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Standpunkt

Konservative wie Liberale: Kümmert euch um den Missbrauch!

Ob der jüngste offene Brief liberaler Theologen oder homophobe Äußerungen konservativer Kardinäle: Oft werde das Thema Missbrauch in der Kirche nur als Projektionsfläche für die eigene Agenda benutzt, kritisiert Agathe Lukassek.

Von Agathe Lukassek |  Bonn - 07.02.2019

Agathe Lukassek ist Redakteurin bei katholisch.de

Eigentlich ist Missbrauch das beherrschende Thema in der katholischen Kirche: sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, Kleriker, die Ordensfrauen missbrauchen sowie spiritueller Missbrauch durch Manipulation und Kontrolle von Gläubigen. Ich vermisse dennoch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Phänomen, das Schritt für Schritt aufgearbeitet werden muss. Der jüngste offene Brief schießt dabei über das Ziel hinaus.

Neun Theologen und Katholiken in Führungspositionen wenden sich darin an Kardinal Reinhard Marx anlässlich des im Vatikan bevorstehenden Treffens weltweit aller Vorsitzenden der Bischofskonferenzen zum Thema Kinderschutz. Sie fordern Reformen in der Kirche wie einen freiwilligen Zölibat, die Weihe von Frauen sowie einen "Neustart mit der Sexualmoral" einschließlich einer "verständigen und gerechten Bewertung von Homosexualität". Zum Umgang mit Missbrauchstätern oder -vertuschern findet sich leider nichts.

Nicht ganz zu unrecht – und nicht uneigennützig – kritisiert das Forum Deutscher Katholiken den offenen Brief als Versuch, "die Missbrauchsfälle für eigene Ziele zu instrumentalisieren"; ähnlich argumentiert der Freiburger Dogmatiker Helmut Hoping: "Man hätte ja auch fordern können, den Straftatbestand des sexuellen Missbrauchs ins Kirchenrecht aufzunehmen," so der Theologe.

Die konservativen Kreise aber, die sich über den offenen Brief ärgern, haben in der Vergangenheit selbst immer wieder den Missbrauch instrumentalisiert: Etwa indem sie stets betonen, dass der Missbrauch durch Kleriker nur einen kleinen Teil aller sexuellen Missbrauchsfälle an Kindern ausmache. Oder auch Kardinäle, wenn sie behaupten, ein Zusammenhang zwischen Missbrauch und Homosexualität sei statistisch erwiesen. Sie lenken dann vom eigentlichen Missbrauchsskandal ab.

Bei den Schlagworten Zölibat, Missbrauch und Homosexualität kommt es in vielen Köpfen zu falschen Assoziationen und zu hitzigen Debatten. Aber kaum jemand würde ernsthaft behaupten, dass es ohne den Zölibat keinen Missbrauch in der Kirche geben würde. Die vielen Missbrauchsopfer kümmern andere Fragen: Bestrafung von Tätern und Vertuschern, ein Ende der Beschwichtigungen, Entschädigungszahlungen in Anerkennung des Leids  – das sind die Themen, um die es weiterhin und immer wieder gehen muss.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Forderungen nach Änderungen in der Kirche soll es weiter geben. Über den Zölibat, Diakoninnen und eine Anpassung der Sexualmoral soll genauso wie über neue Formen der Verkündigung und Katechese weiter offen diskutiert werden. Aber dann soll ehrlicherweise zugegeben werden, dass es diese Diskussionen seit Jahrzehnten gibt – und dass nicht der Missbrauchsskandal der Auslöser ist. Das wünsche ich mir von allen Katholiken, ob sie sich eher als liberal oder als konservativ bezeichnen.

Von Agathe Lukassek

Die Autorin

Agathe Lukassek ist Redakteurin bei katholisch.de.

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