Priesterausbilder: So wollen wir dem Klerikalismus entgegenwirken
Nach Veröffentlichung der Missbrauchsstudie

Priesterausbilder: So wollen wir dem Klerikalismus entgegenwirken

Zölibat, Homosexualität, Klerikalismus: Die Missbrauchsstudie zeigt Handlungsbedarf an – auch und gerade in Bezug auf die Priesterausbildung. Der Vorsitzende der deutschen Priesterausbilder, Hartmut Niehues, erklärt im Interview, was nun passieren muss.

Von Andreas Otto (KNA) |  Münster - 02.10.2018

Nachdem die Missbrauchsstudie der deutschen Bischöfe vorgestellt worden ist, fordert der Vertreter der katholischen Priesterausbilder in der Bundesrepublik, Hartmut Niehues, grundlegende Reformen in den Seminaren. Der Anteil der Missbrauchsbeschuldigten von vier bis fünf Prozent unter den Geistlichen habe ihn "sehr erschreckt", sagte der Vorsitzende der Deutschen Regentenkonferenz am Sonntag im Interview in Münster. Der Regens leitet das Priesterseminar des Bistums Münster. Die Deutsche Regentenkonferenz ist ein Zusammenschluss der Leiter der bundesweit über 25 Seminare für die Ausbildung der Priesteramtskandidaten.

Frage: Herr Regens Niehues, die Missbrauchsstudie der katholischen Kirche schlägt hohe Wellen in der öffentlichen Debatte. Wie kommen die Ergebnisse bei den Seminaristen an?

Niehues: Ich nehme eine große Erschütterung bei unseren Studenten wahr.

Frage: Das Image des Priesterberufes hat erneut gelitten. Welche Folgen hat das?

Niehues: Auf jeden Fall wird es für junge Leute noch einmal schwieriger, Priester werden zu wollen.

Frage: Rund vier bis fünf Prozent der Geistlichen werden laut Studie des Missbrauchs beschuldigt. Haben Sie mit dieser Zahl gerechnet?

Niehues: Das hat mich sehr erschreckt. Ich hatte gehofft, dass der Anteil nicht so hoch ist.

Frage: Der Zölibat an sich gilt nicht als Risikofaktor für Missbrauch. Aber die geistliche Lebensform zieht laut der Studie mitunter Leute mit einer unreifen Sexualität und mit unterdrückten Neigungen an. Decken sich diese Erkenntnisse der Forscher mit Ihren eigenen Erfahrungen als Praktiker in der Priesterausbildung?

Niehues: Ich kann den beschriebenen Mechanismus sehr gut nachvollziehen. Es gibt Theologiestudenten, die wissentlich oder unbewusst ihre Sexualität ausklammern. Deshalb bemühen wir uns um ein offenes Klima im Priesterseminar. Und wir geben immer wieder ausdrücklich Impulse zur Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität. Es gibt das klare Signal: Jeder Priesterkandidat kann auch mit uns als Ausbildungsverantwortlichen über seine Fragen zu Sexualität und Homosexualität sprechen. Denn es geht bei uns ja wesentlich um die Frage nach der menschlichen Reife und nach der Eignung für ein zölibatäres Leben. Trotzdem bin ich mir darüber im Klaren, dass die Hemmschwelle für einige sehr hoch sein kann.

Hartmut Niehues
Bild: © Privat

Hartmut Niehues ist Regens des Münsteraner Priesterseminars und Vorsitzender der Deutschen Regentenkonferenz.

Frage: Muss sich nach der Missbrauchsstudie in der Priesterausbildung etwas ändern?

Niehues: Die Forscher schreiben in der Studie, dass es im Bereich der Priesterausbildung erheblichen Handlungsbedarf gibt. Daraus müssen wir Konsequenzen ziehen.

Frage: Zum Beispiel?

Niehues: Wir Ausbildungsverantwortliche bemühen uns an den verschiedenen Orten alle um die bestmögliche Priesterausbildung. Aber die Studie attestiert uns eine große Uneinheitlichkeit. Notwendig sind daher detaillierte und überprüfbare Standards für die jeweiligen Ausbildungsmodule - gerade wenn es um Themen wie menschliche Reife oder Auseinandersetzung mit der Sexualität geht. Es muss für alle Häuser transparent feststehen, welche konkreten Inhalte wann im Ausbildungsverlauf und in welchem zeitlichen Rahmen behandelt werden.

