Ein Tag mit Bischof Franz-Josef Overbeck
Katholisch.de begleitet den Oberhirten von Essen

Ein Tag mit Bischof Franz-Josef Overbeck

Zehn Jahre ist Franz-Josef Overbeck nun schon Bischof von Essen. Er steht einer Diözese mit zahlreichen Herausforderungen vor. Katholisch.de hat einen Tag mit einem Oberhirten verbracht, der gerne und viel arbeitet – und versucht, sich das nicht anmerken zu lassen.

Von Christoph Paul Hartmann |  Essen - 11.11.2019

Dafür, dass es ein früher Morgen ist, ist Franz-Josef Overbeck erschreckend wach. Herzlich begrüßt er den Besuch um 7 Uhr, nur um kurz darauf zur Tür des Bischofshauses in der Essener Innenstadt zurückzukehren und zwei Priester hereinzulassen. Overbeck steht jeden Tag um 5.20 Uhr auf, denn er will Zeit für das persönliche Gebet haben – und für täglich sieben bis acht Zeitungen, die er liest, um im Weltgeschehen auf dem Laufenden zu bleiben. Montagsmorgens trifft er sich stets mit seinen engsten Mitarbeitern, um gemeinsam Messe zu feiern und danach zu frühstücken. Aus ganz unterschiedlichen Gründen gibt es aber für heute viele Absagen. Deswegen bleiben nur Weihbischof Wilhelm Zimmermann und Michael Dörnemann, der Leiter des Pastoraldezernates.

Gemeinsam geht es in den ersten Stock, in dem sich die kleine Kapelle befindet. Heute zelebriert Overbeck selbst die Messe – das ist aber keinesfalls jede Woche so. Die Aufgabe übernimmt jeder Priester einmal. Auch, wenn die Priester konzelebrieren, sitzen alle bis zur Wandlung in den Bänken und erheben sich nur, um einen Text vorzulesen oder ein Gebet zu sprechen. "Man muss da unter den Mitbrüdern eine besondere Gottesdienstkultur entwickeln", sagt Overbeck dazu.

Franz-Josef Overbeck mit Michael Dörnemann bei der Messe im Bischofshaus. "Man muss da unter den Mitbrüdern eine besondere Gottesdienstkultur entwickeln", sagt Overbeck.

Der Bischof selbst wirkt während der Feier in sich gekehrt, konzentriert. Die Messe hält er schlicht, ohne große Gesten, auf das Wesentliche reduziert. Dazu passt der fast weiße, bis auf eine mittelalterliche Marienfigur und den Elfenbeintabernakel aus vergangenen Jahrzehnten ("Sowas könnte man heute überhaupt nicht mehr anschaffen") sehr schmucklose Raum. Kahle weiße Wände, nur sehr zurückhaltend gestaltete Fenster, vier um den ebenfalls weißen Altar angeordnete Bänke prägen die Kapelle. Overbeck bewegt sich nur wenig, spricht mit leiser, sonorer Stimme die Gebete des Messbuchs und einige wenige einleitende Worte zum Tagesevangelium. Heute geht es um das Lukasevangelium, in dem Jesus Jesaja zitiert: "Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe." (Lk 4,18) Das fasst die Mission Overbecks in Essen schon sehr gut zusammen. Sein Wahlspruch ist da aber deutlich zurückgenommener: "Magnificat anima mea Dominum" ("Meine Seele preist die Größe des Herrn"), die Anfangsworte des Lobgesang Mariens, dem Magnificat.

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Frage an den Essener Bischof Franz-Josef Overbeck.

