Ich werde angesehen, also bin ich
Schwester Veronica Krienen über das Sonntagsevangelium

Ich werde angesehen, also bin ich

Im heutigen Sonntagsevangelium präsentieren zwei Menschen das Bild, das sie von sich selbst haben. Unsere Autorin Schwester Veronica Krienen zieht Parallelen zum Alltag und sagt: Sein ganzes Bild kann niemand erkennen.

Von Sr. Veronica Krienen OSB |  Köln - 26.10.2019

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Impuls von Schwester Veronica Krienen

Wie stehe ich da? – Eine Frage, die uns immer wieder mal beschäftigt. Was ist mein standing, mein Ansehen im Leben? Woran kann ich das ablesen, woher beziehe ich gültige Informationen darüber, wer ich bin? Zeigt sich mein Wert an den Selfies, die ich poste, zeigt er sich daran, was ich meinen Freunden über mich erzähle oder daran, was ich in meinem Tagebuch anvertraue?

Auch die beiden Männer in unserem Evangelium denken über sich nach. Das Bild, das der Pharisäer von sich entwirft, gleicht einem photoshop-frisierten Selfie. Es sieht schön aus, zeigt aber nur eine ausgewählte Seite der Wirklichkeit, die Schokoladenseite, die Seite, die er gerne vorzeigen möchte. Wie wenig das vor Gott zählt, ist ihm anscheinend nicht zugänglich.

Der Zöllner ist so mutig, sich in seiner ganzen Bedürftigkeit zu zeigen; er fühlt sich als Sünder und weiß sich auf Vergebung und Gnade angewiesen. Dass er genau darin schon längst in der Gnade Gottes steht, scheint ihm verborgen.

Keiner von den beiden und keiner von uns kann seine ganze Wirklichkeit selbst sehen. Wir sind angewiesen auf Augen, die uns anschauen und unsere Wahrnehmung ergänzen. Jeder Menschen braucht Angesehen-Werden, jeder braucht Ansehen.

Für die beiden Männer in unserem Evangelium und für uns ist das Gebet ein guter Ort der Selbstvergewisserung. Wie unsere beiden Männer dürfen wir da zum Ausdruck bringen, wie wir uns sehen, welches Bild wir von uns haben. Wie der Zöllner sollten wir dabei mit Gott wirklich rechnen, uns für ihn öffnen. Wenn wir ihn als Gegenüber ernst nehmen, werden wir uns von ihm sagen lassen, wer wir sind.

Egal wie wir uns selbst sehen – das Wort, das Gott zu uns spricht und über uns spricht, wird unsere viel grundlegendere und tiefere Wahrheit zur Sprache bringen. Stellen auch wir uns an diesem Sonntag vor Gott, sagen wir ihm ruhig, wie wir uns fühlen, wie wir uns vorkommen, was wir an uns schätzen und was wir an uns nicht mögen. In seinem Licht können wir zu unserer tiefsten Wahrheit stehen. Das Geschenk Gottes ist, dass er uns ansieht, dass er uns will, dass wir vor ihm und durch ihn im Tiefsten ok sind.

Lassen wir sein Angesicht über uns leuchten und empfangen wir von ihm unseren eigentlichen Wert, unser Ansehen.

Von Sr. Veronica Krienen OSB

Aus dem Evangelium nach Lukas (18,9-14)

Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Gleichnis:

Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.

Der Pharisäer stellte sich hin und sprach bei sich dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.

Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.

Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig!

Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause hinab, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

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Es gibt dich
weil Augen dich wollen,
dich ansehen und sagen
daß es dich gibt.

Hilde Domin

Die Autorin

Sr. Veronica Krienen OSB lebt als Benediktinerin in Köln. Die Psychologin arbeitet im Edith-Stein-Exerzitienhaus und in der Ausbildung des Ordensnachwuchses.

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Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bieten wir jeden Sonntag den jeweiligen Evangelientext und einen kurzen Impuls an. Die Impulse stammen von Ordensleuten und Priestern.