Kramp-Karrenbauer: Zölibat hat Missbrauch nicht begünstigt
CDU-Vorsitzende kritisiert kirchliche Aufarbeitung

Kramp-Karrenbauer: Zölibat hat Missbrauch nicht begünstigt

In einem Interview hat CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer die bisherige kirchliche Aufarbeitung des Missbrauchsskandals kritisiert. Zugleich äußerte sie Zweifel, dass der Zölibat schuld am Missbrauch durch Priester und Ordensleute sei.

Berlin/Oberursel - 17.04.2019

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer hat die katholische Kirche zu stärkerem Engagement bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals und der Etablierung von Präventionsmaßnahmen aufgerufen. "Die Bemühungen, die es jetzt gibt, reichen bei Weitem nicht aus, um dafür zu sorgen, dass sich ein solches Versagen der Institution Kirche nicht wiederholt", sagte Kramp-Karrenbauer in einem Interview mit dem Magazin "Publik-Forum" (Donnerstag). Die Kirche trage "ohne Wenn und Aber" Schuld daran, dass sie die Aufklärung dieser Verbrechen systemisch verhindert und damit auch Missbrauch ermöglicht habe.

"Ich habe immer gesagt, dass ich mir Priesterinnen wünsche"

Gleichzeitig erklärte die Politikerin, dass sie nicht glaube, dass der verpflichtende Zölibat den sexuellen Missbrauch durch Priester und Ordensleute begünstigt habe. "Wir erleben Missbrauch auch durch Menschen, die in einer Beziehung oder verheiratet sind", sagte die 58-Jährige. Kein Täter könne sagen, dass er ein Opfer der Umstände oder des Systems Kirche sei. Zugleich erneuerte Kramp-Karrenbauer ihren Wunsch nach einer Öffnung des Priesteramtes für Frauen: "Ich habe immer gesagt, dass ich mir Priesterinnen wünsche." Ein erster Schritt könne seien, Frauen zum Diakonat zuzulassen. "Angesichts des Priestermangels wäre ein zweiter, den Pflichtzölibat aufzuheben. Dann wären mehr Männer bereit, Priester zu werden", so die CDU-Vorsitzende.

Skeptisch äußerte sich Kramp-Karrenbauer, die auch Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) ist, zur Reformfähigkeit der katholischen Kirche. Zwar hoffe sie, dass die Kirche insbesondere mit Blick auf die Rolle der Frau zu Veränderungen fähig sei. Allerdings sei die katholische Kirche eine Weltkirche, und auf manchen Kontinenten werde die Rolle der Frau "viel konservativer" gesehen als in Deutschland. Man solle deshalb nicht meinen, "unsere deutsche Sichtweise auf Katholizismus müsse weltweit den Standard setzen", so die Politikerin. Spannend werde die Frage sein, wie viel Verbindendes über alle Grenzen hinweg erhalten bleibe und wie viel Abweichung zugelassen werde. "In diesem Spannungsverhältnis steht auch Papst Franziskus", betonte Kramp-Karrenbauer.

Kramp-Karrenbauer: Glaube an ein Leben nach dem Tod ist tröstlich

Den christlichen Glauben bewertete die CDU-Vorsitzende in dem Interview als integralen Bestandteil ihrer Persönlichkeit. Der Katholizismus stehe für ihren Glauben und präge sie. Als zentrale Glaubensinhalte für ihr Leben nannte Kramp-Karrenbauer Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Nächstenliebe bedeute für sie, Menschen nicht zu "besseren Wesen" umerziehen zu wollen, sondern sie so zu akzeptieren, wie sie seien. Diese Sichtweise verbinde sie mit Barmherzigkeit, die mit einer gewissen Nachsicht auf die Menschen schaue – "nach dem neutestamentlichen Motto: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein".

Mit Blick auf das bevorstehende Osterfest betonte Kramp-Karrenbauer ihren Glauben an die Auferstehung und ein Leben nach dem Tod. Sie habe die Hoffnung, dann "noch einmal vereint zu sein mit den Menschen, die ich liebe und die schon gestorben sind". Diese Perspektive sei tröstlich und fange sie immer wieder auf. Das Bewusstsein, "dass es Größeres gibt, als wir es sind", sei ein befreiender Gedanke, sagte die Politikerin. (stz)