Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer im Porträt.
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Hirtenwort zu Missbrauch bei Domspatzen veröffentlicht

Voderholzer bittet "in Demut" um Vergebung

Bistum Regensburg - Das Ausmaß des Missbrauchs bei den Regensburger Domspatzen legt der Bericht eines unabhängigen Ermittlers offen. Nun bittet Bischof Rudolf Voderholzer bei den Opfern um Entschuldigung.

Von Felix Neumann |  Bonn - 23.07.2017

"All das macht mich zutiefst zerknirscht und erfüllt mich mit Scham" – so reagiert der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer auf den Abschlussbericht zum Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen in einem Hirtenwort, das in allen Sonntagsgottesdiensten seiner Diözese verlesen wird. Auch, wenn der gegenwärtige Bischof auf direkte Kritik an seinem Vorgänger, dem jetzigen Kardinal Gerhard Ludwig Müller, verzichtet, stellt das Schreiben eine deutliche Akzentverschiebung dar.

Die Betroffenen im Mittelpunkt

Voderholzer betont vor allem den Beitrag der Betroffenen zur Aufklärung der Vorgänge bei dem renommierten Knabenchor: "Ihnen gilt mein aufrichtiger Dank, dass sie sich trotz des erlittenen Leids an die Beauftragten des Bistums und vor allem an Herrn Weber gewandt haben." Den Abschlussbericht des unabhängigen Sonderermittlers Ulrich Weber würdigt der Bischof als "umfassendes, reich differenziertes und vor allem unabhängiges Werk".

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Regensburger Domspatzen lassen während einer Konzertpause die Beine vom Tisch baumeln. Der Skandal um Misshandlungen und sexuellen Missbrauch bei dem weltberühmten Knabenchor kam 2010 ans Licht. Zwischen 1945 und Anfang der 1990er Jahre gab es in der Vorschule und im Internat der Domspatzen Hunderte Fälle körperlicher und sexueller Gewalt.

Voderholzer rekapituliert in dem Hirtenwort die aufgedeckten Übergriffe – Körperverletzung, willkürliche Strafen und Demütigungen bis hin zu sexuellem Missbrauch – und bittet "in Demut" um Entschuldigung: "Als Bischof der Kirche von Regensburg bitte ich anstelle der Täter, von denen die meisten verstorben sind, um Vergebung und bitte, dass diese Entschuldigung von den Betroffenen angenommen werde." Noch verschärft würden die Übergriffe dadurch, dass "diese Kinder in gutem Glauben Priestern und kirchlichen Angestellten anvertraut wurden, die im Auftrag Christi, des Guten Hirten, den Zehn Geboten und dem Gebot der Nächstenliebe verpflichtet waren."

Voderholzer fragt auch nach Strukturen und Zusammenhängen, "die diese Gewalttaten und diese Zustände ermöglicht oder begünstigt haben" und nennt die im Bericht aufgeführten Ursachen: Abschottung der verschiedenen Einrichtungen, Kommunikationsbarrieren nach innen und außen und Versäumnisse der kirchlichen und staatlichen Aufsichtsbehörden. "Nur die Berücksichtigung dieser Zusammenhänge ermöglicht einen vollständigen Blick auf die Ursachen", schließt der Bischof diesen Abschnitt seines Hirtenworts.

Zwei weitere Studien geplant

Auch der Aufarbeitung ab 2010 ist ein eigener Abschnitt gewidmet. Ohne seinen Vorgänger als Bischof von Regensburg direkt zu kritisieren, betont Voderholzer den Kurswechsel, den er als neuer Bischof vorgenommen hat: Zusätzlich zu einer sachlichen Aufklärung habe er auf das "Hinhören" auf die "Erwartungen und Nöte" der Opfer Wert gelegt. "Bei den Gesprächen mit einzelnen Opfern wurde mir schnell deutlich, dass ein gemeinsames Vorgehen mit den Betroffenen, ein Hinhören auf ihre Erwartungen und Nöte ebenso wichtig ist wie ein unabhängiger Blick auf die Strukturen und Zusammenhänge." Bischof Müller war von Betroffenen und Medien vorgeworfen worden, sich nicht genügend und vor allem nicht im direkten Gespräch mit den Opfern auseinandergesetzt zu haben.

Für das weitere Vorgehen kündigte Voderholzer weitere Anerkennungszahlungen und Therapieangebote an sowie zwei weitere Studien, die die geschichtlichen und soziologischen Zusammenhänge genauer erhellen sollen. An die Gläubigen seiner Diözese richtet der Bischof den Appell, mögliche weitere Betroffene zu unterstützen und sie zu ermutigen, sich dem Bistum anzuvertrauen: "Wir wollen, dass sie Anerkennung und Gerechtigkeit erfahren, und ihnen geholfen wird."

