Ein Kind war getauft.
Brauch war lange Zeit beliebter als der Geburtstag

Der Namenstag: Eine katholische Tradition

Den Namenstag zu feiern, war über Jahrhunderte ein gut gepflegter Brauch. Doch in den letzten Jahrzehnten geriet die Tradition selbst unter manchen Katholiken ins Abseits. Gibt es Gründe für ein Comeback?

Von Tobias Glenz |  Bonn - 15.05.2017

"Wann feierst du eigentlich Namenstag?" Wer heute diese Frage stellt und eine zufriedenstellende Antwort erhält, hat großes Glück. Bei vielen Menschen ist der Brauch, den Gedenktag des eigenen Namenspatrons zu feiern, in Vergessenheit geraten. Vor allem in den letzten Jahrzehnten trat er zugunsten des Geburtstages mehr und mehr in den Hintergrund. Und das, obwohl gerade unter Katholiken der Namenstag über Jahrhunderte hinweg einen hohen Stellenwert einnahm – der Geburtstag hingegen hatte wenig bis gar keine Bedeutung. Ein Rollentausch also. Wie hat sich der Brauch des Namenstages entwickelt, wie steht es um seine Zukunft?

Es war der Kirchenlehrer Johannes Chrysostomus, der im vierten Jahrhundert erstmals empfahl, sich bei der Namenswahl an christlichen Märtyrern zu orientieren. Zum einen sollte man die Heiligkeit und Tugend des Namenspatrons im eigenen Leben nachahmen. Zum anderen wollte man sich auch in der Namensgebung von den Heiden abgrenzen. In der Antike waren die Christen zunächst dabei geblieben, ihren Kinder die damals üblichen Namen zu geben – das schloss vor allem auch solche ein, die sich an heidnischen Göttern orientierten: etwa Apollinaris oder Dionysius.

Übergang zu christlichen Namen

Mit der sogenannten Konstantinischen Wende im Jahr 313 änderte sich das. Nun ging man zu dezidiert christlichen Namen über: Manche drückten die Christuszugehörigkeit aus wie Christianus oder Cyrillus (von "kyrios", Herr). Andere verwiesen auf christliche Feste wie Paschasius (von "pascha", Ostern) oder Dominikus (von "dies dominica", Sonntag). Schließlich trugen die Christen auch die Namen von Aposteln und Märtyrern wie Petrus oder Paulus.

Dort, wo der Namenstag noch gefeiert wird, gehört häufig ein Kaffeetrinken im Kreis der Familie mit dazu. Da darf auch ein Namenstagskuchen nicht fehlen.

Ab dem Mittelalter war der Brauch verbreitet, einem Kind bei der Taufe den Namen des jeweiligen Tagesheiligen zu geben. Somit fielen fortan Tauf- und Namenstag auf dasselbe Datum. Martin Luther etwa wurde am 11. November 1483 getauft, dem Gedenktag des heiligen Martin von Tours. In den Kirchenbüchern wurde allein der Tag der Taufe verzeichnet, nicht jedoch der Geburtstag. Somit konnte es vorkommen, dass den Menschen das genaue Datum ihrer Geburt überhaupt nicht bekannt war. Mit der Feier des Namenstages gedachten die Christen jährlich ihres Namenspatrons, den sie als Vorbild sowie als Helfer und Fürsprecher bei Gott betrachteten.

Abgrenzung von Protestanten

Diese Tradition nahm im 16. Jahrhundert mit der einsetzenden Reformation weiter zu. Jetzt wurde der Namenstag auch zum Instrument, um sich von den Protestanten abzugrenzen. Die Reformatoren lehnten eine Heiligenverehrung und damit auch die Feier der Gedenktage weitestgehend ab. Das Konzil von Trient (1545 bis 1563) forderte demgegenüber, Kinder bevorzugt nach heiligen beziehungsweise biblischen Personen zu benennen. Das betonen der im Auftrag des Konzils erstellte Römische Katechismus von 1566 und das "Rituale Romanum" von 1614. In letzterem heißt es, "anstößige oder lächerliche Namen" sowie die "von Götzen oder Heiden" seien zu vermeiden und stattdessen "die Namen von Heiligen vorzuziehen". Die Priester werden hier ausdrücklich in die Pflicht genommen, für eine entsprechende Namenswahl Sorge zu tragen.

Das Konzil von Trient (1545 bis 1563) unterstrich ausdrücklich, dass sich Christen bei der Namenswahl an Heiligen orientieren sollen.

In nachreformatorischer Zeit setzte sich in den mehrheitlich protestantischen Gebieten die Feier des Geburtstages durch, während man im katholischen Raum weiter den Namenstag feierte. Noch im Codex Iuris Canonici (Codex des kanonischen Rechtes) von 1917 war die Wahl unchristlicher Namen kirchenrechtlich verboten. Seit den 1960er-Jahren ist vor allem in den westlichen Gesellschaften ein Rückgang vornehmlich christlicher Namen zu verzeichnen. Damit geht einher, dass auch unter katholischen Christen der Geburtstag den Namenstag mehr und mehr verdrängt hat. Der Bedeutungsverlust von Religion insgesamt hat diese Entwicklung begünstigt.

Ausdruck der Gottesbeziehung

Bei der Namensgebung spielen heute Faktoren wie modische Trends und phonetischer Wohlklang eine Rolle, weniger religiöse Motive. Trotzdem finden sich in den Listen der beliebtesten Vornamen bei Jungen und Mädchen weit oben immer noch solche mit biblischem oder christlichem Hintergrund: ob Jonas oder Elias, Linus oder Noah, Lena (von Magdalena) oder Sarah. Der Name macht einen Menschen zu etwas Besonderem, hebt ihn aus der Anonymität heraus und ist zudem Ausdruck seiner Beziehung zu Gott: "Ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir" (Jes 43,1). Somit gibt es gute Gründe, den eigenen Namen am Namenstag zu feiern – genau wie den Namenspatron: Vorbilder und Fürsprecher braucht es auch und vielleicht gerade in der heutigen Zeit.

Von Tobias Glenz

Weitere Informationen

Wer sich beim Datum des eigenen Namenstages nicht sicher ist, kann einen Blick in den Allgemeinen Römischen Kalender werfen – oder auf namenstage.katholisch.de. Darin sind die Gedenktage der Heiligen verzeichnet. Daneben existiert noch der Regionalkalender für das deutsche Sprachgebiet, der weitere Gedenktage enthält. Im Zuge der Liturgiereform wurde 1970 der kirchliche Heiligenkalender überarbeitet und verschiedene Heiligenfeste auf ein anderes Datum verlegt. Deshalb kommt es vor, dass Menschen gleichen Namens(patrons) heute ihren Namenstag an unterschiedlichen Daten feiern. Wenn sich bei einem bedeutenden Einschnitt im Leben – etwa einem Ordenseintritt oder einer Papstwahl – der Name ändert, begründet das für einen Menschen einen anderen beziehungsweise weiteren Namenstag. Schließlich wird am Patronats- oder Titelfest auch der "Namenstag" von Kirchen gefeiert. (tmg)