Missbrauchsprävention bleibt ein Flickenteppich
Vorkehrungen gegen Übergriffe in den deutschen Bistümern

Missbrauchsprävention bleibt ein Flickenteppich

Seit Jahren beschäftigen sich die deutschen Bistümer mit der Frage, wie sexueller Missbrauch verhindert werden kann. Konzepte und Mechanismen wurden entwickelt. Neben nachweisbaren Erfolgen gibt es noch so einige Baustellen.

Von Christoph Paul Hartmann |  Bonn - 22.02.2019

Seit Donnerstag tagen die Bischöfe aus aller Welt in Rom, um über die Themen Missbrauch und Kinderschutz zu Beraten. Diese Themen beschäftigen die deutschen Bistümer vor allem seit dem Jahr 2010, als zahlreiche Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg öffentlich wurden. Zuletzt veranschaulichten die Ergebnisse der sogenannten MHG-Studie, laut der es in Akten zwischen 1946 und 2014 mindestens 3677 Opfer sexuellen Missbrauchs durch Geistliche und 1670 Beschuldigte gab, im September 2018 die Dimensionen des Problems. In Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz verpflichteten sich 2013 alle Bistümer, Prävention zu betreiben.

In der Praxis sieht das heute so aus: Wer zum Beispiel im Erzbistum Köln mit Kindern zu tun hat, wird abhängig von der Intensität des Kontakts geschult: Eltern, die einmal im Jahr eine Sternsingergruppe begleiten, bekommen nur eine mündliche Unterweisung von etwa einer halbe Stunde. Dagegen müssen Pfarrsekretärinnen oder Putzkräfte, die hin und wieder mit Minderjährigen zu tun haben, einen halben Tag zu einer Schulung. Die größte Gruppe geht zu einem Tageskurs, dazu gehören etwa Erzieher, Lehrer oder Jugendleiter. Für Geistliche, Gemeinde- und Pastoralreferenten sowie Menschen in Leitungsfunktionen geht dieser Kurs zwei Tage. Dabei werden die einzelnen Berufsgruppen separat geschult, um den Lehrgang auf sie zuzuschneiden.  

Inhaltlich geht es in allen Schulungen zum einen darum, nicht selbst zum Täter zu werden. Dazu gehört, für körperliche Nähe sensibel zu sein: Soll man ein von der Rutsche gefallenes Kind in den Arm nehmen? Eine pauschale Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Viel mehr hängt es von den jeweiligen Signalen des Kindes ab, vermitteln die Präventionsexperten. Neben solchen grundlegenden Kenntnissen setzen sich die Kursteilnehmer mit rechtlichen Bestimmungen, der psychischen Entwicklung und Bedürfnissen von Kindern sowie Missbrauchssymptomen auseinander. Zum anderen sind Kommunikationswege ein Thema, wenn Mitarbeiter im Alltag Hinweise auf Grenzverletzungen bekommen, beispielsweise durch Beobachtung oder weil Kinder davon erzählen. Als Ansprechpartner fungieren Kollegen, die Einrichtungsleitung und speziell geschulte Fachkräfte.

Individuelle Schutzkonzepte

Diese Präventionsfachkräfte arbeiten in jeder Einrichtung daran mit, ein individuelles Schutzkonzept aufzusetzen. Darin werden ein Verhaltenskodex und Verfahrenswege festgeschrieben. Außerdem enthält es die Vorgabe, dass jeder Mitarbeiter zu einer Schulung gehen und ein erweitertes Führungszeugnis einreichen muss. Dadurch soll ein "Handbuch zur Prävention" mit Checklisten und Prozessbeschreibungen entstehen, das immer aufgeschlagen werden kann, wenn etwa eine Neueinstellung oder ein neuer Jahrgang Kommunionkinder ansteht.

Landkarte mit den 27 Bistümern Deutschlands

Die Regelungen sind in den 27 Bistümern oft recht unterschiedlich.

Allerdings darf jede Diözese selbst bestimmen, wie sie Prävention auf ihrem Gebiet umsetzt. Das führt zu sehr unterschiedlichen Regelungen, etwa, in welchem Umfang Priester geschult werden. Für den Mannheimer Psychiater Harald Dreßing, der die MHG-Studie federführend betreut hat, ist das ein Hauptkritikpunkt: "Wesentlicher Anlass für die Einführung von Präventionsprogrammen in der katholischen Kirche war ja, dass geweihte Priester Kinder missbraucht haben und Priester das vertuscht haben. Die Präventionsarbeit müsste sich deshalb viel stärker an die Gruppe der Kleriker wenden", sagt er im Gespräch mit katholisch.de. Dazu gehöre, die Themen Sexualität und Prävention in der Priesterausbildung und während der späteren Tätigkeit als Priester immer wieder konsequent anzusprechen. Auch hier unterscheiden sich die Bistümer im Umfang der Maßnahmen.

Allerdings leisten Priester laut der MHG-Studie erheblichen Widerstand gegen Missbrauchsvorsorge. Die Forscher fanden in einer Umfrage unter den Präventionsbeauftragten der Bistümer heraus, dass Präventionsarbeit "aus einer klerikalen Machthaltung und einem klerikalen Amtsverständnis heraus teilweise behindert wird". Grund ist demnach die Angst vor einem Generalverdacht gegen Priester. Manuela Röttgen sieht diese Haltung zumindest für ihre Diözese dagegen nur bei einem kleinen Teil der Geistlichen, "das Gros hat den Schutzauftrag verstanden". Sie gibt aber zu, dass das etwas gedauert habe.

