Konrad Zdarsa
Der Augsburger Oberhirte wird 75 Jahre alt

Bischof Zdarsa – Die letzte Messe ist noch nicht gelesen

Als Katholik in der DDR aufgewachsen, kam er in schwierigen Zeiten in das Bistum Augsburg. Was Bischof Konrad Zdarsa mitbrachte? Seinen unerschütterlichen Glauben an den Tag des Herrn. An diesem Freitag feiert er seinen 75. Geburtstag. Und der leise Oberhirte geht mit einem lauten Abgang.

Von Matthias Altmann |  Bonn/Augsburg - 07.06.2019

Kurz vor dem vermutlichen Ende seiner Amtszeit hat er sich dann doch noch zu Wort gemeldet. Das Anliegen der Fraueninitiative "Maria 2.0" sei "nicht im Sinne des katholischen Glaubens", schrieb der Augsburger Bischof Konrad Zdarsa in einer Erklärung, nachdem sich Mitte Mai viele Frauen am deutschlandweiten Kirchenstreik beteiligt hatten. Wenige Tage später legte Zdarsa nach: Der von den deutschen Bischöfen beschlossene "synodale Weg" sei ein "Etikettenschwindel", er selbst habe sich bei der Abstimmung darüber "sichtbar" enthalten.

Für derart medienwirksame Äußerungen ist der Augsburger Oberhirte, der an diesem Freitag 75 Jahre alt wird und damit die übliche Altersgrenze für Bischöfe erreicht, eher nicht bekannt. Zdarsa hielt sich während seiner Zeit als Bischof öffentlich meistens zurück. Schon vor seinem Amtsantritt in Augsburg verpassten ihm die Medien das Prädikat "unauffällig". Zdarsa wirkte eher nach innen – darin sieht er seine primäre Aufgabe als Bischof. Wenn er etwas zu sagen hatte, tat er das in Form von Hirtenbriefen oder im Rahmen einer Predigt – sozusagen im eingeweihten Kreis. Im Bistum Augsburg war und ist das noch möglich. Denn der Kreis ist dort bis heute einigermaßen groß.

Linktipp: Bischof Zdarsa: "Synodaler Weg ist Etikettenschwindel"

Anfang Juni wird Augsburgs Bischof Konrad Zdarsa 75 Jahre alt und muss Papst Franziskus seinen Rücktritt anbieten. Im Interview verrät Zdarsa seine Pläne für den Ruhestand und dass er oft eine andere Meinung als seine Bischofs-Kollegen vertreten hat – auch beim "synodalen Weg".

Als Geistlicher, der in der DDR aufgewachsen ist, hat Zdarsa die Kirche unter ganz anderen, den schwierigen Bedingungen des "real existierenden Sozialismus" erlebt. 1944 wurde er im sächsischen Hainichen geboren. Sein Vater stammte aus der Steiermark, seine Mutter, eine Schwester des späteren bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel, aus Bayern. Da ihm als praktizierenden Katholiken der Besuch der weiterführenden Schule verweigert wurde, erlernte er zunächst den Beruf des Drehers. Anschließend legte er in Magdeburg das kirchliche Abitur ab und begann, am Erfurter Priesterseminar Theologie und Philosophie zu studieren. 1974 wurde er schließlich zum Priester geweiht und arbeitete neben Aufgaben im Ordinariat der Diözese Dresden-Meißen als Gemeindeseelsorger.

Die österreichische Staatsbürgerschaft, die Zdarsa aufgrund der Herkunft seines Vaters besaß, sicherte ihm in der DDR einen Freiraum, den andere Priester nicht hatten: Er konnte frei reisen und unter anderem an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Kirchenrecht promovieren. Dennoch blieb er bis zur deutschen Wiedervereinigung und weit darüber hinaus dem Dienst der Kirche in Sachsen treu. 2004 wurde Zdarsa schließlich Generalvikar der Diözese Dresden-Meißen.

Bischof an der Grenze zu Polen

2007 folgte der nächste Karrieresprung: Papst Benedikt XVI. ernannte ihn zum Bischof des 1994 gegründeten Bistums Görlitz, die Bischofsweihe spendete ihm Kardinal Georg Sterzinsky, damals Erzbischof von Berlin. Die Diözese im äußersten Osten Deutschlands hatte als Brücke der deutschen Kirche nach Polen an Profil gewonnen. Auch für Zdarsa war der Kontakt zu den Nachbarn wichtig, gerade wegen der gemeinsamen, oft schwierigen Geschichte. "Auf diese Vergangenheit schauen wir zurück, haben aber vor allem die Verpflichtung, die Gegenwart zu meistern und damit auch, die Zukunft zu gestalten", sagte er.

Doch allzu lange sollte Zdarsa nicht in Görlitz bleiben. Benedikt XVI. betraute ihn im Juli 2010 mit einer der wohl schwierigsten Aufgaben, die die katholische Kirche in Deutschland zur damaligen Zeit zu bieten hatte: Er wurde als Bischof nach Augsburg berufen. Nicht nur, dass die Größe seines Territoriums und die Anzahl der Gläubigen, für die er Sorge tragen musste, beträchtlich wuchsen: Das Bistum Görlitz zählt rund 30.000, das Bistum Augsburg rund 1,3 Millionen Katholiken. Die Diözese im Südwesten Bayerns war in schwere Turbulenzen geraten, nachdem Zdarsas Vorgänger, Walter Mixa, wegen Prügel- und Missbrauchsvorwürfen zurückgetreten war. Mixa sorgte während seiner Amtszeit außerdem mit zugespitzten Wortmeldungen immer wieder für Wirbel, was für tiefe Gräben zwischen seinen Anhängern und Gegnern sorgte. Zdarsa hatte nun den Auftrag, diesen Konflikt zu befrieden. Am 23. Oktober wurde er offiziell in sein neues Amt eingeführt.