Eine Etage weiter unten ist der Tisch bereits gedeckt. Jetzt gibt es erst einmal Kaffee, das "achte Sakrament", sagt Overbeck. Bei Brötchen, Butter und Marmelade schweift sein Blick immer wieder aus dem Fenster, die auf den Burgplatz ganz im Zentrum Essens hinausblicken. Obdachlose schlafen hier, direkt neben dem Bischofshaus wird mit Drogen gehandelt. Kein ganz einfaches Umfeld in einer vom Strukturwandel mitgerissenen Region. Overbeck erzählt von Erbrochenem, das er erst vor Kurzem morgens vor der Tür vorgefunden hat – und selbst beseitigte. Daneben aber auch von einem Obdachlosen, der oft in die Kirche kommt – und die Predigten des Bischofs "ganz erträglich" findet, "wenn sie nicht so lang sind". Er habe die Fahne des Mannes gerochen und ihm gesagt, dass er sich mit dem Alkohol zu Grunde richte. "Da sagte er nur: 'Das habe ich schon.'" Overbecks Lächeln fällt in sich zusammen. Er sieht kurz vor sich hin. Solche Geschichten begegnen ihm häufiger. Wenn er Obdachlosen Brote nach draußen bringt, sie aber nicht dazu bewegen kann, in eine der vielen Einrichtungen zu gehen. "Es gibt Formen der Armut, da kann man nichts machen", sagt er nachdenklich. Wohl wissend, dass die sichtbare Armut in seinen zehn Bischofsjahren in Essen merklich gestiegen ist. Das Problem beschäftigt ihn.

Zuhause bei einem Asketen

Nach dem Frühstück gewährt er kurz einen Einblick in einen Ort, den sonst nur wenige zu Gesicht bekommen: seine Privatwohnung. Eine physische Hürde dorthin gibt es nicht. Geschlossene Türen sind im Bischofshaus ein Fremdwort. Selbst diese ist stets offen. Das gilt für Overbeck, aber auch für seine Mitarbeiter. "Offene Türen stehen für mehr." Im Inneren seiner Wohnung tritt man als erstes in die Bibliothek. Vom Boden bis zur Decke reichen die Bücher. Doch es ist nur ein Bruchteil der Lektüre des Viellesers Overbeck. Die meisten Bücher gibt er nach dem Lesen weg. Die Bibliothek fällt durch ein weiteres Merkmal auf: Die großen Regale aus dunklem Holz. Der Bischof hat sie von seinem Vorgänger übernommen. Sein Stil sind sie nicht. Overbecks sonstige Privaträume sind spartanisch eingerichtet, nur hin und wieder begegnet der Besucher einem einzelnen Kunstwerk oder einem Familienfoto. Einen Mönch würde man in dieser Atmosphäre erwarten, für einen Bischof erscheint sie eher ungewohnt. Für Overbeck ist das Programm. Er sortiert alles aus, was vom Wesentlichen ablenkt; seien es Möbel, Bücher oder Bilder. Auch einen Fernseher sucht man bei ihm vergebens.

"Ich bin ein Mann des Wortes", sagt Overbeck und meint damit sowohl seine Vorliebe für das Lesen als auch für das Schreiben und Reden. Das hat auch mit seiner Geisteshaltung zu tun. "Ich widme Dingen viel Aufmerksamkeit, dann werde ich nicht müde", sagt einer, der nach eigener Schätzung um die 90 Stunden in der Woche arbeitet und dabei noch Zeit für Gebet und Lektüre finden will. Disziplin und Treue sind der Schlüssel, findet er.

Diese Disziplin benötigt er auch, um neben seiner Arbeit Zeit für Meditation, Privatleben und eigene Lektüre zu finden. Besuche von oder bei seiner Familie werden Monate im Voraus geplant. Auch Büchern widmet er sich vor allem effektiv: Kaum eines liest er vollständig, denn er liest nur ungern, was er schon weiß. Deshalb wählt er anhand des Inhaltsverzeichnisses stets aus, welchen Teilen er wirklich Beachtung schenkt. Dass er ein Buch von vorne bis hinten durchliest, ist eine Seltenheit. Zuletzt war das bei einer Napoleon-Biografie der Fall.

Overbeck mit Heribert Kleine (li.) und David Bugiel (re.).

Der aus Marl an der Grenze von Münsterland und Ruhrgebiet stammende Overbeck ist ein Mann des Geistes: Geboren in eine seit dem 14. Jahrhundert nachweisbare Landwirtsfamilie (es gibt sogar einen Schnaps seines Namens), studierte er vor allem in Rom Theologie und Philosophie. Später promovierte er in Münster zur "Anthropologie und Trinitätstheologie Wolfhart Pannenbergs". 2007 wurde er Weihbischof im Bistum Münster, bevor er zwei Jahre später die Essener Diözese übernahm. Wiederum zwei Jahre später folgte zusätzlich das Amt des Militärbischofs. Außerdem ist er zuständiger Bischof für das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat und leitet bei der Bischofskonferenz die Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen, was ihn umgangssprachlich zum "Sozialbischof" macht.

