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Standpunkt

Bleibt zuhause!

Mehr Touristen bedeuten mehr Stress – für den Planeten wie für das Individuum, kommentiert Gudrun Sailer. Kann man heute noch reisen, ohne andere zu ruinieren? Spätestens seit "Laudato Si" kämen Katholiken nicht mehr um diese Frage herum.

Von Gudrun Sailer |  Bonn - 05.07.2019

redakteurin gudrun sailer

Gestern habe ich eine befreundete Familie auf Rom-Urlaub zum Kolosseum begleitet. Das war schön, aber trotzdem eine schlechte Idee. Es war unsäglich heiß und unsäglich voll. Aus allen Poren schwitzende Leute verbissen sich verbal ineinander wie Ratten in einem Käfig, den jemand über den Grill hält. Zwei Touristenkeiler, die Tickets schwarz verkaufen wollten, beließen es nicht bei Worten. Alles zusammen ließ uns aufgewühlt zurück. Daran war nicht das Kolosseum schuld.

Dass es derzeit überall so heiß und so voll ist, bringt mit allen Sinneseindrücken zu Bewusstsein, dass heiß und voll ursächlich zueinander gehören. Mehr Flugmeilen, schnellere Erderwärmung. Mehr Touristen, mehr Stress, für den Planeten wie für das Individuum. Kann man heute noch "schöner reisen", im großen Sinn? So reisen, dass mein Reisen mich und, wichtig, auch die anderen erbaut statt ruiniert?

Seit Papst Franziskus die zutiefst christliche Schöpfungsverantwortung mit "Laudato Si" quasi neu ins Lehramt gehoben hat, sind das Fragen geworden, um die wir als katholische Gläubige nicht mehr herumkommen. Laudato Si spricht nicht von Tourismus, blättert aber die Zusammenhänge auf. Unter anderem bemängelt der Papst eine "gewisse Schläfrigkeit" in unserem Öko-Bewusstsein (Nr. 69): Eigentlich, so reden wir uns ein, wissen wir doch gar nicht so genau was vorgeht, und ja, hier ein Unwetter, dort eine Hitzewelle, aber so schlimm ist es doch wirklich nicht, wenn wir uns umschauen. Also ändern wir – nichts. "Es ist die Weise, wie der Mensch sich die Dinge zurechtlegt, um all die selbstzerstörerischen Laster zu pflegen: Er versucht, sie nicht zu sehen, kämpft, um sie nicht anzuerkennen, schiebt die wichtigen Entscheidungen auf und handelt, als ob nichts passieren werde."

Das trifft es. Wir sind keine Klimaleugner, wirklich nicht, wir bekennen uns zur Nachhaltigkeit. Die 100 Orte auf den fünf Kontinenten, die man im Leben angeblich gesehen haben muss, wollen wir uns trotzdem nicht so hastig von der Karte streichen lassen. Aber der Zustand des Planeten und die Hochrechnungen sind doch längst so, dass sie jedem von uns – in den reichen Ländern – Opfer abverlangen müssen, auch größere als heute. Und wir wissen das. Wir sind es, die die Welt ruinieren, nicht die, die sich eine Fernreise im Leben nicht leisten können.

Bitte, bleibt mal zu Hause. Und wenn schon Rom, dann besser als Fußpilger.

Von Gudrun Sailer

Die Autorin

Gudrun Sailer ist Redakteurin bei "Vatican News".

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