Zölibat und Klerikalismus bleiben Probleme

Strukturen für Missbrauch gebe es aber immer noch, sagt Dreßing und verweist etwa auf das Machtgefälle in einer Pfarrei, einem Ort, an dem es häufig zu Übergriffen von Klerikern kam. Er beklagt, dass manche Pfarrer sich in ihrem Selbstverständnis hierarchisch noch immer weit über den Laien sehen würden. Das lade dazu ein, "klerikale Macht zu missbrauchen". Dazu komme der Zölibat, ein problematischer Umgang mit Homosexualität und die Sexualmoral der Kirche. Es bestehe die Gefahr, dass diese strukturellen Faktoren in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und ihrer Sexualität unreife Menschen in den Priesterberuf ziehen und damit Missbrauch auch weiterhin ermöglichen. "Ein falsch verstandener Umgang mit dem Zölibat ist ein Angebot, sich mit der eigenen Sexualität nicht auseinandersetzen zu müssen", bilanziert er. Doch am sakramentalen Verständnis des Priesterberufs und den Machtunterschieden in Pfarreien wird sich so schnell nichts ändern, das wissen Forscher wie die Praktiker vor Ort. Präventionsbeauftragte wie Manuela Röttgen haben sich damit arrangiert und setzen darauf, dass etwa Schutzkonzepte konsequent umgesetzt werden.

Harald Dreßing beklagt, dass manche Pfarrer sich in ihrem Selbstverständnis hierarchisch noch immer weit über den Laien sehen würden.

Doch auch ob die von den Bistümern entwickelten Präventionsmaßnahmen wirklich funktionieren, ist in vielen Fällen unklar – denn es fehlt oft eine Evaluation. Laut der MHG-Studie werten nur 15 Bistümer ihre Präventionsarbeit überhaupt aus, oft jedoch nur durch Befragungen von Kursteilnehmern. Die tatsächliche Effizienz der Maßnahmen untersuchten demnach nur vier Diözesen. Diese Art der Evaluation schiebt auch das Erzbistum Köln gerade erst an, bisher war man dort vor allem mit dem Abfassen von Schutzkonzepten und dem Aufbau eines Präventionsapparates beschäftigt. In einem nächsten Schritt soll es eine wissenschaftliche Bewertung geben. Außerdem sollen Schutzkonzepte alle fünf Jahre überprüft und gegebenenfalls überarbeitet werden und Mitarbeiter immer wieder Auffrischungskurse besuchen.

Der Beichtstuhl als Tatort

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, fordert von der Kirche, Erkenntnisse der MHG-Studie auch stärker in die Präventionsarbeit einzubinden. So sei etwa der Beichtstuhl ein Ort von Taten und Tatanbahnungen gewesen, sagt er katholisch.de. "Insgesamt müssen Minderjährige in der Kirche Strukturen vorfinden, die Möglichkeiten für sexuelle Übergriffe reduzieren. Sie brauchen außerdem  Beschwerdemöglichkeiten und Hilfeangebote, wenn sie sexuelle Übergriffe erleiden." Rörig würdigt zwar die Präventionsbemühungen vieler Bistümer, bedauert aber, dass es keine einheitlichen Standards mit Blick auf die Präventionsbeauftragten und den  Fortbildungsumfang gibt. Beides werde sehr unterschiedlich gehandhabt und hänge von den einzelnen Bischöfen oder Pfarrern vor Ort ab.  Wichtig sei, dass nicht nur die Mitarbeitenden in kirchlichen Kitas oder Schulen fortgebildet werden, sondern auch die Geistlichen selbst Fortbildungen zum Thema sexuelle Gewalt und zu Schutz- und Hilfekonzepten durchlaufen.

In Nordrhein-Westfalen haben sich die fünf Bistümer schon auf gemeinsame Leitlinien geeinigt. Das hat vor allem praktische Gründe: Für Einrichtungen, die bistumsübergreifend arbeiten, sind alle Mitarbeiter auf dem gleichen Stand. Solche Regionalgruppen haben sich mittlerweile überall in Deutschland gebildet. Manuela Röttgen sieht die Bistümer deshalb auf einem guten Weg: "Es ist noch nicht alles perfekt, aber wir habeneinen guten Boden bereitet."

Generell stellen Forscher wie Praktiker der Kirche ein gutes Zeugnis aus: Denn allein, dass es eine Studie zum Missbrauch überhaupt gibt, ist für eine Organisation dieser Größenordnung in Deutschland einzigartig. Ähnliches gilt auch für die flächendeckende Erarbeitung von Präventionsmaßnahmen. Missbrauch bleibt aber ein Problem, das nicht abgeschlossen ist: Laut MHG-Studie ist die Zahl der Missbrauchsfälle über die Zeit hinweg in absoluten Zahlen zwar gesunken, diese Kurve verläuft aber parallel mit dem Rückgang der Priesterzahl.

Von Christoph Paul Hartmann