Kritik an Erzbischof Heiner Koch

Ethiker: Rackete und Thunberg Heldinnen, aber keine Heiligen

Aktualisiert am 22.07.2019  –  Lesedauer: 

Köln ‐ Für den Berliner Ethiker Arnd Pollmann sind die beiden Aktivistinnen Carola Rackete und Greta Thunberg keine Heiligen oder Propheten. Auch frühere Aussagen des Berliner Bischofs diesbezüglich hält Pollmann für falsch.

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Aus Sicht des Berliner Ethikers Arnd Pollmann kann man die Klima-Aktivistin Greta Thunberg und die ehemalige Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete als "Heldinnen" bezeichnen, aber nicht als "Heilige". Heldinnen "tun außeralltägliche Dinge, Dinge, die teilweise weit über das hinausgehen, was sogenannte normale Menschen tun und als ihre moralische Pflicht begreifen würden", sagte er am Montag im Deutschlandfunk.

Heldin oder Autistische Schulschwänzerin?

Dabei gingen sie teilweise ein großes persönliches Risiko ein und zeigten, was Menschen möglich sei, "wo wir selbst dazu in aller Regel zu feige sind. Und ich glaube eben, das trifft auch auf Greta Thunberg oder Carola Rackete zu." Allerdings sei dies keinesfalls Konsens, denn sie würden von manchen auch als "autistische Schulschwänzerin" oder "gesetzlose Verbrecherin"kritisiert.

Im Unterschied zu Helden, so Pollmann weiter, seien Heilige "darauf gepolt, wenn man so will, geradezu wie selbstverständlich, automatisch, das übergebührlich Gute zu tun". Heilige seien in einer gewissen Weise "nicht ganz von dieser Welt - Heldinnen hingegen schon". Sie kämpften auf sehr irdische Weise gegen ihre eigene Furcht und ihre eigenen Ängste an.

Bild: ©KNA/Melanie Pies

Heiner Koch ist seit 2015 Erzbischof von Berlin.

Der Professor für Ethik an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin kritisierte außerdem die Aussage des Berliner Erzbischofs Heiner Koch, der Greta Thunberg im April als "Prophetin" bezeichnet hatte, die auf Missstände hinweise. Das religiöse Wort "Prophetin" sei schon deshalb nicht zutreffend, "weil im Gegensatz zu einem weit verbreiteten Missverständnis Prophetinnen und Propheten keine Hellseher sind, die die Zukunft voraussagen". Sie seien vielmehr, "wenn man so will, Medien, derer sich ein Gott bedient, um seine Worte unter das Volk zu bringen".

Koch hatte erklärt, die Schülerproteste von "Fridays for Future" erinnerten ihn "ein wenig an die biblische Szene vom Einzug Jesu in Jerusalem". Schon damals wurde kritisiert, Koch habe Thunberg mit der Bezeichnung "Prophetin" zu einer "Heilsfigur" erhoben. Dazu sagte Koch, Propheten seien keine Heilsfiguren. Die biblischen Propheten seien "unbequeme Mahner, die aus einer tiefen Glaubensüberzeugung mit ihrem Leben für ihre Konsequenz und ihre Widerständigkeit bezahlt haben". Thunberg sei "keine Prophetin in diesem Sinn, aber sie steht für eine Botschaft, die ich für prophetisch halte, sie lautet: 'Wenn wir so weiterleben wie bisher, wird es mit der Bewahrung der Schöpfung schwierig werden.'"

Kehren vor der eigenen Haustür

Im Deutschlandfunk sagte Ethiker Pollmann weiter, er siehe bei den aktuelle "Heldinnen" wie Greta Thunberg oder Carola Rackete "eine gewisse Tendenz zur Tugendethik". Denn "bevor diese jungen Frauen ihrem Gegenüber moralische Vorwürfe machen, kehren sie lieber vor der eigenen Haustür - sie moralisieren nicht, sie packen selbst an". Das sei "eine typisch tugendethische Grundhaltung, die in unserer moralinsauren Welt fast ein wenig altmodisch wirkt." (gho/KNA)