Eine Frau verlässt die Kreuzkirche in Bonn.
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Eine Analyse zur Kirchenstatistik

Kirchenaustritte 2018: Der letzte Warnschuss

NOCH mehr Menschen verließen die katholische Kirche nur während des Skandals um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst: Die neuen Austrittszahlen sind ein Desaster. Was tun? Die Bischöfe müssen endlich ihr Krisenmanagement verbessern – und zwar unverzüglich, kommentiert Gabriele Höfling.

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 19.07.2019

Die Zahlen sind desaströs: 216.078 Menschen sind im Jahr 2018 aus der katholischen Kirche in Deutschland ausgetreten, das ist eine Zunahme von knapp 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr (167.504). Überhaupt nur einmal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben innerhalb eines Jahres noch mehr Menschen die Kirche verlassen: Das war 2014, auf dem Höhepunkt des Skandals um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst (217.716).

Erst der Anfang

Wie damals, so gibt es auch jetzt eine nahe liegende Erklärung. Diesmal ist es die sogenannte MHG-Studie vom vergangenen Herbst über sexuellen Missbrauch, die die Kirche in eine tiefe Krise gestürzt hat. Da die Studie erst im letzten Viertel des Jahres 2018 veröffentlicht wurde, steht sogar zu befürchten, dass die jetzt veröffentlichten Zahlen erst der Anfang sind. 2019 könnte es noch einmal deutlich mehr Austritte geben. 

Doch die Katastrophe ist hausgemacht. Die Bischofskonferenz hat bei ihrem Krisenmanagement bisher höchst unglücklich agiert. Auf den existentiellen Vertrauensverlust durch den Missbrauchsskandal gibt es bisher noch keine befriedigende Antwort.

Linktipp: Zahl der Kirchenaustritte dramatisch angestiegen

Die Deutsche Bischofskonferenz hat die Zahlen ihrer jährlichen Statistik veröffentlicht. Die alarmierende Nachricht: 2018 verließen mehr als 200.000 Gläubige die Kirche. Es war das Jahr mit den zweitmeisten Kirchenaustritten seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Die Worte, mit denen Pater Hans Langendörfer, der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, heute die Ausstiegszahlen kommentierte, klingen einsichtig. "Besorgniserregend" sei die Statistik, es sei "Glaubwürdigkeit verspielt worden", nun gehe es darum, den Menschen wieder eine "Perspektive aus dem Glauben" zu vermitteln. Doch solche Worte hat man von Seiten der Bischöfe seit dem ersten Aufflammen des Missbrauchsskandals 2010 schon viele gehört. Wirklich geändert hat sich kaum etwas.

Besonders bei der Aufarbeitung der MHG-Studie ist bisher viel schief gelaufen. Viel zu zögerlich gehen die Bischöfe vor. Schon bei der Vollversammlung im vergangenen Herbst schafften sie es erst in letzter Minute, einen wagen Sieben-Punkte-Plan vorzustellen, ein halbes Jahr später war es genauso beim Beschluss für den "synodalen Weg".

In der Krise mit einer Stimme sprechen

Der soll nun die zentrale Antwort auf die Kirchenkrise werden und auf die Themen Macht, Sexualmoral und Geschlechtergerechtigkeit eingehen. Doch Bischöfe und ZdK müssen aufpassen, dass der "synodale Weg" sich ausreichend vom Gesprächsprozess der Jahre 2011 bis 2015 abhebt. Das nicht enden wollende Dialogforum, das am Ende ohne Wirkung blieb, haben viele in schlechter Erinnerung. Diesmal müssen wirklich verbindliche Beschlüsse gefasst werden, die nicht von einigen wenigen torpediert werden können. Hoffnung dazu geben jüngste Äußerungen von Kardinal Reinhard Marx und Zdk-Präsident Thomas Sternberg, der Weg solle "konkrete Ergebnisse" liefern. Somit ist zu erwarten, dass ein Großteil der deutschen Bischöfe die Beschlüsse auch umsetzt.

Hilfreich wäre es zudem, wenn die Bischöfe es endlich schafften, in der Krise mit einer Stimme zu sprechen. Aktuell sind sie sich noch nicht ganz im Klaren darüber, wie sie der Krise gemeinsam begegnen wollen. Das offenbarte sich schon beim Kommunionstreit im vergangenen Jahr und setzt sich jetzt fort, wenn einzelne Oberhirten den gerade beschlossenen "synodalen Weg" als "Etikettenschwindel" brandmarken.

Initiative "Maria 2.0"

Frauen halten ein Plakat, das die Muttergottes mit zugeklebtem Mund zeigt, bei einer Mahnwache der Initiative "Maria 2.0" am 12. Mai 2019 vor dem Dom in Münster.

Wie wenig überzeugend die Antwort der Kirchenspitze auf die Kirchenkrise bisher insgesamt wirkt, zeigt sich auch an der immer stärkeren innerkirchlichen Kritik: Theologieprofessoren machen deutlich, dass die Öffnung des Zölibats und auch eine Weihe für Frauen aus ihrer Sicht durchaus möglich wären. Und seit Jahrzehnten engagierte Frauen formieren sich zum Kirchenstreik "Maria 2.0". Anfang diese Woche sagte der Entertainer und Katholik Harald Schmidt in einem Zeitungsinterview, die Kirche zerlege sich derzeit sehr solide selbst. Mit seiner Analyse, dass auch die "in der Wolle gefärbten Katholiken" sich mittlerweile abwendeten, traf er wohl ins Schwarze.

Es bleibt nichts anderes übrig als zu hoffen, dass die Bischöfe den Warnschuss dieses Mal endlich gehört haben: Sie müssen jetzt die Zügel in die Hand nehmen und schnell und sichtbar etwas ändern – sei es beim Zölibat oder bei der Rolle der Frauen.

Eine echte Chance

Doch allein werden sie es nicht schaffen. Sie brauchen die Hilfe derjenigen, die näher an den Menschen dran sind. Einen Lichtblick gibt es in diesem Zusammenhang in der kirchlichen Statistik: Die Zahl der Diakone, Gemeinde- und Pastoralreferenten bleibt stabil oder steigt sogar leicht an. Genau sie – ebenso wie überzeugte "einfache Gläubige" - sind es, die in direktem Kontakt bei Zweifelnden neues Vertrauen wecken können. Sei es in der Gemeindearbeit, der Kategorial-Seelsorge oder in neuen Kirchorten. Das ist eine echte Chance – und vielleicht eine noch größere als der "synodaler Weg".

Von Gabriele Höfling