Zu- und Ausarbeiten

Die nächste Besprechung steht an. Am Tisch sitzen Overbecks persönlicher Referent Heribert Kleine und David Bugiel, der für den Bischof Redemanuskripte und Aufsätze vorbereitet. Heute besprechen die drei Termine und Aufgaben für die Woche. Es geht um die Jurysitzung für den Preis einer Krankenhausgesellschaft, ein Grußwort für einen Gottesdienst, das nächste Hirtenwort des Militärbischofs und das Vorwort für einen Sammelband. Die Aufgaben und Abläufe sind dabei fest verteilt. Für das Vorwort gibt Overbeck Bugiel einige Stichworte, in welche Richtung der Text gehen soll. Bugiel recherchiert die Fakten und bereitet einen Textentwurf vor, dem Overbeck dann in einer Schlussredaktion noch seine eigene Note gibt. Lediglich seine Predigten und Hirtenworte schreibt der Bischof vollständig im Alleingang, holt sich aber Rückmeldungen von seinen Mitarbeitern. Arbeit zu delegieren, ist Overbeck wichtig. Anders könne man den Job nicht machen, sagt er. "Dafür bekommen meine Mitarbeiter auch einen Vertrauensvorschuss." Er respektiert deren Entscheidungen, auch wenn er manchmal anders gehandelt hätte.

Nun folgt für Overbeck das "Schwarzbrot" seiner Arbeit: Es geht an den Schreibtisch in seinem Büro. Auch hier offene Türen und eine spartanische Einrichtung. Vor dem Schreibtisch stehen auf der Fensterbank unter anderem Fotos der Päpste Paul VI., Benedikt XVI. und Franziskus, zudem Bilder der heiligen Franziskus und Ignatius von Loyola. Zwischen den Fotos eine kleine Version des goldenen Engels von Ewald Mataré, der oben auf dem Dach des Bischofshauses thront. Früher gab es neben dem Büro ein kleines Zimmer, das laut Overbeck keine rechte Funktion hatte. Er ließ die Wand einreißen, alle Möbel ausräumen und stellte nur einen Tisch mit vier Stühlen dorthin. Der einzige Schmuck an der Wand sind drei päpstliche Urkunden Overbecks: Sie machten ihn zum Weihbischof, Bischof von Essen und Militärbischof.

"Ich widme Dingen viel Aufmerksamkeit, dann werde ich nicht müde", sagt einer, der nach eigener Schätzung um die 90 Stunden in der Woche arbeitet.

Ähnlich aufgeräumt wie sein Büro ist auch sein Schreibtisch. Der Essener Bischof gehört zu den Verfechtern eines leeren Schreibtischs am Abend. Es gibt zwar eine Mappe mit der verführerischen Aufschrift "Diverses". "Aber ich habe ganz klar geregelt, was bei mir ‚Diverses‘ ist", sagt er und schmunzelt. Wie bei allen seinen Tätigkeiten wirkt Overbeck auch hier konzentriert, fokussiert und in sich gekehrt, bewegt sich nur wenig. Trotzdem strahlt er keine Anspannung aus – ganz im Gegenteil. So viel Arbeit auch vor ihm liegt, er scheint ruhig und gelassen zu sein. Sorgfältig geht er Papiere durch, legt sie gerade aufeinander und sortiert sie nach getaner Arbeit in die entsprechende Mappe ein. Auch hier wieder viele Bücher: Theologische Fachlexika, Literatur über Essen, Ausgaben der bistumseigenen Zeitschrift "BENE" und zahlreiche Bücher zu historischen Themen – dem persönlichen Interessensfeld Overbecks.

Neue Arten von Glaube

Am frühen Nachmittag wartet der nächste Termin: Der Einführungskurs für junge Erwachsene, die ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) machen. Nach und nach stellen sich die 16- bis 21-Jährigen vor, die in Kinder- und Seniorenbetreuung, Krankenhäusern und Pfarreien arbeiten. Dem Bischof gegenüber haben sie sichtlich Berührungsängste. So richtig mag sich kein Gespräch entwickeln. Overbeck bekennt: Er und die Jugendlichen sind zwei Generationen auseinander. Er, der damals nicht bei der Bundeswehr war, wird wieder nachdenklich: "Ich muss mein ganzes Berufsleben nachsitzen, weil ich so ein Jahr selbst nicht gemacht habe", gibt er zu. Das Jahr "im richtigen Leben" vor Ausbildung oder Studium werde sie weiterbringen, gibt er den jungen Menschen mit auf den Weg.

