Rücksichtsloses Überholen macht keinen Sinn mehr
Schwester Charis Doepgen über das Sonntagsevangelium

Rücksichtsloses Überholen macht keinen Sinn mehr

"Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen" – das klingt zunächst nach einer religiösen Ellenbogen-Gesellschaft. Unsere Autorin Schwester Charis Doepgen geht der Frage nach, worauf es Jesus wirklich ankommt.

Von Sr. Charis Doepgen OSB |  Bonn - 24.08.2019

Ausgelegt Autorin Schwester Doepgen

Impuls von Schwester Charis Doepgen

Heute bietet uns das Evangelium ein Bild an, mit dem wir alle unsere Erfahrungen haben. Dreimal ist von einer Tür die Rede. Da sehen wir uns zuerst vor eine enge Tür gestellt. Sie zu durchschreiten erfordert Kraft und ist mühsam. Die Erinnerung an das Nadelöhr stellt sich ein. Gepäck in den Händen kann da schon zum Hindernis werden. Also heißt es, vorher Ballast abwerfen. Und selbst danach kann ein aufgeblähtes Selbstbewusstsein noch den Durchgang stoppen.

Es geht Jesus darum, mit diesem Bild klarzumachen, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um gerettet zu werden. Rettung meint im Sinne des Fragestellers: Was muss ich tun, damit mein Leben eine Zukunft hat? Oder anders: Was ist notwendig, damit ich am Ende auf der richtigen Seite stehe? Vor der richtigen Seite ist die enge Tür. Aber nicht nur das Format muss stimmen, auch der Zeitpunkt. Die Tür ist nicht unbegrenzt offen. Für die Planung unserer Zukunft gibt es einen Kairos, einen Zeit-Punkt, an dem noch alle Möglichkeiten offen sind. Das ist der Moment, wo Entscheidungen nicht vertagt werden können.

In der bilderreichen Sprache Jesu kommt die Tür auch an anderen Stellen vor. Die klugen und törichten Jungfrauen (vgl. Mt 25,1-13) sehen sich mit dem gleichen Problem konfrontiert. Ein bisschen Schlaf und Vergesslichkeit kann fatale Folgen haben. Wie frustrierend ist es doch, vergeblich an eine verschlossene Tür zu klopfen, die eben noch offen stand!

Was Jesus dem Fragesteller heute klarmachen will, ist nicht um wie viele oder wenige es geht, sondern um die Ernsthaftigkeit des Einzelnen. Nicht "Ich war doch immer mit dabei" - etwa wenn kirchlich was los war -, ist letztlich entscheidend. Er möchte wissen, wes Geistes Kind wir sind. Hat mich Gott als einen betenden Menschen kennengelernt? Als einen barmherzigen Menschen, der an fremder Not nicht vorbeigeht? Ist sein Wort in meinem Leben der Kompass mit dem ich unterwegs bin?

Dass Jesus viel lieber Türen offen hält als mit geschlossenen zu drohen, lesen wir im Brief an die Gemeinde von Philadelphia (Offb 3,8): "Ich kenne deine Werke, und ich habe vor dir eine Tür geöffnet, die niemand mehr schließen kann. Du hast nur geringe Kraft, und dennoch hast du an meinem Wort festgehalten und meinen Namen nicht verleugnet." Das gibt auch den nicht ganz Perfekten Hoffnung – ohne der engen Tür ihren Ernst zu nehmen.

Der Schlusssatz von den Letzten, die Erste sein werden, und den Ersten, die Letzte sein werden, bringt ein göttliches Prinzip auf den Punkt: Nicht die Karrieretypen sind die Gewinner, sondern die Mühseligen und Beladenen. Also: Bleib bei deinem Tempo und auf deiner Spur. Rücksichtsloses Überholen macht keinen Sinn mehr. - Ein Satz, ins Stammbuch von Hierarchien geschrieben.

Von Sr. Charis Doepgen OSB

Evangelium nach Lukas (Lk 13,22-30)

In jener Zeit zog Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und lehrte. Da fragte ihn einer: Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden? Er sagte zu ihnen: Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen.

Wenn der Herr des Hauses aufsteht und die Tür verschließt und ihr draußen steht, an die Tür klopft und ruft: Herr, mach uns auf!, dann wird er euch antworten: Ich weiß nicht, woher ihr seid. Dann werdet ihr anfangen zu sagen: Wir haben doch in deinem Beisein gegessen und getrunken und du hast auf unseren Straßen gelehrt.

Er aber wird euch erwidern: Ich weiß nicht, woher ihr seid. Weg von mir, ihr habt alle Unrecht getan! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein, wenn ihr seht, dass Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes sind, ihr selbst aber ausgeschlossen seid.

Und sie werden von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen. Und siehe, da sind Letzte, die werden Erste sein, und da sind Erste, die werden Letzte sein.

Die Autorin

Schwester Charis Doepgen OSB ist Benediktinerin in der Abtei St. Erentraud in Kellenried bei Ravensburg.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreiben Ordensleute und Priester für uns.