Ein Kind schaut gebannt in sein Smartphone
Kolumne: Mein Religionsunterricht

Und ewig lockt der (angebissene) Apfel...

Wie funktioniert Religionsunterricht heute? Genau dieser Frage geht die neue katholisch.de-Kolumne nach. Lehrer verschiedener Schulformen berichten darin ganz persönlich, wie sie ihren Unterricht gestalten, damit sie die Jugend von heute noch erreichen. Den Anfang macht Elisabeth Maximini-Kirchen aus Trier.

Von Elisabeth Maximini-Kirchen |  Bonn/Trier - 07.12.2018

Porträt Elisabeth Maximini-Kirchen

Gerade habe ich einen Schüleressay über humanoide Roboter gelesen. Raten Sie mal, was ich unterrichte? Und jetzt mal ehrlich: Denken Sie da an Religionsunterricht?

Stammtischmäßig wird Lehrern nachgesagt, jahrelang das Gleiche zu unterrichten. Und das geht besonders gut in Fächern, in denen sich "nichts" ändert. Ist da was dran, dass meine Inhalte immer gleich bleiben? Ich fange dafür bei Adam und Eva an. Im wörtlichen Sinne. Was macht man dazu noch im Unterricht? Ein alter Hut ist ein alter Hut ist ein alter Hut – auch wenn man ihn auf jugendliche Köpfe setzt. Was sagen denn diese "Köpfe" dazu? Erst mal nichts. Außer dem verächtlichen Zucken der Augenbraue rollt vor meinem inneren Auge ein Strohballen durch das Klassenzimmer, als ich ins Thema einführe. Ganz plötzlich grassiert wieder eine Bibel-Unverträglichkeit, die bei den Schülern Unwohlsein verursacht – und mir bei diesem Anblick Bauchschmerzen.

Sobald das Ganze aber in verträgliche Happen verpackt ist, passiert das, was ich eben nicht immer wieder abspulen kann. Es kommen Fragen, die ich mir auch stelle, die ich mich zum Nachdenken bringen und die mich verwundern. Gemäß dem Motto: Was in der Klasse passiert, bleibt in der Klasse – plaudere ich nicht alles aus. Nur so viel: Warum hat Gott diese Bäume ins Paradies gestellt? Er muss doch gewusst haben, was passiert! Warum hat er die Menschen nicht anders bestraft? Warum hat man sich das ausgedacht? Wer glaubt denn heute noch sowas?

Vom anfänglichen Augenbrauenzucken zum winzigen "Aha!"

Ja, ja… höre ich Sie sagen. Die Fragen kommen doch bestimmt immer so. Und Sie, Frau Lehrerin, lenken das ja auch dahin. Schön wär's, wenn's so einfach wäre! Es braucht vor allem Zeit und ein Klima, in dem man sich traut, zu "spinnen" und die Gedanken kreisen zu lassen. Das meint nicht, dass jeder einmal sagen darf, was für ihn wahr ist. Sondern, dass Thesen aufgestellt und überprüft werden, dass herausgefunden wird, was man überhaupt Neues herausfinden will. Und ein Anschlussthema, das aus dem anfänglichen Augenbrauenzucken zu einem winzigen "Aha!" motivieren könnte.

Kommen wir zurück zu den Schüleressays über Roboter. Was haben diese Themen mit dem Religionsunterricht zu tun? Ob wir wollen oder nicht, wir leben inmitten des technischen Fortschritts, dem wir mit Schlagworten begegnen: Industrie 4.0, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz. Das Symbol des Apfels von einst ist heute immer noch präsent – nur hat schon jemand einen Bissen probiert. Haben Sie's vor Augen? Stellvertretend steht dieses (Marken)Symbol für eine neue Zeit, in der man abwägen muss, was "gut" und was "böse" ist. Der technische Fortschritt wird uns neue Welten ermöglichen und alte Welten abschaffen. Wie damit umgehen? Ich kann dazu die technischen Zusammenhänge erklären. Das ist wichtig! Aber löst das alle Fragen, die man sich stellt? Oder diejenigen, die man sich noch nicht stellt, weil die schöne neue Welt noch so verführerisch "duftet" und mit uns spricht? Was ist mit Ängsten?

Eine schwarz-weiße Zeichnung von Eva, wie sie Adam einen Apfel reicht.

Eine der bekanntesten biblischen Szenen: Adam und Eva und der Apfel.

Dass der Apfel ewig lockt, scheint in der Natur des Menschen zu liegen. Genau hier darf Religionsunterricht ansetzen.

Bildung heißt auch ein historisches und literarisches Bewusstsein zu entwickeln. Die Vergangenheit nachzuvollziehen sowie Texte als Welt- und Glaubenserschließung zu verstehen, sind Kompetenzen, die für einen verantwortungsvollen Umgang mit Gegenwart und Zukunft hilfreich sind. Es bringt nichts, pauschal zu verteufeln.

Verantwortung und freier Wille

Worum geht es denn bei Adam und Eva? Um Verantwortung, um Versuchung und den freien Willen. Und darum, dass man ganz schön danebengreifen kann und dann das ganze ausbaden muss. Was mir meine Schüler im Unterricht gezeigt haben, verdeutlicht mir das Potential des Religionsunterrichtes für die persönliche Bildung und die Entwicklung von Mündigkeit.

Was heißt es aktuell, verantwortungsvoll zu handeln? In meiner Klasse, heute, exemplarisch, ist es die Künstliche Intelligenz, etwa in Form von humanoiden Roboter, autonomen Fahren,  in der Arbeitswelt und der Kriegsführung, die zum Nachdenken anregt.

Meine Schüler hatten eine Erkundungsaufgabe. Sie haben Einsatzorte und -möglichkeiten Künstlicher Intelligenz recherchiert, diskutiert und mir zu einem Thema, das sie am meisten bewegt hat, einen Essay geschrieben, bei dem sie diesen Einsatz reflektieren sollten. Im Hinblick auf das, was wir mit Adams und Evas altem Hut durchdacht haben. Ich wünsche mir, dass Religionsunterricht kein Augenbrauenzucken auslöst, sondern Neugier weckt, sich mit der Umwelt auseinanderzusetzen. Kann ich also immer das Gleiche machen? Solange ich mit Menschen lerne: nein.

Von Elisabeth Maximini-Kirchen

Die Autorin

Elisabeth Maximini-Kirchen ist Religionslehrerin an einer Berufsschule in Trier.

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