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Frage an den Essener Bischof Franz-Josef Overbeck.

Es geht zurück ins Büro, Verwaltungsarbeit. Overbeck macht sich keine Illusionen: Trotz ehrenamtlicher Gemeindeleiter, Segnungsfeiern für Neugeborene und anderen niederschwelligen Angeboten – die Kirchenmitgliederzahlen in seinem Bistum werden weiter zurückgehen. Das hat überall Folgen für Strukturen und Ressourcen. Wie weitreichend diese Folgen sind, werde aber regional sehr unterschiedlich sein, abhängig auch von Geld und Engagement vor Ort, sagt er. "Mancherorts müssen wir eine Kirche schließen, woanders werden außer einer alle Kirchen geschlossen." Das hat im Bistum schon für viel Schmerz und Tränen gesorgt. Aber Glaube sei im Wandel, Orte von Glauben sähen heute anders aus, findet Overbeck. Noch hingen aber viele auch jüngere Menschen an althergebrachten Strukturen. "Es muss eine Generation geboren werden, die diese Strukturen nicht mehr kennt. Dann wissen wir, in welche Situation hinein sich die Kirche entwickeln wird." Bis dahin ist sein Credo, unterschiedliche Glaubensstile von traditionell bis progressiv nebeneinander stehen zu lassen und niemanden zu bevorzugen. Sehnsucht nach früher hat er laut eigenem Bekenntnis nicht. Er empfindet stattdessen eine "Liebe zur Gegenwart". Diese Pluralität im Glauben sei auch eine Bereicherung.

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Frage an den Essener Bischof Franz-Josef Overbeck.

Um die großen Themen geht es auch beim heutigen Abendtermin. Der Bischof ist zur Vollversammlung des Diözesanrates eingeladen und soll dort zu den drängenden Fragen des Kirchenvolks Stellung beziehen. Es geht auf dem Podium um den Kommunionempfang bei Wort-Gottes-Feiern, nicht-muttersprachliche Priester, die Rolle von Ehrenamtlichen und die Ökumene.

Es ist mittlerweile nach 18 Uhr und die elf Stunden des Arbeitstages merkt man Overbeck an. Er geht nach jeder Frage kurz in sich, bevor er eine Antwort gibt, langsam, gemessen, mit der bekannten sonoren Stimme. Er setzt den Gläubigen keine strikten Regeln vor, nennt sein Ideal, macht aber auch Zugeständnisse an die Praxis. So sei es zwar wünschenswert, am Sonntag bei einer zumutbaren Entfernung zur Eucharistiefeier zu gehen. Er kann aber auch verstehen, dass die Menschen gerne in ihren Gemeinden mit bekannten Menschen in bekannten Gebäuden feiern – wenn es dann auch "nur" ein Wortgottesdienst ist. Overbeck weiß: Der Zugang der Menschen zur Kirche hat sich geändert. "Ich kann dogmatisch argumentieren, aber damit erreiche ich viele nicht." Da komme es dann eher auf die Erfahrung und die individuelle Beziehung an. Von den Versammelten kommt viel Zuspruch, es wird genickt.

Der Abend ist schon ein gutes Stück fortgeschritten, als Overbeck wieder ins Auto steigt und zum Bischofshaus zurückfährt. Sein Tag ist noch nicht ganz vorbei, denn der Schreibtisch ist noch nicht leer. Ist er ein Workaholic? "Nein, ich mache meine Arbeit einfach gerne. Das ist schließlich meine Berufung." Hinter seinem Fenster neben dem Essener Dom brennt also noch eine Weile Licht.

Von Christoph Paul Hartmann

Linktipp: Themenseite "Ein Tag mit..."

Wie sieht eigentlich der Alltag eines Bischofs aus? Das hat sich katholisch.de auch gefragt – und begleitete deshalb verschiedene Bischöfe für einen Tag.