Der Jesuitenpater Klaus Mertes ist heute Direktor des Jesuitenkollegs St. Blasien.
Bild: © dpa/Marc Tirl
Jesuit warnt vor Überhöhung von Seelsorgern

Mertes: Priester sind nicht die "Stimme Gottes"

Wenn sich Priester selbst als "Stimme Gottes" verstünden und in Glaubensfragen blinden Gehorsam forderten, sei das nichts weiter als geistlicher Missbrauch: Der Jesuit Klaus Mertes fordert ein Ende der Überhöhung von Seelsorgern.

Freiburg - 07.02.2019

Der Jesuit Klaus Mertes hat sich gegen eine Überhöhung von Priestern und Seelsorgern gewandt. Es sei "geistlicher Missbrauch", wenn sich Seelsorger selbst als "Stimme Gottes" verstünden und in Glaubensfragen blinden Gehorsam einforderten, sagte Mertes am Mittwochabend in der Universität Freiburg. "Wer nach Gott fragt, ringt mit existenziellen Fragen. Und wenn diese Suche missbraucht wird, kann das für die Betroffenen schlimmste Folgen haben." Amtsträger in der katholischen Kirche müssten sich zuerst als "Hörende" verstehen und nicht als Autoritäten.

Mertes sprach sich dafür aus, die aktuelle Debatte über Missbrauch in der Kirche sehr weit zu fassen und das Thema geistlichen Missbrauch anzugehen.

Auch die Theologin und Buchautorin Doris Reisinger (geb. Wagner) forderte eine breite Debatte über den Missbrauch von Macht innerhalb kirchlicher Gemeinschaften. "Eine gute seelsorgliche Begleitung muss Personen beim Entwickeln ihrer eigenen Spiritualität helfen, und niemals über sie bestimmen." Reisinger, die in einer geistlichen Gemeinschaft Opfer sexualisierter Gewalt wurde, betonte, fast immer stehe hinter sexuellem Missbrauch im kirchlichen Raum auch geistlicher Missbrauch.

Einseitiger Gehorsam in Glaubensfragen

Der Freiburger Theologe Magnus Striet erklärte, viele Theologen hätten seit langem das Recht auf Selbstbestimmung jedes einzelnen Gläubigen zum Zentrum ihres Denkens gemacht. "Aber das hat die Amtskirche zu lange nicht aufgegriffen und stattdessen einseitigen Gehorsam in Glaubensfragen gefordert", kritisierte er. Derzeit sei "endlich" ein Umdenken zu erkennen. "Aber wir müssen auch ehrlich bekennen, wenn dies früher geschehen wäre, hätten viele Fälle von Missbrauch im kirchlichen Raum verhindert werden können."

Zu dem von Universität und Katholischer Akademie Freiburg organisierten Podiumsgespräch kamen mehr als 500 Zuhörer. Mertes ist Unterzeichner eines vor wenigen Tagen veröffentlichten Briefs prominenter Katholiken, die mit Blick auf die Missbrauchskrise tiefgreifende Reformen verlangen. So fordern die Unterzeichner kirchliche Gewaltenteilung, die Priesterweihe von Frauen und die Lockerung des Ehelosigkeitsgebots für Priester. Kritisiert wird auch die katholische Sexualmoral. Der Forderungskatalog rief Kritiker und Unterstützer auf den Plan. Während Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der Freiburger Dogmatikprofessor Helmut Hoping und das Forum Deutscher Katholiken ihre kritik übten, schlossen sich den Forderungen Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), das Präsidium der Diözesanversammlung des Bistums Limburg und die Reform-Gruppe "Wir sind Kirche" an.

Mertes hatte im Jahr 2010 als damaliger Leiter des Berliner Canisius-Kollegs Fälle von Missbrauch an der Schule öffentlich gemacht. Dies bildete den Auftakt der bis heute anhaltenden Debatte um Missbrauch im kirchlichen Raum. Derzeit leitet Mertes die Jesuitenschule in Sankt Blasien. (tmg/KNA)