Ein Gemälde mit Jesus, der das Kreuz trägt, einer Taube und Gottvater, der als alter Mann mit Bart dargestellt wird.
Kolumne: Mein Religionsunterricht

Schülern Gott näherbringen – ohne Abschluss in Theologie und Didaktik?

Im dritten Semester Theologie auf Lehramt studieren und trotzdem schon Religionsunterricht geben? Durch Lehrermangel komme das vor, sagt Carina Caruso. Doch kann man Schülern die Dreifaltigkeit erklären, wenn man sie selbst noch nicht verstanden hat?

Von Carina Caruso |  Bonn/Trier - 11.10.2019

Eine Studierende klopft an der Tür – ich habe zwar zu diesem Zeitpunkt keine Sprechstunde, aber "kommen Sie herein". Die Studierende wünscht eine Besprechung ihrer Klausurleistung. Die Prüfung in "Einführung in die Religionsdidaktik" hat sie leider nicht bestanden. Wir sind uns schnell darüber einig, dass das Resultat der Bewertung seine Ursache darin findet, dass sie viele Fragen intuitiv und nicht auf Basis ihres Wissens über religionsdidaktische Ansätze beantwortet hat.

Die Studierende überrascht das Ergebnis meiner Bewertung gar nicht. Anhand des Gesprächs wird deutlich, dass sie weniger eine Erläuterung meiner Beurteilung wünscht als vielmehr mir gegenüber erklären will, warum sie nicht bestanden hat. "Ich habe leider keine Zeit gehabt zu lernen – ich muss viel Unterricht vorbereiten."

Ich bin verwundert, denn die Studentin studiert nicht etwa Religion als Drittfach. Sie ist Anfang 20 und hat gerade vor einem Jahr ihr Lehramtsstudium für Gymnasien und Gesamtschule begonnen. Ich frage nach. Die junge Studentin unterrichtet seit vier Monaten 13 Stunden Religion an einem Gymnasium. Kein Einzelfall – zumindest unter meinen Studierenden. Viele – allerdings haben die meiner Erfahrung nach schon etwas länger studiert – unterrichten schon lange vor ihrem Studienabschluss Religion: teilweise an Berufskollegs, zum Teil in Sekundarstufe I und II.

Können Studierende Religion vermitteln?

Gründe für dieses Phänomen gibt es sicherlich viele. Fern läge es mir den Eindruck zu erwecken, dass jemand dafür die "Schuld" trägt: In verschiedenen Fächern gibt es immer mal wieder einen Mangel an Lehrkräften. Es braucht zeitweise einen Ersatz für Lehrer in Elternzeit oder für diejenigen, die aus anderen Gründen über einen längeren Zeitraum ausfallen. Oder die Pensionierungswelle rollt einfach viel schneller, als der Nachwuchs sich entwickeln kann. Vielleicht gibt es aber auch nur eine geringe Anzahl angehender katholischer Religionslehrer. Zumindest für meine Ausbildungsregion darf ich verraten, dass die Studierendenzahlen in den vergangenen Jahren stark gesunken sind. Kurzum: Wie viele Lehrkräfte es zu welchem Zeitpunkt und für welches Fach wann und wo braucht, scheint mir trotz aller Prognosen schwer voraussehbar zu sein. Insofern kann ich nachvollziehen, dass Studierende an Schulen unterrichten.

Ich bin nicht daran interessiert, die Schuldfrage zu stellen oder gar zu diskutieren. Vielmehr treibt mich um, inwiefern der studentische Unterricht Religionsunterricht verändert. Kann man Religionsunterricht ohne Wissen über Religionsdidaktik und ohne fundiertes Fachwissen unterrichten? Offensichtlich – aber was für eine Art von Religionsunterricht ist das und welche Grenzen und oder auch Chancen sind damit verbunden?

Bild: © KNA

Jugendliche haben beim Schulgottesdienst die Hände zum Gebet gefaltet.

Aus studentischer Sicht liegen die Vorteile eines solchen Jobs auf der Hand: man kann prüfen, ob der Lehrberuf den Berufsvorstellungen entspricht, üben, wie man Unterricht plant, mit Schülern spricht oder Materialien für das Referendariat sammeln. Ich selbst hatte als Studentin eine ganze Zeit lang mindestens zwei Jobs. Schon während des Studiums in dem Feld zu arbeiten, für das man sich zu Studienbeginn entschieden hat, ist verständlicherweise mit Blick auf die Entwicklung einer eigenen Berufsbiographie – aber auch finanziell – reizvoller als Nachtschichten an einer Hotelrezeption, Kellnern oder in der vorlesungsfreien Zeit als Produktionshelfer zu arbeiten.

Misst man guten Unterricht an der Schülerbeteiligung?

Als jemand, der sich mit der professionellen Entwicklung von Lehrkräften auseinandersetzt, sehe ich gleichzeitig aber auch Nachteile. Unterrichten Studierende über einen längeren Zeitraum ohne Begleitung von Experten, so können sich Routinen bilden, die schwer wieder abzulegen sind. Dadurch können auch Nachteile für das Referendariat entstehen und eben nicht die Vorteile, die sich die Studierenden erhoffen. Guter Unterricht bedeutet für mich, in komplexen pädagogischen Situationen situationsklug zu agieren. Das setzt meiner Meinung nach voraus, dass Handlungsalternativen abgewogen werden. Dafür braucht es pädagogisches und auch didaktisches Wissen. Um Schülern Lerngelegenheiten anzubieten, damit diese Kompetenzen entwickeln können, muss ich zudem an und mit Inhalten arbeiten. Aber wie, wenn ich mich mit theologischen Inhalten vorher noch nicht intensiv auseinandergesetzt habe? Wie kann ich Gott und Christus thematisieren, ohne das Wissen über Trinität? Wie kann ich über die Mitteilung göttlicher Wahrheit sprechen, ohne Offenbarungsverständnisse zu kennen?

Die Schülerbeteiligung scheint mir für die Studierenden keine Möglichkeit darzustellen, die Qualität ihres Unterrichts einschätzen zu lernen. Für die Schüler(nicht)beteiligung gibt es vielfältige Gründe. Zudem gilt meines Erachtens: Guter Unterricht ist nicht unbedingt erfolgreicher Unterricht und vice versa.

Meiner Meinung nach sollte man in den Abiturjahrgängen für den Lehrberuf und auch das Fach Religion sowie das Studium der Theologie werben. Das größte Argument dafür, ein Lehramtsstudium für Theologie aufzunehmen, scheint mir aber dennoch der eigene Religionsunterricht zu sein, sofern es sich dabei um guten und erfolgreichen Religionsunterricht handelt. Das führt mich allerdings wieder zurück zu der Frage: Können Studierende guten Religionsunterricht erteilen? Wenn die Frage bejaht würde, bräuchte es dann ein Studium oder eine zweite und dritte Phase der Lehrerbildung?

Von Carina Caruso

Die Autorin

Dr. Carina Caruso arbeitet am Institut für Katholische Theologie der Universität Paderborn. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Religionsdidaktik ist sie für die Ausbildung von Religionslehrern verantwortlich.

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