Die Amazonas-Synode: "Neue Wege" für Umwelt und Kirche
Am Sonntag beginnt das dreiwöchige Bischofstreffen im Vatikan

Die Amazonas-Synode: "Neue Wege" für Umwelt und Kirche

Nun ist es soweit: Nach monatelangen Vorbereitungen steht der Beginn der Amazonas-Synode bevor. Ab Sonntag werden die 185 teilnehmenden Bischöfe sowie rund 80 weitere Experten und Beobachter über Lösungen für die Herausforderungen Amazoniens beraten – auch Frauen diskutieren mit.

Von Johannes Schidelko |  Vatikanstadt - 05.10.2019

185 Bischöfe aus aller Welt, darunter alle 113 Oberhirten aus dem Amazonasgebiet treten ab Sonntag im Vatikan zur Weltbischofssynode zum Thema "Amazonien – neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie" zusammen. Es ist eine Sondersynode, die sich mit einer bestimmten Weltregion befasst, aber sie betrifft zugleich die gesamte Weltkirche, hob Synoden-Generalsekretär Kardinal Lorenzo Baldisseri hervor. Und es ist eine Synode mit einem doppelten Fokus: Es geht um die Verkündigung der christlichen Heilsbotschaft und zugleich um Grundfragen der Ökologie. Denn die Verteidigung der Erde, der Kultur und des Lebens sind untrennbar miteinander verknüpft. Die Verkündigung des Evangeliums kann nicht von der Beziehung zur Natur, zur Kultur und zur Gesellschaft absehen, in der sie erfolgt. Hier soll die Synode in den kommenden drei Wochen "neue Wege" suchen und finden.

Diese Suche nach neuen Wegen unter den besonderen und extremen Bedingungen der Amazonas-Region hat im Vorfeld Erwartungen geschürt und Spekulationen beflügelt, wie selten zuvor bei einer Synode. Zugleich hat das ganze Projekt auch breite Kritik bis in höchste Kirchenkreise hinein ausgelöst, bis zum Vorwurf der Häresie. Das "Arbeitspapier" des Treffens bringt in einem Absatz (129) Überlegungen zu "viri probati" zur Sprache, die unter bestimmten Bedingungen in abgelegenen Regionen eine sakramentale Grundversorgung ermöglichen könnten. In 70 bis 80 Prozent der Gemeinden in der Amazonas-Region fehle es an Priestern, betonte Kardinal Claudio Hummes, der für die inhaltliche Linie der Synode zuständige Generalrelator. Nur wenige Menschen hätten Zugang insbesondere zur Eucharistie: "Es gibt eine Kluft zwischen dem Wort Gottes und der religiösen Praxis." Auch hier gelte es neue Wege für einen besseren Zugang zu finden, sagte er bei der Auftakt-Pressekonferenz.

Im Vorfeld der Bischofsversammlung spielte zudem die Mitwirkung von Frauen in der Synode und überhaupt in der Kirche eine wichtige Rolle. Ordensfrauen forderten in verschiedenen Initiativen ein Stimmrecht, zuletzt in einer Tagung unmittelbar vor Synodenbeginn in Rom. Es gehe nicht an, dass einige Ordensbrüder, die keine Priester seien, als vollwertige Teilnehmer akzeptiert würden – wie bei der letzten Synode – nicht aber Ordensschwestern. Auf diese Frage konnten die Organisatoren keine schlüssige Antwort geben. Sie verwiesen auf die Rechtslage, nach der Mitglieder der Synode nur Bischöfe und auch einige Priester sein könnten, wobei der Papst natürlich immer Sonderregelungen treffen könne. Weiter wollten insbesondere einige konservative Blogs einen wechselseitigen Bezug zwischen dem in Deutschland geplanten "synodalen Weg" und der Amazonas-Synode sehen, etwa bei einer Neubewertung des Zölibat oder der Rolle von Frauen in der Kirche. Die römischen Organisatoren wiesen das brüsk zurück. Die Kirche in Deutschland sei eine unter vielen anderen im großen Geflecht der Weltkirche.

Bischöfe nehmen an der Generalversammlung der Jugendsynode teil.

185 Bischöfe aus aller Welt werden an der Amazonas-Synode teilnehmen - viele von ihnen sind von den Problemen der Region direkt betroffen.

Den Häresie-Vorwurf wiesen die Synoden-Organisatoren grundsätzlich ab. Beim Arbeitspapier handele es sich nicht um ein päpstliches Dokument oder ein lehramtliches Schreiben, sondern um eine Materialsammlung, über die die Synode beraten solle. Für das rund 100-seitige Papier mit 147 Paragraphen waren 80.000 Menschen befragt und 170 Sitzungen anberaumt worden. "Es ist die Stimme der lokalen Kirchen, der Menschen, ihrer Geschichte und ihres Landes", so Baldisseri. Und jeder kann in der Kirche frei seine Meinung äußern. Die Synode sollte diese Stimmen hören und darüber beraten – "mit Petrus und unter Petrus". Über die Beratungen werden die Synodalen dann einen Schlusstext erstellen. Letztlich liegt es aber am Papst, was er damit macht, und wie er ihn für ein offizielles Abschluss-Dokument verwertet.

