beim Rückgang der Gläubigenzahl. Viel schwerer wiege das Problem der mangelnden Glaubensweitergabe, so Püttmann. "Wir sehen deshalb jetzt erdrutschartige Abbrüche in der jungen Generation." Die Zahl der Erstkommunionkinder lag zuletzt um 20 Prozent niedriger als noch im Jahr 2010, die Zahl der Firmungen sogar um ein Viertel. Pollack dazu: "Die Jugend wird so wenig im Glauben erzogen, wie das in Deutschland in den letzten Jahrzehnten nie der Fall war."

Rückgang ist größer als Austrittszahlen

Unterm Strich sinkt die Zahl der Gläubigen daher sogar stärker als es die Austrittssumme vermuten lässt. Beachtet man daneben auch die Sterblichkeit sowie die unterschiedlichen Formen des Zuwachses steht für das Jahr 2017 ein Minus von 270.000 bei der katholischen Kirche in Deutschland. Bei der EKD sind es sogar 386.000 Gläubige weniger. Mindestens so groß wie das Problem der wachsenden Distanz vieler erwachsener Gläubiger ist für die Kirche daher die Herausforderung, junge Menschen überhaupt wieder an die Kirche zu binden.

Rein statistisch gesehen ist sie dabei sogar tendenziell erfolgreicher. Regelmäßig übersteigt die Zahl der Taufen immerhin jene der Austritte. Im Jahr 2017 lag diese zwar nur wenig, aber um immerhin 1,3 Prozent niedriger. Und während die Austritte starken Schwankungen vor allem infolge öffentlich gewordener Skandale im kirchlichen Bereich unterworfen ist, trifft das auf die Taufen nicht zu. Wer sein Kind in der Kirche aufwachsen sehen will, sorgt auch dafür.

Linktipp: Zahl der Kirchenaustritte wieder leicht gestiegen

Die Deutsche Bischofskonferenz hat ihre Jahresstatistik für 2017 veröffentlicht. Und diese enthält eine betrübliche Nachricht: Die Zahl der Kirchenaustritte ist wieder gestiegen. In anderen Bereichen des kirchlichen Lebens gab es dafür durchaus erfreuliche Entwicklungen.

Dennoch bleiben die jüngeren Generationen in der Kirche deutlich unterdurchschnittlich vertreten. Den nackten Zahlen der kirchlichen Statistik lässt sich das allerdings kaum ablesen und um die Gründe dafür zu ermitteln, braucht es erst recht ergänzende Studien. Diese zeigen etwa, dass selbst junge Gläubige mit Kontakt zur Kirche eine weniger starke Bindung an diese haben. Hier wiederum spielen neben demografischen vor allem gesellschaftliche Effekte eine Rolle. Der Humangeograph Johannes Mahne-Bieder hat zum Beispiel nachgewiesen, dass das persönliche Lebensumfeld einen erheblichen Einfluss auf die Kirchenbindung hat. Ein Umstand, der aus der Statistik weder abzulesen noch überhaupt in ihr angedeutet ist.

Noch eine weitere Zahl der Statistik, die Jahr für Jahr mit großem Interesse erwartet wird, verdient eine vertiefte Betrachtung: die der Gottesdienstteilnehmer. Im Jahr 2017 hatte sie für die katholische Kirche mit durchschnittlich 9,8 Prozent der Gläubigen einen neuen Tiefststand erreicht. In der Evangelischen Kirche waren es zuletzt sogar nur noch gut 3,5 Prozent.

Studie: Mehr als ein Drittel geht regelmäßig in die Kirche

Doch schon zur Vorstellung der Zahlen hatte DBK-Sekretär Pater Hans Langendörfer auf ein Problem bei der Erhebung dieser Zahlen hingewiesen. Die deutschen Diözesen führen jährlich zwei sogenannte "Zählsonntage" durch, an denen schlicht die Zahl der Teilnehmer aller Gottesdienste erfasst wird. Laut Langendörfer ermittle dieses Vorgehen "nicht die Gläubigen, die zwar nicht jeden Sonntag, wohl aber häufiger oder ab und zu kommen und so ebenfalls praktizierende Gläubige sind".

Mahne-Bieder hatte in seiner Studie genau das getan. Laut seinen Ergebnissen nehmen 39 Prozent der Katholiken regelmäßig am Gottesdienst teil, wenn auch nicht jede Woche. Sie sind auch ansonsten mehr oder weniger eng mit der Kirche verbunden, was sich aber nicht immer zwangsläufig in erfassbaren Zahlen ausdrücken muss. So trüben die offiziellen Statistiken der Kirchen zuweilen ihr eigenes Bild.  Schließlich mobilisieren die beiden großen Kirchen in Deutschland nach wie vor mehr Mitglieder als jede andere Organisation. Und das auch unter jungen Menschen: Allein 50.000 von ihnen wollen Ende Juli zur Internationelen Ministrantenwallfahrt nach Rom reisen.

Von Kilian Martin