"Kopie" könnte vom Meister selbst stammen

Ein zweites "Abendmahl" von Leonardo?

Aktualisiert am 15.12.2017  –  Lesedauer: 
Kunst

Bonn ‐ Leonardo Da Vincis "Das Abendmahl" zählt zu den berühmtesten Gemälden der Welt. Eine einmalige Leistung des Meisters? Nicht zwingend. Möglicherweise stammt auch eine Kopie in Belgien von Leonardo selbst.

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Wer das wohl berühmteste Wandgemälde der Welt bestaunen möchte, muss Mailand besuchen: Dort schmückt Leonardo Da Vincis "Das Abendmahl" die Nordwand des Speisesaals im Dominikanerkloster Santa Maria delle Grazie. Das Werk gilt als Höhepunkt in Leonardos malerischem Schaffen, als Meilenstein der Renaissance-Kunst und wegen seiner perspektivischen Tiefe als wegweisend für die abendländische Malerei. Ein einzigartiges Meisterwerk, möchte man meinen. Doch in Belgien hängt – lange Zeit vergessen – eine besondere Kopie des "Abendmahls". Bislang ging man davon aus, dass diese allein von Schülern Leonardos angefertigt wurde. Eine neue Theorie besagt nun: Der Meister selbst legte daran Hand an.

Die Geschichte der Kopie ist untrennbar mit der Geschichte des Originals verknüpft. Leonardo Da Vinci (1452 bis 1519) schuf "Das Abendmahl" in den Jahren 1494 bis 1497 im Auftrag des Mailänder Herzogs Ludovico Sforza. Auf 4,20 mal 9 Metern zeigt der Künstler Jesus mit seinen zwölf Aposteln beim letzten gemeinsamen Essen am Vorabend der Kreuzigung. Die dargestellte Situation ist hingegen nicht die des Mahls selbst, sondern jene unmittelbar nach Jesu Prophezeiung: "Einer von euch wird mich verraten" (Mt 26,21). Entsprechend aufgebracht erscheinen die gezeigten Personen in der Szenerie.

Nur noch 20 Prozent vom Meister selbst

Besichtigt werden kann das Bild heute aus konservatorischen Gründen nur in kleinen Gruppen und für jeweils maximal 15 Minuten. Kaum ein Besucher wird sich jedoch darüber im Klaren sein, dass nur noch ein kleiner Teil des Meisterwerks authentische Da-Vinci-Malerei ist. Wissenschaftler gehen davon aus, dass aufgrund zahlreicher Restaurationen lediglich noch etwa 20 Prozent des heute Sichtbaren vom Meister selbst stammen. Die von Leonardo verwendete spezielle Öltechnik nämlich erwies sich auf dem feuchten Mauerwerk bereits nach kurzer Zeit als Fehlgriff. Noch zu Lebzeiten des Künstlers entstanden zahlreiche Risse in seinem Gemälde, sodass im Laufe der Zeit große Teile der Farbe von der Wand abblätterten. Im Jahr 1652 wurde unterhalb des Gemäldes eine Tür eingezogen, der die Darstellung der Füße Jesu zum Opfer fiel. Spuren hinterließen zudem die Besatzungstruppen Napoleons, die das Refektorium zu Beginn des 19. Jahrhunderts kurzerhand in einen Pferdestall umwandelten.

Bild: ©picture-alliance / Benoit Doppagne

Die Kopie des Leonardo-Gemäldes "Das Abendmahl" in der belgischen Abtei Tongerlo. So hat mutmaßlich auch das Original einmal ausgesehen.

Auch wenn der gegenwärtige Anblick kaum mehr das ursprüngliche Werk widerspiegelt, so geben doch zahlreiche frühe Kopien Hinweise auf den Originalzustand. Eine davon könnte nun Geschichte schreiben: Seit 1645 ist die belgische Prämonstratenser-Abtei Tongerlo nahe Antwerpen im Besitz einer Kopie des "Abendmahls" auf Leinwand. Die Kunstexperten Jean-Pierre Isbouts und Christopher Heath Brown zeigen sich in ihrem neuen Buch "Young Leonardo" ("Der junge Leonardo") überzeugt, dass an dieser Kopie Da Vinci selbst mitgewirkt hat.

Ein von den Experten in Florentiner Archiven entdeckter Brief soll belegen, dass der französische König Ludwig XII. (1498 bis 1515) im Jahr 1504 bei Leonardo eine Kopie auf Leinwand in Auftrag gegeben hat. Zudem seien sie bei ihren Recherchen auf eine Inventarliste des mit dem französischen Königshaus verbundenen Chateau de Gaillon von 1540 gestoßen, schreiben Isbouts und Brown. Darin aufgelistet: "eine riesige Darstellung des Letzten Abendmahls auf Leinwand mit monumentalen Figuren". Schließlich habe man ein Rechnungsschreiben über die Lieferung einer Leinwand von Mailand – Leonardos damaligem Wirkungsort – an eben dieses Chateau entdeckt. Das entsprechende Abendmahlsbild sei jedoch verschwunden.

Jesus und Johannes von Da Vinci?

Isbouts und Brown gehen davon aus, dass das in den historischen Dokumenten aufgeführte Kunstwerk identisch mit dem "Abendmahl" von Tongerlo ist. Dabei stützen sie sich auch auf forensische Untersuchungen der belgischen Kopie. Eine Röntgen-Analyse habe ergeben, dass das Werk nahezu deckungsgleich zum Original in Mailand sei. Unter großen Teilen des Bildes seien Vorzeichnungen gefunden worden, nicht jedoch im Bereich von Jesus Christus und des Apostels Johannes. Die Schlussfolgerung: Da Vinci muss diese Figuren selbst gemalt haben, sein Schülerkreis übernahm unter Anleitung Leonardos den Rest.

Hing also über 350 Jahre lang – unentdeckt in einer kleinen belgischen Klosterkapelle – ein Originalbild von Leonardo Da Vinci? Das soll bald eine genauere Analyse des Werkes vor allem mittels Infrarotstrahlung klären. Ließe sich die Autorenschaft Leonardos beweisen, käme das wohl einer Sensation – nicht nur in der Kunstwelt – gleich.

Von Tobias Glenz