35 Frauen bei Amazonas-Synode dabei

Anders als bei Ordentlichen Synoden wird diesmal nicht nur eine repräsentative Vertretung der Ortskirchen eingeladen. Zur Sondersynode für den Amazonas sind alle 113 Bischöfe der Amazonas-Region anwesend, die aus den neun Ländern Guayana, Surinam, Französisch-Guayana (sie gehören zur Bischofskonferenz der Antillen), Venezuela, Kolumbien, Equador, Brasilien, Bolivien und Peru kommen. Weitere Mitglieder der Synode sind die Leiter von Kurienbehörden (13), die Mitglieder des synodalen Vorbereitungsrates (15), dann 15 Ordensobere und 33 eigens vom Papst ernannte Mitglieder. Darunter sind Kirchenführer aus Ländern mit ähnlichen geografischen und ökologischen Bedingungen, wie etwa dem Kongobecken, aber auch der Oberhirte von Port Moresby auf Papua-Neuguinea. Vom Papst berufen wurden der Münchener Kardinal Reinhard Marx und die übrigen Mitglieder des obersten Kardinalsrats, dann sein Wiener Amtsbruder Christoph Schönborn, die beiden "Europa-Bischöfe" Jean-Claude Hollerich (COMECE) und Angelo Bagnasco (CCEE).

Zu den 185 Synoden-Mitgliedern hinzu kommen 12 Wissenschaftler (insbesondere aus dem Ökologiesektor) – so viele wie nie zuvor bei einer Synode. Zudem 25 Experten, die den Generalrelator vor allem für das Schlussdokument unterstützen, weiter 55 Beobachter und sechs Vertreter anderer christlicher Kirchen. Darunter sind 35 Frauen, zwei unter den Wissenschaftlern, vier unter den Experten (davon zwei Ordensfrauen) und 29 Beobachterinnen (18 Ordensfrauen). Insgesamt also rund 80 weitere Synodenteilnehmer.

Blick in den Umweltenzyklika von Papst Franziskus
Bild: © KNA

Die Umweltenzyklika des Papstes aus dem jahr 2015 trägt den Titel "Laudato si".

Als wichtiges Grundlagen-Dokument der Synode gilt nach Worten von Generalrelator Hummes das Papst-Schreiben "Laudato si". Dort beschreibt der Papst die ernsten und dringenden sozio-ökologischen Krisen: Die Klimakrise, also die globale Erwärmung durch den Treibhauseffekt; die ökologische Krise infolge von Rodungen, Zerstörungen, Kontaminationen und Verwüstungen, insbesondere im Amazonasgebiet, der "Lunge des Planeten". Und drittens die wachsende soziale Krise der Armut und des schreienden Elens, von der so viele Menschen betroffen sind, insbesondere die Urbevölkerung, die Kleinbauern, die Anrainer des Flusses und die Bewohner in den Außenbezirken der Amazonas-Städte. So wird, laut Hummes, ein ökologischer Ansatz zu einem sozialen Ansatz, der Gerechtigkeits- und Umweltdebatten einbeziehen muss. Somit gebe es letztlich keine getrennten Krisen sondern nur eine: eine einzige und komplexe sozio-ökologische Krise. Die Lösungsrichtlinien erfordern einen umfassenden Ansatz zur Bekämpfung der Armut, zur Wiederherstellung der Würde der Ausgeschlossenen und zur gleichzeitigen Wahrung der Natur.

In diesem Umfeld gelte es, "neue Wege" für die Evangelisierung für diesen Teil des Gottesvolkes zu finden, insbesondere der Ureinwohner, die oft vergessen und ohne Perspektive in der Amazonas-Regenwaldkrise leben. Die Kirche habe hier die Mission, zu evangelisieren, Jesus Christus und sein Reich zu verkünden und sich folglich um das "gemeinsame Haus" zu kümmern. Es gehe darum, das Leben aller Menschen, insbesondere der dort wohnenden Ureinwohner, und die biologische Vielfalt zu schützen. Im Rahmen einer "integralen Ökologie", in der alles miteinander verbunden ist: Menschen, Gemeinschaft und soziales Leben und Natur. Was der Erde angetan wird, ist schlecht für den Menschen und umgekehrt. Es bedarf einer ökologischen Umstellung, die sich vom heiligen Franziskus von Assisi inspirieren lassen kann.

Vor diesem Hintergrund will die Synode selbst mit gutem und umweltschonendem Beispiel vorangehen. Die Akkreditierung und Registrierung erfolgte ausschließlich online – um Papier und Porto zu sparen und den Prozess zu beschleunigen. Zudem will die Tagung weitgehend auf Plastik verzichten. Trinkbecher sind aus recyclebarem Material, die Taschen für die Tagungsunterlagen aus Naturfasern, und gedruckt wird auf umweltfreundlichem Papier.

Von Johannes Schidelko