Frage: Woran denken sie weiter?

Niehues: Laut Studie geht die bisherige Priesterausbildung zu wenig auf den Themenkomplex Zölibat und Sexualität ein. Dieses Feld gilt es auszubauen - und dabei auch auswärtige sexualpädagogische Experten einzubeziehen.

Frage: Wo wollen Sie noch Verbesserungen?

Niehues: Ich denke auch an uns Ausbilder. Wir sollen ja die menschliche Reife der Kandidaten fördern und beurteilen. Und dafür brauchen wir selbst eine Ausbildung - und zwar nach überprüfbaren einheitlichen Standards. Zwar hat ein großer Teil der Verantwortlichen in der Priesterausbildung in den vergangenen Jahren an Kursen teilgenommen, etwa beim Fortbildungsinstitut "Ruach" der Orden. Und die Erfahrungen mit diesen Kursen sind überaus positiv. Wir müssen aber auch zugeben, dass eine Teilnahme daran eher zufällig und dem Einzelnen überlassen war. Eine klar geregelte professionelle Qualifikation können wir Ausbilder in den Priesterseminaren bislang nicht umfassend und transparent dokumentieren.

Linktipp: Was ist Klerikalismus?

Immer wieder warnt der Papst vor Geistlichen, die sich für etwas Besseres halten, denn er sieht einen Zusammenhang zwischen Klerikalismus und Missbrauch in der Kirche. Im katholisch.de-Interview erklärt der Grazer Pastoraltheologe Rainer Bucher, warum einige Priester klerikal sind und andere nicht.

Frage: Kritik übt die Studie am Klerikalismus und dem Männerbündischen unter den Geistlichen. Damit fängt es im Priesterseminar ja schon an. Wie wollen Sie darauf reagieren?

Niehues: In der Tat besteht die Gefahr, dass eine isolierte Ausbildung in Seminaren die Priester von der Gesellschaft absondert und so klerikale Tendenzen gefördert werden können. Umgekehrt braucht es zur Einübung eines gemeinschaftlichen Lebens die Seminare. Um dem Klerikalismus entgegenzuwirken, sollten wir das Leben in den Seminaren offener gestalten und Lerngruppen bilden zusammen mit Studenten anderer Fächer sowie mit Auszubildenden in anderen pastoralen Berufen, gerade auch mit Frauen. Nicht zuletzt brauchen wir auch mehr Frauen, die in der Ausbildung mitwirken. Ein alltägliches Zusammenleben in gemischtgeschlechtlichen Lern- und Glaubensgruppen fördert die Auseinandersetzung mit dem zölibatären Lebensstil. Priesterausbildung sollte mitten im Volk Gottes und mit dem Volk Gottes geschehen. Das kann klerikalen Tendenzen vorbeugen.

Frage: Der Zölibat stellt viele Priester vor immense Probleme. Sollte die Pflicht zu dieser Lebensform aufgegeben werden?

Niehues: Ein schwieriges Thema. Bislang wurde in der Debatte um den Pflichtzölibat ja besonders auf die sinkende Zahl der Priester verwiesen. Jetzt kommt mit der Missbrauchsthematik ein weiterer Aspekt viel stärker in den Blick. Ich halte es nicht für hilfreich, die Studie als Hebel zur Abschaffung des Zölibats nutzen zu wollen. Trotzdem steht jetzt die Frage der priesterlichen Ehelosigkeit noch einmal anders im Raum - und darüber müssen wir sprechen. In diesem Zusammenhang ergibt sich für mich aus der Studie eine weitere zentrale Forderung.

Frage: Und zwar?

Niehues: Die Wissenschaftler haben festgestellt, dass viele der beschuldigten Priester nicht sofort nach ihrer Weihe, sondern erst nach einigen Jahren im Dienst zu Missbrauchstätern werden. Deshalb braucht es eine lebenslange Begleitung aller Priester - ich meine damit geistliche und supervisorische Begleitung, die die Herausforderungen des jeweiligen Lebensalters und der beruflichen Situation des Einzelnen in den Blick nimmt. Dabei muss auch die drohende Vereinzelung und Vereinsamung vieler Priester in ihrem Dienst eine Rolle spielen. Wir müssen das Zusammenleben der Priester fördern. Als Ausbildungsverantwortliche sind wir gefordert, uns zu Anwälten dieser langfristigen Perspektive über die Seminarzeit hinaus zu machen.

Von Andreas Otto (KNA)