Vertauschte Rollen
Schwester Christine Klimann über das Sonntagsevangelium

Vertauschte Rollen

Ausgelegt! - Unsere Autorin wundert sich: Wird Gott hier mit einem ungerechten Richter verglichen, der die Schreie der Unterdrückten ignoriert? Schwester Christine Klimann folgt der Spur dieser kämpferischen Witwe und trifft auf eine weitere Frau im Neuen Testament.

Von Schwester Christine Klimann |  Rom - 19.10.2019

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Impuls von Schwester Christine Klimann

Die Geschichte von der anderen Witwe zu kommentieren, der mit den zwei Geldstücken und dem Opferkasten, wäre leichter gewesen. Unsere Witwe hier ist nicht nur spröder – die ganze Geschichte ist voller Widersprüche. Warum sagt Jesus, dass wir unablässig beten sollen, wenn Gott nicht zögert, uns zu unserem Recht zu verschaffen? Warum wird Gott mit einem ungerechten und rücksichtslosen Richter verglichen? Und schließlich, am gravierendsten von allen: Wenn Gott nicht zögert, den zu ihm Schreienden zu ihrem Recht zu verhelfen, warum erleiden dann so viele Menschen auf dieser Welt bitterste Ungerechtigkeit?

Jesus scheint sich an diesen Widersprüchen nicht zu stören. Vermutlich also geht es ihm nicht um die Frage der Ungerechtigkeit in dieser Welt, sondern um etwas ganz anderes: um die Beziehung zum Vater. Wie können wir unsere Gottesbeziehung leben? Eine gute Beziehung will gepflegt sein. Unablässig zu beten ist dann keine moralische Forderung, sondern Ausdruck eines inneren Gezogen-Seins. Oder wer kann von einem Liebenden verlangen, dass er nur drei Stunden am Tag an seine Geliebte denkt, den Rest der Zeit aber so tut als gäbe es sie nicht, um sich besser auf seine Arbeit konzentrieren zu können?

Wahrscheinlicher ist es, dass er den Gedanken an sie wie einen stillen Schatz immer bei sich trägt und dass er eine eigene Kreativität entwickelt, um ihr immer wieder Zeichen der Zuneigung zukommen zu lassen. In der Verliebtheitsphase geht das mühelos und fast wie von selbst vor sich. Die Kunst ist es, durch die Zeit hindurch das Feuer am Brennen zu erhalten. Manchmal geht es vielleicht auch einfach darum, die Glut zu hüten und zu ersehnen, dass sie sich neu entfacht.

Wenn es rundum kälter wird, gewinnt ein zweiter Aspekt an Bedeutung: Vertrauen. Jesus verspricht uns gerade nicht eine sofortige Lösung aller Probleme. Es ist hart, Ausbeutung und Korruption mit anzuschauen, Gewalt, die kein Ende nimmt. So viele Katastrophen im Kleinen wie im Großen. Da kann einem schon wie der Witwe der Wunsch kommen, irgendjemandem, und sei es Gott, der doch für alles verantwortlich ist, ins Gesicht zu schlagen.

Oder aber wir suchen einen anderen Weg und lassen uns von dieser Witwe auf jene andere verweisen und wagen es, zu vertrauen. Um es klar zu sagen: Das ist keine natürliche, sondern eine gewagte und paradoxe Haltung. Menschliche Logik greift da nicht mehr. Aber wenn ich wirklich auf die Beziehung zu Gott setze, dann könnte ich meine Rechthaberei und meine Forderungen aufgeben, so wie jene andere Witwe ihre letzten beiden Geldstücke hergibt: in dem paradoxen und doch unzerstörbaren Vertrauen, dass ihr Gott sie nicht vergisst und ihr – und all denjenigen, für die ich es ersehne – auf eine noch unbekannte Weise Recht geschehen wird.

Von Schwester Christine Klimann

Evangelium nach Lukas (Lk 18,1-8)

In jener Zeit sagte Jesus ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten: In einer Stadt lebte ein Richter, der Gott nicht fürchtete und auf keinen Menschen Rücksicht nahm. In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Verschaff mir Recht gegen meinen Widersacher!

Und er wollte lange Zeit nicht. Dann aber sagte er sich: Ich fürchte zwar Gott nicht und nehme auch auf keinen Menschen Rücksicht; weil mich diese Witwe aber nicht in Ruhe lässt, will ich ihr Recht verschaffen. Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mich ins Gesicht.

Der Herr aber sprach: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern bei ihnen zögern? Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen. Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, den Glauben auf der Erde finden?

Die Autorin

Schwester Christine Klimann gehört zur Kongregation der Helferinnen, ist Pastoralreferentin und studiert in Rom Psychologie.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.