Missbrauchs-Forscher kritisiert Benedikt XVI. und Beichte
"Jenseits aller wissenschaftlichen Erkenntnis"

Missbrauchs-Forscher kritisiert Benedikt XVI. und Beichte

Für den emeritierten Papst Benedikt XVI. sind die 68er Mitschuld am kirchlichen Missbrauch. Unsinn, sagt Psychiater Harald Dreßing. Nicht nur, dass es bereits in den 40er und 50er Jahren sehr viele Missbrauchsfälle gegeben habe. Auch gebe es "spezielle Risikokonstellationen" in der Kirche.

Köln - 01.07.2019

Der Leiter der Forschergruppe, die im Herbst eine wissenschaftliche Studie über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche vorgelegt hat, kritisiert Aussagen des früheren Papstes Benedikt XVI. zum Thema und die Kinderbeichte in der katholischen Kirche. Die Äußerungen des emeritierten Papstes, nach denen der Missbrauch vor allem von außen in die katholische Kirche hineingetragen worden sei, seien nicht hilfreich und "jenseits aller wissenschaftlichen Erkenntnis", sagte der Mannheimer Psychiater Harald Dreßing am Montag in einem Interview im Deutschlandfunk.

Wörtlich betonte Dreßing: "Und diese Verlautbarungen, mit Verlaub gesagt, entsprechen ja nicht der Realität. Er hat ja auch gemeint, es habe etwas mit den 68ern zu tun. Also, wir haben unsere Studie ja ab 1946 gemacht. Und es gibt auch sehr, sehr viele Fälle, die in den 40er und 50er Jahren sich ereignet haben."

Bereits vorher viel Kritik an Benedikt

In einem Mitte April veröffentlichten Aufsatz hatte Benedikt XVI. eine "Erneuerung des Glaubens" gefordert und als zentrale Ursache für Missbrauch Gottlosigkeit und eine Entfremdung vom Glauben genannt, die sich seit den 1960er Jahren auch in einer Abkehr von der katholischen Sexualmoral breitgemacht habe. Der Aufsatz sorgte für viel Aufsehen und Kritik. Mehrere Theologen wandten sich auch gegen die Aussage Benedikts, seit den 1960er Jahren habe sich ein "Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie ereignet, der die Kirche wehrlos gegenüber den Vorgängen in der Gesellschaft machte".

Papst Benedikt. XVI. bei einer Messe im Vatikan

Die Äußerungen des emeritierten Papstes Benedikt. XVI. sorgten für Kritik.

Natürlich, so Dreßing, gebe es auch in anderen Institutionen Missbrauch, worauf der frühere Papst ebenfalls hingewiesen hatte. Allerdings schreibe die katholische Kirche den Gläubigen vor, was moralisch gut und schlecht sei, auch im sexuellen Bereich: "Wenn man von einer so hohen Fallhöhe kommt, verbietet es sich, mit dem Finger auf andere zu zeigen."

Dreßing verwies in dem Interview auch auf "spezifische Risikokonstellationen" für Missbrauch in der katholischen Kirche. Dazu gehöre eine "völlig veraltete und modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht entsprechende Sexualmoral, auch die Einstellung zu Homosexualität".

Beichte als Problemfeld

Oft problematisch, so der Psychiater, sei außerdem der Umgang mit der Beichte, die laut Erkenntnissen aus der Studie auch "genutzt wurde, um Kinder auszuspähen sozusagen. Wer kommt als Opfer infrage? Der Beichtstuhl war teilweise Tatort und die Beschuldigten haben teilweise ihre Taten da gebeichtet, haben Absolution bekommen und weitergemacht."

Aus psychiatrisch-psychologischer Sicht seien zudem Kinder in dem Alter, in dem sie beichten sollen, "überhaupt nicht in der Lage, entwicklungspsychologisch eine solche Schuld zu beichten, wie das von ihnen gefordert wird. Die Kinderbeichte als solche müsste man, wenn man die Entwicklungspsychologie zugrunde legt, eigentlich abschaffen."

Darüber hinaus wiederholte Dreßing seine Kritik an den deutschen Bischöfen. Diese hätten keine gemeinsame Strategie bei der Aufarbeitung des Missbrauchs.

Die von Dreßing im Auftrag der deutschen Bischofskonferenz ausgearbeitete MHG-Studie hatte aufgrund von Aktenstudien eine Zahl von 3.677 Betroffenen sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche ermittelt. Demnach gab es zwischen 1946 und 2014 in Deutschland mindestens 1.670 Beschuldigte sexueller Übergriffe, darunter mehrheitlich Priester. Damit sind rund 4,4 Prozent aller deutschen Kleriker aus dem Untersuchungszeitraum des Missbrauchs beschuldigt. Dafür ausgewertet wurden rund 38.000 Akten. (cph/KNA)