Die Eröffnung der Diaspora-Aktion des Bonifatiuswerks im Augsburger Dom.

Bischof Konrad Zdarsa bei einem Gottesdiest im Augsburger Dom.

Doch es dauerte nicht lange, bis es auch unter Zdarsa im Bistum wieder Misstöne gab. Gegen seinen Plan, mit der sogenannten Raumplanung 2025 die etwa 1.000 Bistumspfarreien zu rund 200 Seelsorgeeinheiten zusammenzuführen, protestierten Anfang 2012 mehr als 2.500 Menschen vor dem Augsburger Dom. Viele Gläubige verärgerte auch, dass Zdarsa bald nach Beginn seiner Amtszeit deutlich machte, dass die in vielen Pfarreien stattfindenden Wort-Gottes-Feiern kein Ersatz für die Heiligen Messe am Sonntag seien. Zumindest dort, "wo unter zumutbarem Einsatz die Teilnahme an der sonntäglichen Eucharistiefeier möglich ist". Gegen Wort-Gottes-Feiern an Werktagen hatte er dagegen nichts einzuwenden – was in der Empörungswelle allerdings unterging.

Die angemessene Feier des Sonntags liegt Zdarsa besonders am Herzen. So schrieb er in einem Fastenhirtenbrief, dass der Tag "Gottes höchsteigenes Geschenk an uns Menschen" sei. Den Sonntag als Geschenk des Himmels zu feiern, bedeute weit mehr als ihn nur arbeitsfrei zu halten. Alle christlichen Grundvollzüge sollten am Sonntag zu ihrem Recht kommen: den Glauben unerschrocken zu bekennen, ihn liturgisch festlich zu begehen und fürsorglich füreinander da zu sein. Den Tag des Herrn zu begehen, sei "alles andere als eine mehr oder weniger lästig empfundene Pflicht".

Ein Institut, das sich um Neuevangelisierung bemüht

Ein weiteres Anliegen Zdarsas ist die Neuevangelisierung, das Suchen neuer Wege zur Verkündigung der Frohen Botschaft. Während andere Bistümer in dieser Angelegenheit auf eher niedrigschwellige Angebote setzten, gründete Zdarsa ein diözesanes Institut, das vor allem auf Bibelstudium und eucharistische Anbetung setzt. Das Konzept ist in Augsburg relativ erfolgreich – fraglich ist, ob es auf andere Bistümer übertragbar ist.

Zdarsas Linie ist lehramtstreu. 2011 schrieb er etwa in seinem Hirtenwort zur Fastenzeit: "Am wichtigsten ist, dass die Gläubigen bereit sind, in den Zug einzusteigen und in die vorgegebene Richtung mitzufahren." Als der Zug jedoch drohte, die Richtung zu ändern, drückte Zdarsa auf die Bremse. In der Debatte um "Amoris laetitia" sagte er, das Papstschreiben sei gefüllt mit Hinweisen auf eine gute und intensive Ehevorbereitung. Doch anstatt intensiver darüber nachzudenken, werde hierzulande hauptsächlich über den Umgang mit der pastoralen Sondersituation wiederverheirateter Geschiedener diskutiert. 2018 war Zdarsa unter den sieben Unterzeichnern, die sich nach einer Entscheidung der Deutschen Bischofskonferenz mit der Bitte um Klärung an den Vatikan gewandt haben. Es ging darum, ob in einer konfessionsverschiedenen Ehe der protestantische Partner zum Kommunionempfang zuzulassen werden kann.

Das Bistum Augsburg vermutet, dass Zdarsas Amtszeit Anfang Juli endet.

In tagespolitische Debatten hat sich Zdarsa selten eingemischt. Bei der Diskussion um den "Kreuzerlass" des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder ließ das Bistum ausrichten, dass es sich dabei um eine parteipolitische Entscheidung handle – was Bischof Zdarsa grundsätzlich nicht kommentiere. Doch als es Protest gegen eine geplante Flüchtlingsunterkunft der Caritas im Augsburger Stadtteil Göggingen gab, hielt sich die Diözese mit Zdarsa an der Spitze an ihr Versprechen, den Bau mit einer beträchtlichen Summe zu unterstützen. Und als eine Asylunterkunft im oberbayerischen Reichertshofen 2015 Opfer eines Brandanschlags wurde, sprach ein tief betroffener Zdarsa von einem "verabscheuungswürdiges Verbrechen".

Wann genau Bischof Zdarsa in den Ruhestand eintritt, ist noch nicht klar. Das Bistum rechnet allerdings damit, dass es ziemlich schnell gehen könnte: Als Zeitpunkt kursiert Anfang Juli, wenn die Diözese ihren Jahreshöhepunkt, die Ulrichswoche, feiert. Sein Rücktrittsgesuch hat Zdarsa schon Ende des vergangenen Jahres in Rom eingereicht. Sicher ist jedenfalls, dass Zdarsa Augsburg verlassen und nach Sachsen, genauer gesagt nach Dresden, zurückkehren wird. "Das ist die Landschaft, die ich kenne, dort bin ich aufgewachsen und sozialisiert", sagt er. Doch auch, wenn es dort wohl still um ihn werden wird: Langeweile wird er nicht empfinden. Er möchte in der Seelsorge helfen und täglich die Heilige Messe feiern.

Von Matthias Altmann