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Nach vielen Verzögerungen wurde nun der Untersuchungsbericht zum Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen veröffentlicht. Neben der Opferzahl wurde auch der Kreis der mutmaßlichen Täter ermittelt.

Voderholzer schließt sein Hirtenwort, indem er die Verantwortung der Kirche und der Gläubigen für die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen betont: "Unser Hauptmotiv liegt im Glauben an Christus, der ein Kind in die Mitte gestellt und die Jünger gemahnt hat: 'Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen'." Der Auftrag für die Zukunft sei, "Kinder und Jugendliche zu fördern, ihnen den Glauben durch Wort und Beispiel vorzuleben, aber auch von ihnen zu lernen".

Akzentverschiebung von Müller zu Voderholzer

Auch Voderholzers Vorgänger Müller hatte sich in einem Hirtenwort zu den Missbräuchen bei den Domspatzen geäußert. In dem 2010 veröffentlichten Text, den Voderholzer im aktuellen Hirtenwort zitiert, nahm Medienkritik einen großen Platz ein: Müller beklagte eine unfaire Kampagne gegen die Kirche. "Ein Glanzstück des Bistums Regensburg soll in den Dreck gezogen werden", heißt es in dem Text, der von "Zerrbildern jenseits aller Realität" spricht und den Medien "kriminelle Energie" unterstellt. Zuvor hatte Müller in einer Predigt eine "Pogromstimmung" gegen die Kirche beklagt, die ihn an "den Kampf der totalitären Ideologien gegen das Christentum" erinnere.

Aus der Kirche und von Seiten Betroffener gab es an diesen Äußerungen Müllers viel Kritik. Kurienkardinal Walter Kasper forderte Müller auf, er solle nicht mit dem Finger auf andere zeigen, sondern stattdessen "unser eigenes Haus in Ordnung bringen". Der jetzt erschienene Abschlussbericht des Sonderermittlers betont die Verantworung Müllers für die "strategischen, organisatorischen und kommunikativen Schwächen" der ursprünglichen Aufarbeitung.

Themenseite: Missbrauch

Der Missbrauchsskandal erschütterte die katholische Kirche in ihren Grundfesten. Seit 2010 die ersten Fälle bekannt wurden, bemüht sich die Kirche um Aufarbeitung der Geschehnisse. Katholisch.de dokumentiert die wichtigsten Etappen.

Mit seinem aktuellen Hirtenwort geht Bischof Voderholzer einen deutlich anderen Weg als Müller. Zwar stellt er sich in die Kontinuität mit seinem Vorgänger und verweist auf dessen Mitgefühl mit den Opfern. Voderholzer benennt aber eben auch strukturelle Ursachen, die Missbrauch begünstigen — nicht allein die Schuld von einzelnen, die von der Verantwortung der Kirche zu trennen ist. Er betont außerdem eine Akzentverschiebung von einer rein sachlichen Aufklärung hin zu einer persönlichen Zuwendung zu den Betroffenen.

Im Zentrum des Hirtenworts steht, Verantwortung zu übernehmen

Auf die Berichterstattung der Medien und der besonderen Beobachtung, unter der die Kirche und ihre Glieder stehen, geht Voderholzer in seinem Hirtenwort nicht ein. Das unmittelbar auf den Abschlussbericht des Sonderermittlers folgende Schreiben beschränkt sich darauf, klar Verantwortung zu übernehmen und Schritte zur weiteren Aufarbeitung aufzuzeigen: Alleiniges Opfer der Ereignisse sind im Hirtenworts Voderholzers die von Missbrauch und Misshandlungen Betroffenen, nicht die Kirche und ihre Institutionen, deren Ruf darunter leidet.

Aus Rom waren unterdessen auch andere Stimmen zu hören: Im "Osservatore Romano" beklagte die Historikerin Lucetta Scaraffia, dass in Bezug auf Missbrauch "mit zweierlei Maß" gemessen würde und die Kirche von den Medien unfair behandelt werde. Während Voderholzer als Bischof um Verzeihung bittet, betont Müller in seinen jüngsten Stellungnahmen, er habe alles getan, was in seiner Macht stand, und könne auch nicht "in eigener Person die operative und kommunikative Seite des Gesamtprozesses verantworten".

Von Felix Neumann

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