Papst Johannes Paul II. in Polen
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Vor 40 Jahren besuchte Johannes Paul II. seine polnische Heimat

Wie eine Papstreise das Ende des Ostblocks einläutete

Als Johannes Paul II. vor 40 Jahren erstmals als Papst in seine Heimat reiste, konnte niemand die Folgen dieses Besuchs erahnen. Gestärkt von den Worten des Landsmanns, begann das polnische Volk, an der Macht der Kommunisten zu rütteln.

Von Ludwig Ring-Eifel (KNA) |  Berlin - 02.06.2019

Sie gilt bis heute als politisch folgenreichste Papstreise der jüngeren Geschichte: Die erste Reise von Johannes Paul II. in seine polnische Heimat vom 2. bis 10. Juni 1979. Nach den theologisch-politischen Predigten, mit denen er in Warschau, Gnesen, Tschenstochau und Krakau Millionen erreichte, war Polen ein verändertes Land.

Die Menschen verloren ihre Angst und spürten erstmals, dass sie das Volk waren, Unterstützung von ganz oben bekamen und dass keine Macht der Erde sie aufhalten konnte. Im Jahr darauf wurde die Gewerkschaftsbewegung "Solidarnosc" gegründet, die es rasch auf acht Millionen Mitglieder brachte und die mit ihren Streiks die Machtbasis der Kommunisten nachhaltig ins Wanken brachte.

Die Ausgangslage war zunächst kompliziert. Schon als Karol Wojtyla im Oktober 1978 zum Papst gewählt wurde, ahnten die Machthaber in Polen, dass dies Folgen für die haben würde. Beim Amtsantritt folgten dann die berühmten Sätze: "Habt keine Angst! Reißt die Tore weit auf für Christus, öffnet seiner rettenden Macht die Grenzen der Staaten und die wirtschaftlichen und politischen Systeme!"

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Papst Johannes Paul II. zeigt sich am 16. Oktober 1978 nach seiner Wahl auf dem Balkon des Petersplatzes im Vatikan.

In ganz Polen läuteten die Kirchenglocken, und wenig später lud sich der polnische Papst selbst ein. Für Parteichef Eward Gierek eine verzwickte Situation, in der er nur verlieren konnte: Verweigerte er die Einreise, riskierte er international eine Blamage und im Inneren einen Volksaufstand. Stimmte er zu, waren die Folgen ebenfalls unabsehbar.

Dennoch entschied er sich allen Warnungen aus Moskau zum Trotz für den Papstbesuch – und versuchte ihn nach Kräften zu kanalisieren und davon zu profitieren. Doch schon beim ersten Gottesdienst am 2. Juni, dem Pfingstsonntag, zeigte sich, wie schwer es den die Kommunisten fiel, die Kontrolle zu behalten: 300.000 Menschen fluteten den Warschauer Siegesplatz. Polizei und Miliz waren massiv präsent, hielten sich aber im Hintergrund.

Stsatsfernsehen wollte Menschenmassen verheimlichen

Die hilflosen Versuche des Staatsfernsehens, die Kameras so zu führen, dass die Menschenmassen nicht zu sehen waren, wurden rasch durchschaut. Die Predigt endete mit der Bitte an den Heiligen Geist, "das Angesicht dieses Landes zu erneuern" – und mit Applaus. Die folgenden Tage wurden zu einem Triumphzug. Mehrere Millionen Menschen erlebten den Papst live, alle Gottesdienste wurden im Staatsfernsehen übertragen, das ganze Land schien nur noch auf diese eine Stimme zu hören.

Abschluss und Höhepunkt war ein feierlicher Gottesdienst in Wojtylas Bischofsstadt Krakau mit rund zwei Millionen Menschen. Die Schlussworte improvisierte er, und sie waren eine unmissverständliche Ermutigung vor einem langen, zähen Kampf: "Ich bitte euch, verliert niemals das Vertrauen, lasst euch nicht niederschlagen und nicht entmutigen. Und ich bitte euch, niemals die Wurzeln zu kappen, aus denen wir entstanden sind. Ich bitte euch, traut euch, trotz all eurer Schwäche, eure Kraft bei dem zu suchen, bei dem schon so viele Generationen unserer Väter und Mütter sie gefunden haben. Trennt euch niemals von ihm! Verliert nie die Freiheit des Geistes, mit der er den Menschen befreit!"

Lech Walesa im Jahr 1980

Der polnische Gewerkschaftsführer Lech Walesa hält ein Porträt von Johannes Paul II. hoch. Es ist ein Geschenkt des Papstes an die Solidarnosc.

Der Rest ist Geschichte. Bis zur Befreiung von der kommunistischen Diktatur sollte es in Polen und im gesamten Ostblock noch zehn Jahre dauern, aber der erste Schritt war gemacht. 14 Monate später erzwangen streikende katholische Arbeiter in der Danziger Leninwerft erstmals Zugeständnisse der Machthaber, ein weiteres Jahr später legte Solidarnosc ganz Polen mit Streiks lahm.

Das von der Armee verhängte Kriegsrecht konnte den Widerstand nicht dauerhaft brechen – auch weil der Papst von Rom aus seine Anhänger in der Heimat weiter unterstützte. Der zähe Widerstand der Polen ermutigte die Opposition auch in den anderen Ländern des Ostblocks – zumal die Führung in Moskau (anders als 1968 in Prag) keine Anstalten machte, die Solidarnosc-Bewegung mit Panzern niederzuwalzen.

Als Johannes Paul II. im Juni 1999 genau 20 Jahre nach seiner ersten Polenreise vor dem Parlament in Warschau zurückblickte, räumte er freimütig ein, dass er selbst nicht geahnt hatte, welche Auswirkungen seine Predigten haben würden: "Als wir vor 20 Jahren voll Vertrauen um diese Erneuerung flehten, wussten wir noch nicht, in welcher Form sich dieser Wandel in Polen vollziehen würde. Heute ist uns bewusst, wie tiefgreifend die Einwirkung der befreienden, heilenden und reinigenden göttlichen Macht war."

Von Ludwig Ring-Eifel (KNA)